Ja, es gibt noch gesellschaftskritische Kunst, die sich nicht in dem Beschwören von katastrophalen Weltbil- dern erschöpft. Franz Wanner ist ein Künstler, der genau hinschaut und nachfragt. Seine Arbeiten stehen dafür, wie sein neues Werk auf beeindruckende Weise beweist.

Feinde am Rande des Rahmens

Dass Wanner mit seiner gesellschaftskritischen Arbeit immer wieder auch ins Visier der repressiven Staatsapparate gerät, wird in dem Katalog durch sei- nen Briefwechsel mit der Polizeidirektion München dokumentiert. Wanner wurde an seiner Arbeit gehindert, als er die Mauer von Neuperlach fotografierte, die die Bewohner*innen einer Mittelschichtssiedlung von Migrant*innen trennen sollte. Nachdem zwei Objektschützer Wanner zur Löschung der Fotos aufforderten und der Künstler sich weigerte, wurde die Polizei eingeschaltet. Auch die drängte Wanner vergeblich zum Löschen der Fotos.

Kaum jemand kenn noch Heidrun Hofer. Sie war in den 1970er-Jahren Mitarbeiterin des Bundesnachrichtendienstes (BND) und hatte Sympathien für die Nazis. Damit war sie bei dem von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern gegründeten Organisation sozusagen unter Kamerad*innen. Deshalb war sie auch sehr gesprächig, als sich ein Hans Puschke als angeblicher Mitarbeiter der Altnazi-Organisation «Überlebensträger» vorstellte und geheime Informationen abgreifen wollte. Hofer gab dem vermeintlichen Kameraden über einen längeren Zeitraum Dokumente aus ihrem Arbeitsbereich. Als sich der vermeintliche Altnazi als ….

…. KGB-Agent entpuppte und klar wurde, dass Hofers Informationen an die Sowjetunion gingen, sprang Hofer aus dem sechsten Stock des Bayerischen Landeskriminalamtes, überlebte aber schwerverletzt.

Ein spezieller Stadtplan

Erfahren kann mal diese längst vergessene Ge- schichte in dem Katalog «Foes at the Edge of the Frame» (Feinde am Rande des Rahmens). Dort sind die jüngsten künstlerischen Interventionen von Franz Wanner in Text und Foto dokumentiert. Franz Wanner ist das Pseudonym eines 1975 in Bad Tölz geborenen Künstlers, dessen Arbeiten in der Tradition einer Gesellschaftskritik steht, wie sie heute noch selten zu finden ist. Die kurze Notiz zu Heidrun Hofer ist ein gutes Beispiel dafür. Sie ist ein Teil eines ganz speziellen Stadtplans von München, der auf dem Cover des Katalogs abgedruckt ist. Doch nicht Kirchen und Museen sind mit Ziffern aufgeführt. Vielmehr finden sich dort Adressen, Tarnbezeichnungen und Funktionen von geheimdienstlichen Einrichtungen in München. Insgesamt sind dort 125 Örtlichkeiten aufgeführt. Dazu gehört mit der Eisenheimerstrasse 21 auch die ehemalige Arbeitsstelle von Heidrun Hofer.

Wir erfahren auch, dass sich in der Münchner Helene-Weber-Allee 23 hinter grossen Wettermessgeräten Dienststellen des BND befinden. Wir erfahren aber hier auch viel über die Arbeitsweise eines Künstlers, der den Begriff Gesellschaftskritik ernst nimmt. Wanner macht in seinen Arbeiten gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar, will sich aber nicht als investigativer Künstler begreifen. «Obgleich sein Prozess häufig erstaunliche Informationen hervorbringt, deckt der Künstler weniger auf, als dass er genau hin- sieht und nachfragt», fasst die Herausgeberin des Katalogs Stephanie Weber Wanners Arbeitsmethode zusammen. Im Katalog gibt es hierfür zahlreiche weitere Beispiele. So lernen wir etwas aus dem Innenleben des Schulungsorts des Bundesnachrichtendienstes kennen, in dem Geheimdienstmitarbeiter*innen zur Befragungen von Migrant*innen ausgebildet werden. Das Ziel ist es, geheime Informationen über deren Herkunftsländer zu erfahren. Wir sehen einen dieser Fragebögen, mit denen auch die Vertrauenswürdigkeit der befragen Personen geprüft werden soll.

Der Ludwig Bölke Campus

Dass aus solchen Befragungen weltpolitische Folgen haben können, zeigt der Fall des irakischen Migranten mit dem Pseudonym Curveball, der dem BND über verborgene Waffen im Irak berichtete, die vom militärisch-industriellen Komplex der USA für den Irakkrieg genutzt wurden. Dass Curveball den Irak- Krieg auslöst, wie die Tageszeitung Die Welt titelte, dürfte freilich eine völlige Überschätzung seiner Rolle sein. Doch die Rolle dieser BND-Informant*innen und auch der Druck, der auf sie ausgeübt wird, damit sie erwünschte Aussagen machen, ist von Wanner erstmals künstlerisch bearbeitet worden. In vielen seiner Interventionen thematisiert er das Agieren der Bundeswehr und des militärisch-Industriellen Komplexes in Deutschland. Dazu gehört der 2013 nach einem NS-Ingenieur benannte Ludwig Bölke Campus in Ottobrunn bei München. Er war im NS als Luftfahrtforschungsanstalt von Zwangsarbeitern aus Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagern errichtet worden. Die Fundamente des Kriegsgefangenenlagers liegen in Sichtweise des Campus. Heute werden dort im Rahmen eines Bachelorprogramm Studieren- de als Kampfpilot*innen für die Bundeswehr ausgebildet. Bei dieser Arbeit wird Wanners Arbeitsprinzip besonders gut deutlich. Die Geschichte des Ludwig Bölke Campus muss nicht aufgedeckt werden. Sie liegt offen, wenn man nur hinschauen will. Und Wanner schaut hin.

Repression als Teil der Kunstarbeit

Dass Wanner mit seiner gesellschaftskritischen Arbeit immer wieder auch ins Visier der repressiven Staatsapparate gerät, wird in dem Katalog durch sei- nen Briefwechsel mit der Polizeidirektion München dokumentiert. Wanner wurde an seiner Arbeit gehindert, als er die Mauer von Neuperlach fotografierte, die die Bewohner*innen einer Mittelschichtssiedlung von Migrant*innen trennen sollte. Nachdem zwei Objektschützer Wanner zur Löschung der Fotos aufforderten und der Künstler sich weigerte, wurde die Polizei eingeschaltet. Auch die drängte Wanner vergeblich zum Löschen der Fotos.

Im Nachgang stellt der Künstler in seinem Brief an die Polizeidirektion einige Fragen. Die ersten bei- den lauten: Geht von dem Schutzobjekt in Neuperlach eine öffentliche Gefahr aus? Welcher Verdacht führte zu dem verstärkten Polizeieinsatz? Wanner lamentiert nicht über die Einschränkung der Kunstfreiheit durch Objektschutz und Polizei, sondern macht deren Ein- satz zum Teil seiner Kunstarbeit. Peter Nowak

Erstveröffentlichungsort: