Ein aufgebauschter Skandal

Nicht dass Affen und Men­schen im Labor Tests über die Schäd­lichkeit von Abgasen unter­zogen werden, ist das Problem, sondern die all­täg­lichen Men­schen­ver­suche der Auto­in­dustrie auf unseren Straßen

»Tests in keiner Weise zu recht­fer­tigen«: Das war am Montag der Tenor, als durch einen Artikel der New York Times bekannt wurde, dass die deutsche Auto­mo­bil­in­dustrie Unter­su­chungen in Auftrag gegeben habe, um die angeb­liche Unschäd­lichkeit der Die­sel­mo­toren zu belegen.

Von Angela Merkel bis Katja Kipping gab es bald keinen Poli­tiker und keine Poli­ti­kerin mehr, der oder die nicht Empörung über diese Ver­suche äußerte. Doch meistens kam die Kritik nicht über eine mora­lische Ver­ur­teilung hinaus. »Unan­ge­messen« und »men­schen­ver­achtend« waren die Vokabeln.

Dabei wäre es doch sinn­voller, erst einmal zu schauen, was da eigentlich pas­siert ist und wie sich die Ver­suche von den vielen anderen unter­scheiden, die tag­täglich gemacht werden.

Zunächst sind solche Ver­suche nicht nur bei den Abgas­tests heute sehr ver­breitet. Um pro­funde Aus­sagen über die Gefähr­lichkeit bestimmter Stoffe machen zu können, muss es solche Unter­su­chungen geben.

Natürlich sind solche Unter­su­chungen nicht das einzige, aber ein wich­tiges Instrument, wenn es um die Erfor­schung von gefähr­lichen Stoffen geht. Wer das jetzt skan­da­li­siert, sollte sich zumindest fragen, welche Alter­na­tiven es zu diesen Unter­su­chungen gibt.

Tests dürfen keine Klas­sen­frage werden

Sich auf Gefühle und Emp­fin­dungen statt auf wis­sen­schaft­liche Ergeb­nisse zu ver­lassen, wäre zumindest keine akzep­table Alter­native. Es ist schon erstaunlich, dass bei der reflex­haften Ver­ur­teilung der Unter­su­chungen nicht daran erinnert wurde, dass vor wenigen Monaten in den USA, aber auch in Europa viele Men­schen für die »Freiheit der Wis­sen­schaften« auf die Straße gegangen sind.

Es waren die Marches of Science, die für große Auf­merk­samkeit sorgten. Damals sollte die Wis­sen­schaft gegen Aber­glauben und Halb­wissen ver­teidigt werden. Doch werden dafür nicht mehr Tests an Men­schen und an Tieren, die den Men­schen am nächsten stehen, gebraucht? Wie soll denn sonst erkundet werden, welche Sub­stanzen für Mensch und Tier schädlich sind und welche nicht?

Natürlich müssen diese Tests unter Bedin­gungen statt­finden, die für die Betei­ligten die gesund­heit­lichen Kon­se­quenzen mög­lichst mini­mieren. Das heißt auch, dass an solchen Tests nur Men­schen teil­nehmen sollen, die die Kon­se­quenzen der Ver­suche über­blicken können. Ver­dächtig ist, wenn in meh­reren Mel­dungen skan­da­li­siert wird, dass gesunde Men­schen und Affen den Tests unter­zogen wurden. Dabei müsste das doch eine selbst­ver­ständ­liche Grundlage für solche Tests sein.

Wird hier nicht schon unter­schwellig sug­ge­riert, es wäre nicht so schlimm, wenn die Ver­suchs­per­sonen alt, krank und womöglich arm wären? Wich­tiger noch wäre, dass Men­schen auch nicht nur wegen der Prämien an solchen Ver­suchen teil­nehmen. Dann würde gleich wieder die Klas­sen­frage eine Rolle spielen.

Gerade im Zeit­alter pre­kärer Arbeits­ver­hält­nisse kann die Prämie das Ein­kommen auf­bessern. So setzen sich ein­kom­mensarme Men­schen eher den Kon­se­quenzen häu­figer Tests aus, nur weil sie nicht genug Geld zum Leben haben. Nur führt das bei der dau­er­be­trof­fenen Mit­tel­schicht, die auch die Medi­en­ticker bei den Abgas-Tests bestimmten, zu keiner grö­ßeren Dis­kussion.

Die Fake-News von den Men­schen­ver­suchen in der DDR

Ein Bei­spiel für eine aus Halb­wissen gespeiste Gra­tis­em­pörung waren 2013 die Mel­dungen über angeb­liche »Men­schen­ver­suche in der DDR«. Die Grundlage waren Medi­ka­men­ten­tests west­licher Phar­ma­kon­zerne in der DDR. Später stellte sich heraus, dass die ganze Auf­regung auf Halb­wissen und Lügen beruhte.

Die Tests in der DDR unter­schieden sich nicht von denen in anderen Ländern, die nicht Gegen­stand der Kritik wurden. Es reichte einfach, DDR und Medi­ka­men­ten­tests in einen Zusam­menhang zu stellen und fertig war das Bild von den Men­schen­ver­suchen. Nicht anders funk­tio­nierte die Empö­rungs­welle bei Bekannt­werden der Abgas­tests.

Dabei speiste sich die Empörung vor allem aus der Meldung, dass Affen im Spiel waren. Es ist schon immer ein fester Bestandteil reak­tio­närer Ideo­logie, im Zwei­felsfall jedes Tier, dem ein Härchen gekrümmt wird, zu skan­da­li­sieren, während die schlechten Lebens­be­din­gungen vieler Men­schen mit Gleichmut akzep­tiert werden.

Vor Jahr­zehnten reichte die als Pro­vo­kation ange­dachte Ankün­digung von Vietnam-Kriegs­gegnern, einen Hund unter den Bedin­gungen ver­brennen zu wollen, denen damals viele Men­schen in Vietnam während der Napalm-Bom­bar­de­ments der USA aus­ge­setzt waren, zu Ver­nich­tungs­phan­tasien gegen die Urheber der nicht erst­ge­meinten Ankün­digung.

Men­schen, die die Bom­bar­die­rungen Vietnams durch die USA als Ver­tei­digung der freien Welt beju­belten, gerieten in Empörung, als lediglich ange­kündigt wurde, einen Hund solchen Bedin­gungen aus­zu­setzen.

Wirk­liche Kri­tik­punkte werden oft aus­gepart

Die Gra­tis­em­pörung, die eher auf Res­sen­timent als auf Fakten beruht, sorgt auch dafür, dass die wirk­lichen Kri­tik­punkte gar nicht erwähnt werden. Im Fall der Abgas­tests wären das die Auf­trag­geber. Die Orga­ni­sation Lob­by­Control bringt die Kritik auf den Punkt:

Der Fall zeigt, mit welch mani­pu­la­tiven Methoden die deut­schen Auto­kon­zerne dem Diesel Methoden der Tabak- oder Lebens­mit­tel­in­dustrie: Wis­sen­schaftler finan­zieren, um die gesund­heit­lichen Schäden ihrer Pro­dukte zu baga­tel­li­sieren und schärfere Gesetze abzu­wenden. Es reicht nicht, wenn sich die Auto­kon­zerne für die nun bekannt gewor­denen unethi­schen »For­schungs­me­thoden« ent­schul­digen. Jetzt ist die Politik am Zuge. Die Bun­des­re­gierung muss ihren Kuschelkurs mit der Auto­in­dustrie beenden und sich generell beim Umgang mit Lob­by­isten neu auf­stellen.

Lob­by­Control

Da wären Gut­achter wie Helmut Greim zu nennen, die als wirt­schaftsnahe Lob­by­isten seit Jahren Ein­fluss auf die Politik nehmen. Und da wäre die Rolle der von der Auto­in­dustrie gegrün­deten und mitt­ler­weile auf­ge­lösten Lob­by­or­ga­ni­sation Euro­päische For­schungs­ver­ei­nigung für Umwelt und Gesundheit zu nennen, die für die Abgas­tests ver­ant­wortlich war.

Dabei muss aber klar sein, dass es Hun­derte solcher Tarn­or­ga­ni­sa­tionen gibt, die indus­trie­freund­liche Lob­by­arbeit machen. Wolfgang Hien von der Bremer For­schungs­stelle für For­schung, Gesundheit und Bio­graphie hat mit seinen Buch Kranke Arbeitswelt beschrieben, wie die Industrie gesund­heits­schäd­liche Mate­rialien aus Pro­fit­gründen so lange wie möglich ein­setzt. Krank­heits­sym­ptome bei Beschäf­tigten werden solange geleugnet, bis die Betrof­fenen gestorben sind.

Stoppt die täg­lichen Men­schen­ver­suche im Stra­ßen­verkehr

Hien hat in dem Buch sehr ein­dring­liche Bei­spiele auf­ge­führt, bei­spiels­weise beim Einsatz von Asbest. Nur dringen diese Tat­sachen längst nicht so ins Mas­sen­be­wusstsein, wie die auf Halb­wissen beru­hende Empörung über Affen im Abgastest.

Die Taz ver­sucht beides zu ver­binden. »Stoppt die täg­lichen Men­schen­ver­suche der Auto­in­dustrie«, lautet die Schlag­zeile in der aktu­ellen Ausgabe. In einem Kom­mentar wird daran erinnert, dass nicht die Abgas­tests an gesunden Men­schen und Affen ein Skandal ist, sondern die täg­liche Men­schen­ver­suche durch den Auto­mo­bil­verkehr.

Dort werden auch Men­schen, die nicht gesund und daher an solchen Tests gar nicht teil­nehmen dürfen, diesen Ver­suchen aus­ge­setzt, ohne dass sie ein­ge­willigt haben und aus­steigen können. Das ist der eigent­liche Skandal.

Peter Nowak
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