
Florian Schroeder gilt als einer der besten politischen Kabarettisten des Landes – klar links verortet und stets angriffslustig gegen rechts. Nach dem Anschlag beim CSD hat er nun ausgerechnet die eigene Szene ins Visier genommen: In einem TikTok-Video wirft er Teilen der Linken vor, auf dem islamistischen Auge blind zu sein und den politischen Islam über Jahre hinweg romantisiert zu haben.
Der Vorwurf löste heftige Gegenreaktionen aus – Zustimmung und Empörung hielten sich die Waage. Was hat den Kabarettisten dazu gebracht, mit den eigenen Leuten so hart ins Gericht zu gehen? Der Freitag hat bei Schroeder nachgefragt. …
… der Freitag: Herr Schroeder, in Ihrem TikTok-Beitrag monieren Sie, dass viele Linke auf dem islamistischen Auge blind sind und mit guten Absichten den politischen Islam und den Islamismus romantisiert haben. Wieso üben Sie diese Kritik gerade jetzt?
Florian Schroeder: Ich habe schlicht die Reaktionen aller politischen Lager nach dem CSD-Anschlag verfolgt. Da fielen zunächst die simplen Floskeln der Bundesregierung ins Auge: „Ein Anschlag auf unsere Art des Zusammenlebens“ und dieser ganze Quark. Aber auch ein Teil der Linken folgte einem bekannten Narrativ, am augenfälligsten der Neuköllner Ableger der Partei Die Linke: Schuld am Anschlag sind die Konservativen und Rechten. Das ist so dumm wie falsch. Und es steckt eine gefährliche Absicht dahinter: Man will sich nicht mit den eigenen Verstrickungen beschäftigen: der kaum verhohlenen Begeisterung für Islamismus und bestimmten Formen des Terrors, insbesondere in sogenannten progressiven Kreisen.
Haben Sie ein weiteres Beispiel für Ihre Kritik?
Wenn der Queerbeauftragte von Berlin, Alfonso Pantisano (SPD), Islamisten zu den konservativen Kräften zählt, verharmlost er Rechtsextremismus genau wie Islamismus. Zudem ist es ein Kategorienfehler: Konservative sind weder Terroristen noch Revolutionäre. Letztere sind radikal und disruptiv. Beides zeichnet Konservative gerade nicht aus, weil sie im Kern etwas bewahren wollen. Was man ihnen vorwerfen kann: dass sie sich immer wieder – tendenziell auch heute – zu Steigbügelhaltern rechtsextremer Kräfte gemacht haben.
Sie kritisieren, dass bei Linken nach islamistischen Anschlägen zu schnell Erklärungen kommen, dass es sich um psychisch Kranke handelt oder dass der Westen mit seinen Kriegen die Verantwortung trägt. Stecken in solchen Erklärungen nicht auch Wahrheitsmomente?
All das spielt zweifellos eine Rolle. Aber es ist ein Unterschied, ob mit diesen Verweisen etwas erklärt oder entschuldigt werden soll. Teile der progressiven Linken neigen nach meiner Wahrnehmung zu Letzterem – zu falschen Entschuldigungen, zu Relativierungen. Das hat mit der Lebenslüge vieler Linker zu tun: Antisemitismus, Angriffe auf die Vielfalt gibt es nur von rechts. Man suhlt sich in einer selbstgefälligen Reinheit: Wir standen doch immer auf der richtigen Seite der Geschichte! Wir können gar nicht böse sein! Dies, zusammen mit der notorischen Angst, in der islamophoben Ecke zu landen, macht blind dafür, dass Islamisten unsere viel gepriesene Vielfalt zutiefst hassen. Stattdessen lügen sich einige Linke immer tiefer in einen Opferkitsch hinein, der schon seit Jahrzehnten zur Folklore in diesen Kreisen zählt.
Wie sieht der konkret aus?
Terroristen sind nicht Täter, sondern Opfer der bösen imperialistischen westlichen Welt. Man muss sie nur liebhaben und den Kapitalismus abschaffen, dann wird das schon. Ein wirklich aufgeklärter Ansatz wäre, zu sagen: Es gibt muslimischen Antisemitismus und muslimische Queer- und Schwulenfeindlichkeit. Und zwar massiv. Und beidem müssen wir uns als Linke entgegenstellen, wenn wir unsere Ideale wirklich hochhalten und verteidigen wollen. Alles andere ist Wegducken am Lagerfeuer der eigenen Bubble.
Sie sind in Ihrem TikTok-Beitrag auch auf die Palästinasolidarität großer Teile der Linken eingegangen. Geht es da nicht in erster Linie um den Kampf für Menschenrechte?
Der 7. Oktober 2023 und das, was danach passierte, ist für eine ganze Generation zu einem politischen Erweckungserlebnis geworden. Das gilt es anzuerkennen. Fast alle Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg waren Ost-West-Konflikte. Vom Kalten Krieg bis zum Ukraine-Krieg. Der 7. Oktober offenbarte eine neue, viel grundsätzlichere Linie: den Kampf zwischen Norden und Süden. Ein Teil der Linken hat sich nachvollziehbar mit dem Globalen Süden solidarisiert, mit den vermeintlich Unterdrückten. Das ist legitim und nachvollziehbar. Doch daraus ist schnell ein manichäisches Weltbild geworden: der gute Globale Süden, der Opfer des bösen Nordens, also des Imperialismus, geworden ist. Die Analyse hat einen Punkt, aber nach meiner Wahrnehmung kann dieser Teil der selbsternannten progressiven Linken gar nicht für etwas sein. Ihr Bekenntnis zu den Palästinensern ist ein Taschenspielertrick, um ihren Antizionismus zu verschleiern, also letztlich die Vernichtung Israels billigend in Kauf zu nehmen oder gar zu befeuern – als Inbegriff des Bösen und des Imperialismus.
Dazu gehören auch Gruppen wie die in Ihrem TikTok-Beitrag erwähnten „Queers for Palestine“. Wie erklären Sie sich, dass sie oft nicht vom Islamismus reden, obwohl sie von ihm bedroht werden?
Ich meine, die Realität sieht komplexer aus, als die wenigen lautstarken Queers for Palestine es suggerieren. Ich kenne viele Schwule und sogar trans* Personen, die AfD wählen wollen, weil sie überzeugt sind, dass nur sie unsere CSDs vor der muslimischen Intoleranz retten kann. Ein fataler Irrtum. Aber das laute Schweigen vieler Linker und das fehlende Bekenntnis zu Freiheit und Vielfalt, das sie doch sonst immer von allen sklavisch einfordern, bringt zusätzlichen Wind unter die Flügel der Rechtsextremen.
Die Diskussion, wann Kritik an der Politik der israelischen Regierung in Antisemitismus umschlägt, wird ja gerade in Deutschland in der Linken seit Jahren sehr intensiv und mit großer Ausdauer geführt. Hat diese israelsolidarische Linke in den letzten Jahren an Einfluss verloren?
Nein, ich würde sagen, dass die differenzierte, israelsolidarische und palästinensersolidarische Linke noch immer in der Mehrheit und die identitäre, sich selbst als progressiv missverstehende Linke in der Minderheit ist. Der größte Teil des Spektrums ist vernünftig aufgestellt, erkennt auch die hochkomplexe Gemengelage im Nahen Osten an und ist dabei um einen Ausgleich bemüht.
Warum halten Sie identitäre Linke trotzdem für eine Gefahr?
Weil sie für eine moralische Reinheit plädiert, die am Ende auch eine ethnische Reinheit zur Folge haben wird. Die identitäre Linke stellt sich gegen den Universalismus. Der aber muss der Grundpfeiler jeder dauerhaft überzeugenden linken Bewegung sein. Die Identitäre geht davon aus, dass ein Mensch schuldig oder unschuldig ist, weil er oder sie eine bestimmte Hautfarbe hat oder in einer bestimmten Weltgegend geboren oder sozialisiert ist. Das ist im Kern linker Rassismus. Indigene sind in diesem Weltbild die Vertreter einer ursprünglichen Unschuld und werden darum glorifiziert und romantisiert. Doch das ist eine erzreaktionäre Utopie. Wann immer eine Bewegung zurück zu einer Unschuld will, sollten alle Alarmglocken läuten.
In Frankreich wird schon seit mehreren Jahren kontrovers über einen „Islamo-Gauchisme“ diskutiert. Damit ist ein Bündnis zwischen der Linken und dem Islamismus gemeint. Sehen Sie auch in Deutschland Anzeichen für eine solche Kooperation?
Es lässt sich zeigen, dass es nach dem 7. Oktober 2023 und der Antwort der israelischen Armee zu einer Kooperation zwischen einigen Teilen der Linken und islamistischen Gruppen gekommen ist. Das liegt an der Romantisierung von Unterdrückten und einer heimlichen Begeisterung für Umsturz durch Gewalt und Terror. Daher auch der Euphemismus Befreiungsorganisation für die Hamas. Dem Opfer ist alles erlaubt. Das ist das Wesen der Barbarei.
Das ist übrigens nicht ganz neu. Der frühere RAF-Terrorist Horst Mahler, den ich für mein Buch über das Böse noch im Knast besucht habe, fuhr schon in den 1960er-Jahren zur PLO, um sich für den Guerillakrieg an der Waffe ausbilden zu lassen. Er stellte danach ernüchtert fest, dass dort derselbe Gehorsamkeits-Ethos herrschte wie bei den Nazis, die man doch unbedingt bekämpfen wollte.
Haben Sie sich vor Ihrem TikTok-Auftritt zum Islamismus geäußert?
Ich habe mich schon lange immer wieder kritisch auch zu Entwicklungen in der Linken geäußert. Der 7. Oktober war für mich ein Umstimmungsmoment. Der Anschlag beim CSD und die Reaktionen waren für mich die historische Sekunde, um eine Tür aufzustoßen und diesen Irrsinn zu benennen. Das ist schon deshalb wichtig, um das Thema nicht der rechtsautoritären, illiberalen Ecke und ihren widerlichen Verführern zu überlassen.
Es gab Zustimmung, aber auch viel Kritik auf Ihre Intervention auf TikTok. Haben Sie damit gerechnet?
Natürlich, das ist als Teil der Veröffentlichung schon eingepreist. Am unterhaltsamsten sind die Beiträge von Leuten, die dann glauben, ich sei jetzt ein rechter Konvertit, oder noch lustiger: die Unterstellung, das sei wohl KI gewesen und nicht ich. Dahinter steht der mehr als befremdliche Gedanke, man könne nur gegen eine Seite sein – also die rechte – und nicht etwa auch gegen den Bockmist einiger Linker. Die einzigen Gegner, die es für mich gibt, sind Dogmatiker und Extremisten.
Viele Rechtsextreme hegen heimliche Bewunderung für den Islamismus
Kommen Sie mit der Verwendung des Extremismusbegriffs nicht auf vermintes Gebiet? Schließlich wird ja auch staatsoffiziell immer von den unterschiedlichen Extremen gesprochen, die angeblich „unsere Demokratie“ bzw. unser Grundgesetz bekämpfen.
Ich sehe den Islamismus klar als eine Form des Extremismus. Wenn Leute, die sich für Demokraten halten, ihm nicht entschieden entgegentreten, kann das ein Merkmal für Extremismus sein.
Könnte man den Islamismus nicht auch als eine Form des Faschismus bezeichnen?
Zweifellos gibt es da viele Gemeinsamkeiten wie den Antisemitismus, den Kampf gegen gesellschaftliche Minderheiten. Zudem gibt es auch bei AfD-Leuten und MAGA-Fans in den USA eine mehr oder weniger heimliche Bewunderung für islamistische Bewegungen.
Das überrascht. Schließlich tritt doch die AfD als entschiedener Kämpfer gegen den Islamismus auf.
Viele Rechtsextreme hegen heimliche Bewunderung für den Islamismus. Ich verweise da nur auf ein Zitat des AfD-Politikers Maximilian Krah von 2023. Dort sagte er: „Das Lustigste, was ich mit dem Pride Month erlebt habe, war 2021. Da rief die US-Botschaft in Kabul stolz den Pride Month aus. Es dauerte keine drei Wochen, bis die Taliban in Kabul einmarschiert sind. Ich glaube, dass das die einzige richtige Antwort auf den Pride Month war.“ Das zeigt, die bunte, queere Welt ist von Islamisten und Rechtsextremen gleichermaßen bedroht. Interview: Peter Nowak