Care Revolution – oder Wege in eine solidarische Welt

»Warum wird der Streik der Lok­führer in der Öffent­lichkeit als viel dra­ma­ti­scher wahr­ge­nommen als die gleich­zeitig statt­fin­denden Warn­streiks des Kita-Per­sonals?« Diese Frage stellte die Jour­na­listin Ulrike Bau­reithel am 23. April d.J. in der Wochen­zeitung Freitag und ver­suchte sich gleich selbst an einer Antwort: „Die Mobi­lität ist für den kapi­ta­lis­ti­schen Kreislauf unab­dingbar. „Piloten und Lok­führer im Aus­stand signa­li­sieren: Hier kommt der Ver­wer­tungs­prozess des Kapital ins Stocken. Während aus der Kita keine Rendite zu ziehen ist und man sich beim höchsten Gut, den Kindern, immer sicher sein kann: Irgend­jemand wird sich schon um sie kümmern, wenn nicht die bezahlten Care-Arbeiter, dann eben Eltern, Groß­eltern oder andere“. Die geringere Beachtung des Kita­st­reiks ist also noch immer eine Folge der gerin­geren Achtung der oft von Frauen geleis­teten Care-Arbeit. Dies zu ändern ist das Ziel einer Care-Bewegung, die in den letzten Jahren gewachsen ist und im März 2014 in Berlin einen großen bun­des­weiten Kon­gress orga­ni­siert hatte. Er war aber nicht der End‑, sondern der Aus­gangs­punkt vieler wei­terer Akti­vi­täten. Die femi­nis­tische Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Gabriele Winker hatte großen Anteil an der Ent­stehung des Kon­gresses. Nun hat sie im tran­script-Verlag unter dem Titel “Care Revo­lution. Schritte in eine soli­da­rische Gesell­schaft“ ein Buch ver­öf­fent­licht, dass einen guten Ein­blick in die theo­re­ti­schen Prä­missen und die prak­ti­schen Schritte dieser neuen Care-Bewegung gibt. Winkers Prä­misse lautet: Die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft ist nicht in der Lage, Sor­ge­arbeit für alle Men­schen zu garan­tieren. Dazu gehören die Kin­der­er­ziehung, die Bildung, aber auch die immer wich­tiger wer­dende Pfle­ge­arbeit für ältere Men­schen. Winker zeigt, dass diese Ver­nach­läs­sigung nicht auf mora­lische Defizite, die Schlech­tigkeit von Men­schen oder Insti­tu­tionen zurück­zu­führen ist, sondern mit Ver­wer­tungs­in­teresse des Kapitals zusam­men­hängt. „Ent­scheidend ist, dass die ent­ste­henden Repro­duk­ti­ons­kosten die Pro­fi­trate nicht allzu sehr belasten und gleich­zeitig zur Repro­duktion einer Arbeits­kraft führen, die hin­sichtlich ihrer Qua­li­fi­kation und ihrer phy­si­schen und psy­chi­schen Gesundheit in der Waren­pro­duktion ren­tabel ein­setzbar ist.“ (S. 21)
Winker zeigt auch, dass die Ablösung des Fami­lien­er­nährer­mo­dells in erster Linie dem Interesse des Kapitals und weniger femi­nis­ti­schen Kämpfen geschuldet ist. „Das Ernährer­modell wird für die Kapi­tal­ver­wertung wegen der zuneh­menden inter­na­tio­nalen Kon­kurrenz unat­traktiv“ (S. 28). Dieser Aspekt spielt eine große Rolle, wenn heute im poli­ti­schen Main­stream die Kitaer­ziehung eine so große poli­tische Unter­stützung erfährt. Das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­terium setzt daher neben der Erhöhung der Gebur­tenrate als zen­trale Aufgabe, die Frau­en­er­werbs­tä­tigkeit zu steigern… Diese Ent­wicklung führt dazu, dass Teile der Sor­ge­arbeit aus dem Haushalt aus­ge­lagert und auf kom­mer­zi­eller und sozi­al­staat­licher Grundlage neu orga­ni­siert werden. Daraus erklärt sich bei­spiels­weise der schritt­weise Ausbau der Kita-Betreuung auch für kleinere Kinder“(S. 29).

Streiks der Kita-Beschäftigten
In dem Buch stellt sie die unter­schied­lichen Facetten einer Care-Bewegung vor, die sich eben nicht mit den Sach­zwängen zufrieden geben will. Dazu gehören auch gewerk­schaft­liche Kämpfe. So streiken Mit­ar­bei­te­rInnen an der Ber­liner Charité für einen Per­so­nal­schlüssel, der eine gute Pflege für alle über­haupt erst möglich macht. Ein anderes Bei­spiel ist der Arbeits­kreis Erziehung und Bildung der Gewerk­schaft ver.di in der Gemeinde Tamm bei Stuttgart. „Hier orga­ni­sieren sich Erzieher_​innen, die in kom­mu­nalen Kitas tätig sind. Zen­trales Thema ihres poli­ti­schen Enga­ge­ments ist die unzu­rei­chende Per­so­nal­be­messung in den Kin­der­ta­ges­stätten und Gemeinden“ (S. 120). Auch die Gruppe „Armut durch Pflege“, in der sich Ange­hörige und Freun­dInnen von Pfle­ge­be­dürf­tigen zusam­men­ge­schlossen haben, die Assis­tenz­ge­nos­sen­schaft Bremen, die von Per­sonen gegründet wurde, die Pflege brauchen, und die Orga­ni­sation geflüch­teter Frauen (Women in Exile) werden von Winker als Teil der Care-Bewegung vor­ge­stellt. Sie macht damit deutlich, wie viel­fältig diese Bewegung ist. Dabei betont Winker, dass es bei der aktu­ellen Care-Revo­lution-Bewegung nicht um ein Neben­ein­ander von Initia­tiven in völlig unter­schied­lichen Lebens­lagen, sondern um eine soli­da­rische Bezug­nahme gehen soll. Dabei sollen Initia­tiven und Ein­zel­per­sonen in einer schwachen Position von Gruppen in einer stär­keren Position unter­stützt werden.
Wege jen­seits des Kapi­ta­lismus
Auch Gruppen aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken wie die AG Queer­fe­mi­nismus bei der »Inter­ven­tio­nis­ti­schen Linken« (IL) werden von Winker gewürdigt. Dieser ist es mit zu ver­danken, dass die Care-Revo­lution mitt­ler­weile Teil von großen poli­ti­schen Demons­tra­tionen geworden ist. So gab es bei den Blockupy-Pro­testen am 18. März 2015 in Frankfurt/​Main eine deutlich sichtbare Teil­nahme und bei der Revo­lu­tio­nären 1. Mai-Demons­tration in Berlin eigene Blöcke, die unter Motto „Tag der unsicht­baren Arbeit“ die Care-Revo­lution aus­riefen.
Besonders über­zeugend ist Winkers Plä­doyer da, wo sie deutlich macht, dass der Kampf um Ver­än­de­rungen hier und heute beginnen, aber über die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft hin­aus­weisen muss. „Ursächlich für die Unter­ver­sorgung (im Care­be­reich; P.N.) auch in rei­cheren Ländern ist der Druck auf Löhne und Trans­ferein­kommen, der im Kapi­ta­lismus unver­meidlich ist. Denn diese Pro­duk­ti­ons­weise ist zwar auf Men­schen als Arbeits­kräfte ange­wiesen, da ohne sie keine Kapi­tal­ver­wertung möglich ist. Gleich­zeitig finden jedoch der Ausbau des Bil­dungs- und Gesund­heits­systems und die Stei­gerung der Real­löhne (….) dort ihre Grenzen, wo die Stand­ort­vor­teile in der glo­balen Kon­kurrenz in Gefahr sind“ (S. 140).
Winker ent­wi­ckelt dann am Bei­spiel der Care Revo­lution ein Konzept von radi­kalen Reformen und einer anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Trans­for­mation. Dabei soll der Kampf um Reformen neben kon­kreten Ver­bes­se­rungen im Care-Bereich auch dazu bei­tragen, dass sich die Men­schen gemeinsam orga­ni­sieren und soli­da­risch für die Ver­bes­se­rungen ihrer Lebens- und Arbeits­si­tuation kämpfen. Dabei ist eben die Nennung der ver­schie­denen Initia­tiven, von gewerk­schaft­lichen Arbeits­gruppen bis zu den Women in Exile, besonders wichtig. Es geht um einen Kampf ohne Ein- und Aus­grenzung. Indem Teile des Care-Bereichs der Pro­fit­logik ent­zogen werden, wird für viele Betei­ligte die Frage auf­kommen, ob nicht die kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik über­haupt der Ver­gan­genheit ange­hören sollte. Dabei benennt sie als Schritte zur radi­kalen Reform auch For­de­rungen wie die nach einer mas­siven Ver­kürzung der Lohn­ar­beitszeit. So hätten die Men­schen mehr Zeit für Sor­ge­arbeit für sich und ihre Freun­dInnen. Daneben betont Winker die Bedeutung der Ausbau der sozialen Infra­struktur und der Demo­kra­tiserung und Selbst­ver­waltung im Care­breich als Kern­punkte dieser radialen Reform.“Bei der Demo­kra­ti­sierung der vor­han­denen Care-Infra­struktur gilt einer­seits darum zu kämpfen, dass Pri­va­ti­sie­rungen aber auch die Über­tragung staat­licher Auf­gaben an Wohl­fahrts­ver­bände, zurück­ge­nommen werden. Gleich­zeitig geht es darum, demo­kra­tische Struk­turen auf­zu­bauen, die auf allen Ebenen die Bedürf­nisse, Interesse und Wünsche der Betei­ligten zusam­men­führen“ (S. 166).
Winker geht in einem Absatz auf die Ent­wicklung im Bereich der 3‑D-Drucker ein, mit denen Güter in dezen­tralen Nach­bar­schafts­zentren her­ge­stellt und viele stupide Lohn­ar­beits­plätze ein­ge­spart werden könnten. Es ist eine Stärke von Winkers Buch, dass sie hierin keine Drohung, sondern eine Chance sieht, wenn man kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­in­ter­essen nicht als unhin­ter­gehbare Tat­sache, sondern als his­to­risch über­windbar betrachtet. Mit dem – his­to­risch aller­dings nicht neuen – Verweis auf die Chance, dass Maschinen Men­schen die stupide Lohn­arbeit abnehmen, bringt Winker einen Akzent in die Debatte ein, der das Terrain der bloßen Abwehr­haltung und der Ver­tei­digung des Status Quo, aber auch die Sehn­sucht nach einer ima­gi­nierten heilen keyne­sia­ni­schen Arbeitswelt ver­lässt und Raum für Utopien lässt. Am Bei­spiel Care Revo­lution eine Ver­bindung von All­tags­kämpfen mit der Ziel­vor­stellung einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft zu dis­ku­tieren, macht das Buch zu einer Rarität in linken Debatten.

aus: express – Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit,

8/2015

Peter Nowak
Gabriele Winker: »Care Revo­lution. Schritte in eine soli­da­rische Gesell­schaft«, Bie­lefeld 2015, 11,99 Euro, 208 Seiten, ISBN 978–3‑8376–3040‑4