Mit Politperformance »Lebendige Brücke« bringt sich einstiger Maueraktivist in Erinnerung

Rechtslastiger Grenzgänger

Als eine Pas­santin mit ita­lie­ni­schem Akzent eine der Holz­apfel-Unter­stüt­ze­rinnen fragte, ob es bei der Aktion auch um das Schicksal von Geflüch­teten im Mit­telmeer gehe. »Nein, heute geht es um die Sache von Herrn Holz­apfel, der macht sich Sorgen um Deutschland«, lautete die Antwort.

»Braucht der Mann einen Arzt?«, fragt erschrocken ein junger Mann am Check­point Charlie. Direkt auf der ehe­ma­ligen Gren­zelinie zwi­schen West­berlin und der DDR-Haupt­stadt liegt ein älterer Mann auf der Straße. Doch eine Frau beruhigt den Tou­risten. »Dem Mann geht es gut. Es handelt sich um eine.….

.…. poli­tische Aktion. Sie können gerne ein Foto machen.«

Es war der 75-jährige Carl-Heinz Holz­apfel, der sich selbst als Akti­ons­künstler ver­steht. Mit einer Deutsch­land­fahne bedeckt, hatte er sich am Montag von 11 bis 12 Uhr auf die Kreuzung von Friedrich- und Zim­mer­straße gelegt. Wohl in Sorge über die Spaltung Deutsch­lands, jeden­falls sagte er in einer kurzen Ansprache vor Beginn seiner Aktion: »Lasst uns gemeinsam gegen die unsäg­liche Belebung über­wunden geglaubter Gegen­sätze aus einem geteilten Land antreten. Wir sollten das ›Wir‹ an die Stelle oft hass­erfüllter ›Die-da-drüben-Sätze‹ oder der Begriffe Ossis und Wessis stellen.«

Holz­apfel stellte eine Aktion nach, mit der er 30 Jahre zuvor an genau dieser Stelle bekannt geworden war. Am 13. August 1989 hatte er sich unter völlig anderen his­to­ri­schen Vor­zeichen und unter den Augen höchst alar­mierter DDR-Grenzer über die »Weiße Grenz­linie« am US-Check­point Charlie gelegt. Drei Stunden währte die Ein-Mann-Demons­tration. So lange dauerte es, bis sich die dama­ligen Ver­treter der USA und der Sowjet­union über die Zustän­dig­keiten ver­ständigt hatten. Schließlich beendete die West­ber­liner Polizei im Auftrag der US-Ver­ant­wort­lichen die Aktion. Holz­apfel wurde in die nächste Poli­zei­wache gebracht und kam nach wenigen Stunden frei. Die Aktion ging durch die Welt­presse. Holz­apfel hat seitdem einen kleinen Kreis von Anhängern, die am Montag auch vor Ort waren und ihr Idol in den höchsten Tönen lobten.

»Er hat damals mit seiner Aktion geholfen, die Mauer zu öffnen«, sagte Alfred Regnet. Der in Bayern geborene Lyriker kennt Holz­apfel seit 30 Jahren. Jetzt unter­stützte er ihn durch das Ver­teilen von Flyern. Bald kam er auch auf seine Lyrik zu sprechen und bekundete, Grünen-Wähler zu sein. Doch damit dürfte er im Freun­des­kreis von Holz­apfel eher die Aus­nahme sein. Andere Unter­stützer trugen gut sichtbar die rechten Wochen­zei­tungen »Junge Freiheit« und »Preu­ßische All­ge­meine Zeitung« in ihren Jacken­ta­schen.

Auch Holz­apfel war beim Kampf gegen die ihm ver­hasste DDR nach rechts weit offen und hat sich mit pro­vo­ka­tiven Aktionen mit klarer poli­ti­scher Stoß­richtung in die Dis­kussion gebracht. So sprühte er schon im Winter 1963/1964 die Parole »Trotz Mauer – ein Volk« sowie auf die DDR bezogen »KZ« an die Mauer an der Ber­nauer Straße. Bei einer Demons­tration für die Frei­lassung von Gefan­genen am 18. Oktober 1965 betrat Holz­apfel am Check­point Charlie DDR-Gebiet, wurde fest­ge­nommen und zu acht Jahren Haft ver­ur­teilt. Einige Monate später durch die Bun­des­re­gierung frei­ge­kauft, genoss er später in rechten West­ber­liner Kreisen Mär­ty­rer­status. Auch nach dem Mau­erfall sorgte der umtriebige Holz­apfel mit seinen Ein-Mann-Aktionen immer wieder für Auf­sehen. So wollte er 2009 eine Woche in einer Zelle im eins­tigen Stasi-Knast Hohen­schön­hausen ver­bringen, um die Unmensch­lichkeit der Haft­be­din­gungen in der DDR zu demons­trieren.

Zunehmend aber gab es Kritik an Holz­apfel. Vor allem wegen seiner Nähe zur poli­ti­schen Rechten gingen auch lang­jährige Gefährten des gemein­samen Kampfes gegen die DDR auf Distanz. So war Holz­apfel Mit­glied der rechts­ex­tremen »Repu­bli­kaner«, war für diese Partei für mehrere Monate Frak­ti­onschef im Kreistag der baye­ri­schen Gemeinde Fürs­ten­feld­bruck. Später lobte er die rechte Bewegung »Pro Deutschland«, der er zubil­ligte, sich gegen Extre­misten aus­ge­sprochen zu haben. Zudem war Holz­apfel jah­relang Mit­glied des extrem rechten Witi­ko­bundes, einer von Alt­nazis gegrün­deten Ver­ei­nigung aus dem Spektrum der Ver­trie­benen.

Von alldem war am Montag am Check­point Charlie keine Rede. Nur einmal wurde die poli­tische Stoß­richtung deutlich: Als eine Pas­santin mit ita­lie­ni­schem Akzent eine der Holz­apfel-Unter­stüt­ze­rinnen fragte, ob es bei der Aktion auch um das Schicksal von Geflüch­teten im Mit­telmeer gehe. »Nein, heute geht es um die Sache von Herrn Holz­apfel, der macht sich Sorgen um Deutschland«, lautete die Antwort.