
Miete verweigern, Kündigung ins Klo«, wird öfter mal auf Demonstrationen gerufen. Jetzt ist diese Parole auf einem Transparent zu lesen, das an einem Fenster in Berlin-Friedrichshain hängt. Dort in der Gürtelstraße haben Bewohner*innen vor wenigen Tagen eine Hausbesetzung öffentlich gemacht. In dem ehemaligen Hostel Georgshof hatten …
… Wohnungslose bereits vor zwei Jahren das Gebäude still und heimlich besetzt. Zuvor hatten in dem Gebäude Geflüchtete aus verschiedenen Ländern gelebt.
Im Sommer 2014 sorgte für Schlagzeilen, dass Geflüchtete 13 Tage lang auf dem Dach des Gebäudes ausharrten und damit gegen ihre drohende Abschiebung protestierten. Diese spektakuläre Aktion fand ein großes Presseecho und die Besetzer*innen erlebten damals viel Solidarität. Mehrere hundert Menschen hatten sich in der Nähe des Hauses versammelt, um die Geflüchteten in ihrem Kampf zu unterstützen. Nach 13 Tagen mussten sie ihren Protest auch aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Im Anschluss erhoben Geflüchtete und Unterstützer*innen schwere Vorwürfe gegenüber der Polizei. Diese habe verhindert, den Menschen auf dem Dach Wasser zu bringen und sie gesundheitlich zu versorgen.
Um das Gebäude war es danach still geworden. Doch weiterhin lebten dort Menschen, die vorher meist auf der Straße campieren mussten. Es gab in den vergangenen 13 Jahren immer neue Personen, die zumindest zeitweise in dem geräumigen Haus Unterschlupf fanden. Die Gruppe, die seit zwei Jahren dort lebt, hat auch politische Ziele. »Wir wollen nicht wieder auf der Straße landen. Es geht nicht nur um uns. Hier soll Wohnraum vernichtet werden und das wollen wir verhindern«, sagt Paul, ein junger Punk, der dort lebt.
Mittlerweile ist auch die Unterstützung für die Bewohner*innen angelaufen. »Gürtelstraße bleibt«, lautet die Parole, die in letzter Zeit auf Transparenten und Mauern zu lesen ist. Auf Flugblättern wird zur Solidarität mit den Bewohner*innen aufgerufen. Auch aus der Nachbarschaft trifft Hilfe ein. »Es kamen Bewohner*innen aus Häusern in der Nähe vorbei. Die brachten uns Töpfe und Teller« sagt Lou, eine Bewohnerin der Gürtelstraße. Die »Nachbar*innen gegen Räumung« haben sich gemeldet.
Tatsächlich ist die Gefahr einer Räumung groß, wie Lou und Paul sagen. Deswegen haben sie Anfang September die jahrelange stille Besetzung öffentlich gemacht. Denn längst hat die Immobilienwirtschaft ein Auge auf das alte Hostel geworfen. Eigentümerin ist die GSI 2 Entwicklung GmbH aus Wien und die von ihr beauftragte Projektentwicklerin dBS Investment GmbH. Sie wollen am Standort ein neues hochpreisiges Objekt errichten, einen »Neu- und Bestandsbau mit Tiefgarage«, wie im Internet zu lesen ist. Auf Aushängen wurden die Bewohner*innen aufgefordert, das Haus bis Anfang September zu verlassen. Doch die denken nicht daran.
Davon abgesehen sind Anfang September nachts die Schlösser der Berliner Geschäftsstelle der GSI 2 Entwicklung GmbH verklebt worden, wie es in einem im Internet veröffentlichten Bekennerschreiben heißt.
»Es ist absurd, dass Menschen auf die Straße geworfen werden sollen, damit noch ein weiterer hochpreisiger Neubau errichtet werden kann.«Martin Winter Unterstützer
Die Sympathie mit dem Gürtelstraßenbewohner*innen ist auch bei Martin Winter groß. Der Lichtenberger hat von der drohenden Räumung erfahren und wollte sich bei den Bewohner*innen informieren und fragen, wie er helfen kann. »Es ist absurd, dass Menschen auf die Straße geworfen werden sollen, damit noch ein weiterer hochpreisiger Neubau errichtet werden kann«, sagt Winter.
Auch Bewohner*innen von linken Hausprojekten unterstützen die Gürtelstraße. Viele von ihnen haben in den frühen 1990er Jahren leere Häuser besetzt und so verhindert, dass sie zu Luxusimmobilien umgestaltet wurden. Doch ab 1992 waren durch die sogenannte Berliner Linie kaum noch Besetzungen in Berlin länger zu halten. Diese Linie sah vor, dass Neubesetzungen umgehend durch die Polizei geräumt werden. Es gab aber Ausnahmen, wo doch eine Besetzung länger gehalten werden konnte.
In den vergangenen Jahren gab es immer wieder mal Veranstaltungen zum Thema: »Warum nicht wieder Häuser besetzen?« Wie lange das in der Gürtelstraße besetzt bleibt? »Keine Ahnung«, gestehen Lou und Paul. Aber eins wissen sie. »Wir gehen hier nicht raus, denn wir haben keine Wohnung, wo wir hingehen können.«. Peter Nowak