Die Klimabewegung muss künftig über das Verhältnis zum Kapitalismus reden, um nicht in das System integriert zu werden

Abschied von Thunberg

Längst droht Thunberg zum Cover-Girl einer Kapi­tal­fraktion zu werden, die sich an ihren Panik-Reden ergötzt, um nur weiter gute Geschäfte nun unter dem Label »Öko« zu machen.

Nun wurde auch Greta Thunberg zur Person des Jahres gekürt. Das ist viel­leicht eine gute Nach­richt für die globale Kli­ma­be­wegung. Aber in einem anderen Sinne, als wohl manche ihrer Fans glauben. Denn, wer zur Person des Jahres gekürt wird, ist meistens.….

.…. nicht mehr in der kon­kreten poli­ti­schen Aus­ein­an­der­setzung relevant. Längst droht Thunberg zum Cover-Girl einer Kapi­tal­fraktion zu werden, die sich an ihren Panik-Reden ergötzt, um nur weiter gute Geschäfte nun unter dem Label »Öko« zu machen. Mitt­ler­weile ist aber auch in der Umwelt­be­wegung ankommen, dass Panik auch den gegen­tei­ligen Effekt haben kann.

Das scheint auch Greta Thun­bergs Berater begriffen zu haben. Deutlich wurde dies bei ihrer Rede auf der Kli­ma­kon­ferenz in Madrid, wo es nur ein wenig Panik aber viele Fakten gab. Sie nannte zwar viele Zahlen, aber die Bot­schaft lautete, wir haben keine Zeit mehr. Wenn sie dann diffus doch noch einen opti­mis­ti­schen Zug in ihre Rede bringt, dass die Men­schen es noch schaffen können, dann wird eben sug­ge­riert, jeder ein­zelne könne über das Klima ent­scheiden. Kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­in­ter­essen kommen nicht vor. Das kann man Thunberg vor­werfen.

Warum nicht mehr Widerstand gegen den Verzichtsökologen Nico Paech?

Doch die globale Kli­ma­be­wegung muss sich die Frage stellen und den Sys­tem­change zur ent­schei­denden Frage machen. Das ist tat­sächlich ein wesentlich schwie­ri­geres Unter­fangen, als einfach einmal ein Jahr auf Fliegen zu ver­zichten. Nur ist es poli­tisch fahr­lässig, den Ein­druck zu erwecken, man könnte vom Kapi­ta­lismus schweigen, wenn es um die Umwelt­krise geht. Das gibt nur popu­lis­ti­schen Strö­mungen Auf­schwung, die es nicht nur auf Seiten der Kli­ma­l­eugner gibt. Es gibt auch Öko­po­pu­listen wie jenen Ver­zichts­öko­logen Nico Paech, der sich auch in der Wortwahl aus dem Fundus rechter Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tiker bedient, wenn er den »deka­denten Lebensstil« der Mehrheit der Men­schen angreift, einen Stopp von Neu­bauten und Abschaltung des Internets jeden zweiten Tag fordert.

ier wird einer Öko­dik­tatur das Wort geredet und es ist schon erstaunlich, dass die vielen, die die Gefahr durch die AfD und Co. beschreiben, nicht genauso den Hor­ror­vi­sionen eines Nico Paechs den Kampf ansagen. Der steht in schlechter rechts­öko­lo­gi­scher Tra­dition. Denn es gibt schon lange Bestre­bungen, im Namen der Öko­logie dik­ta­to­rische Bestre­bungen zu fördern. Darauf wies der Umwelt­re­dakteur Nick Reimer in der Wochen­zeitung Freitag unter der Zwi­schen­über­schrift »Alter­native Öko­fa­schismus« hin:

Der fran­zö­sische Sozi­al­phi­losoph André Gorz ent­wi­ckelte in den 1970ern einen Tota­li­ta­rismus, der keine indi­vi­du­ellen Grund­rechte mehr kennt und das Staats­handeln öko­lo­gi­schen Zielen unter­ordnet; man könnte Öko­fa­schismus dazu sagen. Wolfgang Harich, Marxist und Quer­denker in der DDR, setzte dem einen Öko-Kom­mu­nismus ent­gegen: Mas­sen­ent­zugs­kuren und Güter­kon­tin­gente sollen die Apo­ka­lypse ver­hindern. Herbert Gruhl, Mit­gründer der Grünen, entwarf die Idee des »kon­trol­lierten Kapi­ta­lismus«: Ein auto­ri­tärer Staat müsse seinen Bürger Ver­zicht abver­langen und die Öko­logie ins Zentrum stellen.

Nick Reimer

Reimer hätte noch weitere Bei­spiele für die Sym­biose von Öko­logie und Faschismus hin­weisen können, bei­spiels­weise auf Baldur Springmann, der bei den frühen Grünen gefeiert wurde und sich später offen zum rechten Milieu bekannte, das er eigentlich nie ver­lassen hatte. Doch das Resümee, dass Nick Reimer aus seiner guten Analyse zieht, ist so bescheiden, als hätte er es für einen Par­teitag der Grünen ver­fasst:

Wer auch in Zukunft in einer Demo­kratie leben möchte, der muss sich heute gegen SUVs, gegen über­mä­ßigen Fleisch­konsum, gegen Kaf­fee­kapseln und Ölhei­zungen ein­setzen. Wer unsere Frei­heiten zukunfts­sicher machen will, der muss für Wind­kraft, für Kon­sum­ver­zicht, für den Kampf gegen kli­ma­schäd­liche Indi­vi­du­al­frei­heiten und für die rich­tigen poli­ti­schen Rah­men­be­din­gungen streiten.

Nick Reimer

Auch bei ihm kommt der ent­schei­dende Gedanke nicht vor, dass wer den Kli­ma­wandel wirklich bekämpfen will, vom Kapi­ta­lismus und seiner Über­windung reden muss.

Wie weiter für die jungen Klimaaktivisten?

Ein Potential ist vor­handen. Schließlich haben sich über die Kli­ma­krise eine Menge junger Men­schen in aller Welt akti­viert, die nach dem zweiten großen Kli­ma­streik vom 29.11. ernüchtert sind. Denn noch so viele Durch­hal­te­pa­rolen können nicht ver­decken, dass es nach dem ersten großen Kli­ma­streik am 20. Sep­tember keinen qua­li­ta­tiven und quan­ti­ta­tiven Fort­schritt gibt. Der Kapi­ta­lismus beginnt, auch diesen Protest in die eigene Systeme ein­zu­speisen. Schon lässt sich ein Teil der Ber­liner Fridays for Future in die Vor­be­reitung einer soge­nannten Bür­ger­ver­sammlung mit Mas­sen­pe­tition ein­spannen, die im nächsten Jahr im Ber­liner Olym­pia­stadion über die Bühne gehen soll.

Da wäre es doch höchste Zeit, wenn die kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Teile der Kli­ma­be­wegung, die unter dem vagen Titel Change for Future bekannt wurden (Ein Wirt­schafts­system, das auf Wachstum und Profit aus­gelegt ist, kann nicht nach­haltig sein) aus ihrer Ver­senkung auf­tauchen würden.

Klimawandel zum Systemwandel machen

Dazu müssten sie auch ganz klar mit dem Kult um Greta Thunberg brechen, der in der Taz so dar­ge­stellt wird, dass ihre Fans vor sich selber geschützt werden müssten:

Neben ihren eigenen Sicher­heits­leuten hat die UN Thunberg ein ganzes Team von Body­guards an die Seite gestellt. »Sicher­heits­stufe wie bei Staats­ober­häupern«, heißt es. Die Angst sei weniger, dass jemand die Teen­agerin angreift, sondern vielmehr, dass ihre Fans sich gegen­seitig nie­der­trampeln. Diese Furcht ist nicht unbe­gründet: Als Thunberg mit dem Zug in Madrid ankam, sorgte der Andrang für Chaos, bei der Demons­tration am Freitag konnte sie aus Sicher­heits­gründen nicht richtig mit­laufen. Einen Sit-in am Freitag auf der COP mussten die UN-Behörden abbrechen, weil sie Ver­letzte befürch­teten.

taz

Es wäre an der Zeit, nicht mehr über Thunberg, sondern über den Zusam­menhang zwi­schen Kapi­ta­lismus und Kli­ma­krise zu reden, wie es die Leip­ziger Gruppe Workers For Future getan hat. In ihren Texten bringen sie die Kli­ma­krise in Zusam­menhang mit der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise und nennen auch ganz ohne Panik einige Mög­lich­keiten, da etwas zu ändern. Eines ihrer gar nicht beschei­denen Ziele lautet: »Par­ti­zi­pation und demo­kra­tische Mit­ge­staltung in Branchen und Betrieben sind bei Kli­ma­schutz­fragen ein Gebot der Stunde.« Das ist auf jeden Fall kon­kreter als zum Schnäpp­chen­preis die Welt zu retten und alles im kapi­ta­lis­ti­schen Fahr­wasser zu lassen. (Peter Nowak)