Rund 1500 Menschen beteiligten sich am Protest gegen einen Naziaufmarsch und feierten anschließend den Tag der Befreiung vom Faschismus

Demmin: Befreiung feiern gegen rechts

Kerstin Lenz vom Aktionsbündnis 8. Mai zeigte sich gegenüber »nd« sehr zufrieden mit dem Verlauf der Aktionen. »Als wir mit den Protesten gegen den Aufmarsch der Rechten anfingen, waren wir fünf Menschen und wurden in der Stadt stark angefeindet«, sagt sie.

»Ich sag Maunz, ich mach kratz, Nazis kriegen auf die Tatz« diese Zeilen waren auf einem selbstgemalten Plakat zu sehen, das eine Frau am Freitagnachmittag durch Demmin trug. »Ich bin Katzenliebhaberin« sagt sie. Auf dem Demonstrationszug gegen einen rechten Aufmarsch durch die Kleinstadt im Norden Mecklenburg-Vorpommerns waren viele originelle Statements zu lesen. Die Parade, die am 8. Mai pünktlich um 17 Uhr am Bahnhof startete, war nicht nur ein Protest gegen …

… einen vermeintlichen »Trauermarsch« von Neonazis, sondern auch eine antifaschistische Feier zum 81. Tag der Befreiung Europas von der Naziherrschaft.

Deshalb trugen viele Antifaschist*innen nicht nur neonfarbene Westen und T-Shirts. Manche hatten auch bunte Hütchen auf dem Kopf und verteilten Lametta und Papierschlangen. In einem Aufruf des bundesweit aktiven Bündnisses Widersetzen, das zum zweiten Mal nach Demmin mobilisiert hatte, hieß es: »Wir feiern die dickste Befreiungsparty Deutschlands«. Nach Angaben des Aktionsbündnisses 8. Mai Demmin, das bereits seit 2007 antifaschistische Demos gegen die Nazi-Aufmärsche veranstaltet, waren rund 1500 Menschen zum Protest gekommen; viele aus Mecklenburg-Vorpommern, aber auch aus Hamburg, Rostock und Berlin. Die Polizei sprach von 1200 Teilnehmenden.

Kerstin Lenz vom Aktionsbündnis 8. Mai zeigte sich gegenüber »nd« sehr zufrieden mit dem Verlauf der Aktionen. »Als wir mit den Protesten gegen den Aufmarsch der Rechten anfingen, waren wir fünf Menschen und wurden in der Stadt stark angefeindet«, sagt sie. Auch die Polizei und die örtliche Politik habe die antifaschistischen Proteste immer wieder zu behindern versucht. So ließ der Bürgermeister Thomas Witkowski (CDU) im vergangenen Jahr kurzzeitig die von den Organisator*innen der Proteste bestellten und bezahlten Dixi-Toiletten beschlagnahmen. Sie könnten bei Auseinandersetzungen als Barrikaden benutzt werden, lautete die Begründung. In diesem Jahr blieben derlei »Nadelstiche« aus.

Auf der Demoroute waren unterdessen zahlreiche Plakate des Demminer Unternehmers Karl H. Witt zu sehen. Darauf hieß es: »Demminer sind keine Nazis. Stoppt die Antifa«. Vor Beginn der Demo hatte ein Sprecher des Bündnisses 8. Mai demgegenüber in einem Instagram-Video betont, die Antifaschist*innen seien mit Witt ganz einer Meinung: »Demmin ist kein Nazi-Kaff.« Man lade deshalb alle dazu ein, den Tag der Befreiung mitzufeiern und auch das antifaschistische Camp zu besuchen, das noch bis zum Sonntag in Demmin stattfindet. Vielmehr, so der Sprecher, kämen Nazis in die Stadt und versuchten, deren Geschichte zu instrumentalisieren.

Die Polizei war indes vor dem historischen Stadttor von Demmin massiv aufgefahren. Denn dort wollten die Rechten ihren Aufmarsch beginnen. Doch das konnten sie nicht, denn dort hatten sich schon einige Hundert Menschen niedergelassen und dachten auch nicht daran, den Platz wieder freizugeben. So konnten sie verhindern, dass die nach Polizeiangaben 300 Neonazis die ursprünglich geplante Route laufen konnten. Sie wurden von der Polizei auf eine Ersatzstrecke geleitet.

Viele Bewohner*innen Demmins beobachteten das Geschehen von ihren Wohnungen aus oder standen am Rande. Zu Wortgefechten zwischen jungen Antifaschist*innen und jungen Rechten kam es an der Brücke über die Peene, die zum Hafengelände führte, auf dem eine Befreiungsfeier stattfand. Dort präsentierte sich auch Die Linke mit einem großen Stand. Aktive der Partei hatten bereits den ganzen Tag über für Speis und Trank gesorgt. Sie verteilten Brote, Obst und Wasserflaschen an Demonstrierende.

Durch Polizeiketten von den Protestierenden getrennt, marschierten derweil die Neonazis. Auf ihrem »Trauermarsch« thematisieren sie seit fast 20 Jahren einen Massensuizid in Demmin nach dem Einmarsch der Roten Armee an gleicher Stelle zwischen dem 30. April und dem 4. Mai 1945. Bis zu 1000 Menschen setzten ihrem Leben aus Angst vor »den Russen« ein Ende und töteten vielfach auch die eigenen Kinder. Das lag auch daran, dass die Wehrmacht alle Brücken in der Umgebung von Demmin gesprengt hatte und so niemand das Gebiet verlassen konnte. »Der von Deutschland begonnene Vernichtungskrieg kehrte damals nach Demmin zurück«, sagte Guido Fröschke vom Bündnis 8. Mai.

Der Regisseur Martin Farkas hat den Massensuizid und verschiedene Perspektiven, auch die von Überlebenden, die damals Kinder waren, mit seinem 2017 veröffentlichten Film »Über Leben in Demmin« beleuchtet. Über viele Jahre hinweg hatte er Bewohner*innen dazu befragt, auch zu den seit 2007, damals noch von der NPD veranstalteten Aufmärschen. Am Freitag zeigte sich, dass die Nachfolgeorganisation »Die Heimat« noch oder wieder junge Rechtsradikale mobilisieren kann.

Peter Nowak