
Heute dient das Gebäude nur noch als Filmkulisse. Doch vor knapp 50 Jahren war die JVA für Frauen in der Lehrter Straße in Berlin nicht allein ein Gefängnis in Betrieb, sondern Schauplatz eines Ereignisses, das für die Staatsorgane und die Boulevardmedien zur großen Blamage wurde: In der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1976 gelang …
… Monika Berberich, Inge Viett, Juliane Plambeck und Gabriele Rollnick die Flucht aus dem Gefängnis. Die vier Frauen gehörten der Bewegung 2. Juni oder der Roten Armee Fraktion (RAF) an, zwei bewaffnet kämpfenden Organisationen.
Die außerparlamentarische Linke, obgleich auch damals schon sehr heterogen, reagierte auf den Gefängnisausbruch erfreut. Denn vor 50 Jahren war bis weit in linksliberale Kreise hinein bekannt, dass die Gefangenen mit vielfältigen Repressionsmaßnahmen in den Anstalten gefügig gemacht werden sollten. Dazu gehörten Besuchsverbote, Postzensur und Isolationsmaßnahmen in verschiedenen Abstufungen. Der Ausbruch machte aber auch deutlich, dass die Gefangenen selbst unter diesen widrigen Bedingungen nicht nur Objekte der Repression, sondern durchaus handlungsfähig waren. Trotzdem wäre das Ereignis heute weitgehend vergessen, wäre nicht vor wenigen Monaten im Immergrün-Verlag der Gesprächsband »Der Kern ist unzerstörbar« herausgekommen, in dem die damals beteiligte Monika Berberich detailliert über die Vorbereitung und die Durchführung des Ausbruchs berichtet. Auf der Rückseite des Buches ist eine Skizze der JVA Lehrter Straße zu sehen, die die Frauen zur Fluchtvorbereitung erstellten. Auf der Vorderseite sieht man zwei Polizeibeamte ratlos auf die Stelle in der Gefängnismauer blicken, an der den vier Frauen einige Stunden vorher die Flucht gelungen war. Sie waren zu diesem Zeitpunkt schon in sicheren Quartieren untergekommen.
Es gibt auch heute noch Menschen, die diesen gelungenen, gewaltfreien Ausbruch begrüssen. »Es macht immer wieder Spaß, das zu hören«, wird eine Angehörige des »Colectivo Preguntando« im Buch zitiert. Die »gemeinsam Fragenden« sind drei Personen, die mit den Vornamen Hannah, Rahel und Julian vorgestellt werden. Sie gehören zur jüngeren Generation, sind in linken Zusammenhängen aktiv und haben bei insgesamt 16 Treffen Gespräche mit Monika Berberich geführt, welche die Grundlage des Buches bilden. Ihre Eltern gehörten zu dem Personenkreis, der mit Berberich seit ihrer schweren Krankheit Ende der 1990er Jahre in Kontakt steht. Durch diese langfristige Bekanntschaft entstand offenbar das Vertrauen, das die sehr intensiven Gespräche möglich machten.»Eine angestrebte Objektivität in der Darstellung der behandelten Themen liegt nicht im Fokus unseres Interesses.«
Colectivo Preguntando
Für das »Colectivo Preguntando« gehört die Geschichte der RAF zu einer vergangenen Epoche, zu der sie sich fragend einen Zugang verschaffen. »Unsere Idee und unser Anliegen war es, Monis Geschichte zu dokumentieren, mit ihr darüber zu sprechen, Fragen zu stellen und zu diskutieren. Und vor allem verstehen zu wollen, warum sie so gelebt hat, wie sie es getan hat«, schreibt das Kollektiv. Die Fragen, die sie Berberich stellen, dürften viele junge Linke heute bewegen.
Zu erfahren ist im Buch etwa, wie schnell Monika Berberich von einer politisch konservativen Jurastudentin zu einer radikalen Linken wurde. Sie berichtet, wie sie sich im Westberlin der späten 1960er Jahre politisierte und dann über ihre Arbeit in der Anwaltskanzlei von Horst Mahler in Kontakt mit dem Personenkreis kam, der später die RAF gründete. Dabei fällt auf, wie wenig für Berberich offenbar theoretische Fragen eine Rolle spielen. So bleiben ihre Aussagen vage, wenn sie zu zentralen Texten der RAF befragt wird, mit dem häufigeren Verweis darauf, sie habe zum Zeitpunkt von deren Entstehung schon im Gefängnis gesessen und sei daher nicht an der Erstellung beteiligt gewesen. Berberich war schon am 8. Oktober 1970 verhaftet worden, gemeinsam mit Brigitte Asdonk, Horst Mahler, Irene Goergens und Ingrid Schubert.
Ein eigenes Kapitel im Buch nimmt die »Pimental-Erklärung« ein, die vor 40 Jahren für große Aufregung in der radikalen Linken sorgte: eine Stellungnahme der RAF zur Erschießung des US-Soldaten Edward Pimental im August 1985. Seine Tötung wird in dem Papier damit begründet, dass seine ID-Karte notwendig gewesen sei, um auf die US-Airbase bei Frankfurt zu gelangen und dort einen Anschlag durchführen zu können. Wie viele Linke widersprach auch Berberich dieser Logik, einen Menschen zu töten, nur um an eine Ausweiskarte zu kommen. Jahre später trat sie in einem Film mit Pimentals Schwester auf. Das im Buch dokumentierte Gespräch über diesen Themenkomplex erstreckt sich über 15 Seiten und geht tatsächlich in die Tiefe.
»Der Kern ist unzerstörbar« ist allen Leser*innen zu empfehlen, die sich über die Geschichte des bewaffneten Kampfes nicht nur aus der Perspektive des Staates (und des quasi eingebetteten Zeitzeugens Stefan Aust) informieren wollen. Dabei ist aber wichtig, im Kopf zu behalten, dass hier ebenfalls nicht die wahre, von den Staatsapparaten verschwiegene oder sogar unterdrückte, Geschichte des bewaffneten Kampfes geboten wird. Die Gruppe der Fragenden macht schon zu Beginn des Buches deutlich, dass hier kein geschichtspolitisches Werk vorgelegt wird: »Die historische Exaktheit oder eine angestrebte Objektivität in der Darstellung der behandelten Themen liegt nicht im Fokus unseres Interesses.«
Vielmehr ging es dem Colectivo Preguntando darum, festzuhalten, woran sich Berberich noch erinnert – oder erinnern will. Gespräche mit Zeitzeug*innen sind zwar nur ein Bestandteil für eine vollständige geschichtspolitische Einordnung. Aber hier wird doch wichtiges Material geliefert, um die Geschichte des bewaffneten Kampfes einordnen und heute kritische Fragen stellen zu können. So kann »Der Kern ist unzerstörbar« ein Baustein für eine linke Geschichtsschreibung sein, die den bewaffneten Kampf nicht von vornherein zum Verbrechen erklärt, aber auch nicht in Verklärung verfällt.
Peter Nowak
Monika Berberich, Colectivo Preguntando: Der Kern ist unzerstörbar: Versuch einer Annäherung. Gespräche mit Monika Berberich. Immergrün-Verlag 2026, 399 S., br., 18 €.