
Man geht das Spreeufer nahe der Köpenicker Straße entlang – und steht plötzlich in einem kleinen Dorf, bestehend aus etwa 15 Tipis und Hütten, inklusive einer Küche, einer Bar und einer Bühne«, so beschreibt der Historiker Niko Rollmann einen ungewöhnlichen Freiraum mitten im Berliner Zentrum, das …
… Teepeeland. Nur wenige Meter von der Bundeszentrale der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi entfernt kommt man an einen Ort, den kapitalistische Verwertungsinteressen nicht dominieren. Die Getränkepreise sind niedrig und der Obolus bei Veranstaltungen beschränkt sich auf einen Euro. Am vergangenen Mittwochabend diskutierten hier Zeitzeugen über stadtpolitische Initiativen in Berlin damals und heute. Etwa 20 Menschen hatten sich um die kleine Bühne versammelt. Zunächst lieferte Historiker Rollmann einen Schnelldurchgang durch die stadtpolitische Bewegung im Berlin der Nachkriegszeit. Erste Initiativen gab es schon in den 1950er Jahren, als aktive Bürger*innen in Westberlin verhinderten, dass der Turm der kriegszerstörten Gedächtniskirche am Breitscheidplatz abgetragen wird. Schon lange ist er zu einem Wahrzeichen Berlins geworden. Prägend für die Berliner Stadtpolitik, so Rollmann, waren vor allem die 1970er Jahre, als sich nach dem gesellschaftlichen Aufbruch von 1968 Menschen in vielen Stadtteilen gegen Kahlschlagsanierung und auch damals schon gegen neue Autostraßen wehrten. Die Ostberliner Sicht auf stadtpolitische Initiativen lieferte Frank Bertermann, der sich schon Anfang der 1980er Jahre gegen den Abriss des Gasometers in der heutigen Danziger Straße engagierte, der sich am 28. Juli zum 42. Mal jährte. Es war sein Einstieg in die stadtpolitische Bewegung. Bertermann berichtete, dass er Anfang der 1990er Jahre mit anderen in Friedrichshain den noch heute bestehenden Mieterladen aufgebaut hat. Angesichts der zügigen Privatisierung von Wohnraum sowie den steigenden Mieten sei es darum gegangen, den Bewohner*innen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Fast zehn Jahre arbeitete Bertermann auch in der Geschäftsstelle der Berliner Mietergemeinschaft.
Seit Mitte der 1990er Jahre engagierte sich Bertermann auch parteipolitisch bei den Grünen. »Du musst dorthin, wo Entscheidungen fallen«, war seine Devise nach vielen außerparlamentarischen stadtpolitischen Aktivitäten. Nach der letzten Legislaturperiode verließ Bertermann die Bezirksverordnetenversammlung Mitte nach 26 Jahren. »Man sollte keine Frustrationsgrenzen haben«, lautet sein Fazit aus seiner parlamentarischen Tätigkeit.
Haben sich im Nachhinein seine Erwartungen erfüllt, Einfluss nehmen zu können? Zumindest habe er mithelfen können, einige alternative Projekte zu erhalten. Dazu gehöre das Hausprojekt Schokoladen in Mitte ebenso wie das Teepeeland. In der Diskussion betonte er, dass man die Messlatte für das real Machbare niedrig hängen muss. Sonst würde man nur Enttäuschungen bei den Betroffenen wecken, weil die Versprechen nicht umsetzbar sind. Positiv bewertet Bertermann das Volksbegehren Deutsche Wohnen und Co enteignen. Auch wenn es vom Berliner Senat verschleppt worden sei, habe es zu einem Aufbruch in Berlin geführt.
Nach der Veranstaltung gab es noch einen Spaziergang rund um das Teepeeland. Der Ort dürfte in Zukunft bekannter werden, weil seit Ende Juni ein Uferweg den Freiraum erschließt. Die Zahl der Besucher*innen, darunter viele Tourist*innen, hat sich erhöht. Wie sich das auf die etwa zehn Bewohner*innen des Teepeelands auswirkt, ist noch offen. Wenn man davorsteht, macht es den Eindruck eines kleinen gallischen Dorfes, das dem Gentrifizierungsdruck trotzt. Nur wenige Meter entfernt finden sich hochpreisige Spekulationsobjekte, beispielsweise auf dem Areal der ehemaligen Eisfabrik. Das neu errichtete Gebäude steht seit Jahren leer. Bis heute sind die Eigentumsverhältnisse unklar.
Peter Nowak
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