Bangladesh/Deutschland 2019, Regie: Shaheen Dill-Riaz (Sabat.Media, 96 Min.)

Film: Bamboo Stories

Der Film könnte in Zeiten, wo die umwelt­be­wusste liberale Mit­tel­schicht ver­mehrt Bam­bus­pro­dukte wie Stroh­halme und Zahn­bürsten kon­su­miert, eine Dis­kussion über die Bedin­gungen anregen, unter denen sie her­ge­stellt werden, und so eine Ver­bindung zwi­schen der impe­rialen Lebens­weise im glo­balen Norden und der Aus­beutung in den Ländern des Südens schaffen.

Während bei uns eine gut­be­tuchte Mit­tel­schicht zunehmend auf Bam­bus­pro­dukte als öko­lo­gische Alter­native zurück­greift, zeigt ein Film die Aus­beutung bei der Bam­bus­ge­winnung in Ban­gladesh. In der letzten Zeit wird viel über die aus­beu­te­ri­schen Arbeits­ver­hält­nisse in Ländern des glo­balen Südens gesprochen, von denen oft auch die liberale, umwelt­be­wusste Mit­tel­schicht pro­fi­tiert. Dazu gehört auch der Bambus. Jetzt zeigt der Doku­men­tarfilm des deutsch-ben­ga­le­si­schen Regis­seurs .…

.… Shaheen Dill-Riaz die aus­beu­te­ri­schen Arbeits­ver­hält­nisse, denen die Bam­bus­ar­beiter, es sind aus­schließlich Männer, in seiner Heimat aus­ge­setzt sind.
Dill-Riaz hat sich bereits mit dem preis­ge­krönten Film Eisen­fresser einen Namen als sozi­al­enga­gierter Regisseur gemacht. Er begleitet eine Gruppe von Arbeitern bei ihrer gesund­heits­ge­fähr­denden Arbeit. Das beginnt schon beim Schneiden der Bäume, wo sie mal gegen einen stör­ri­schen Ele­fanten, mehr noch aber gegen andere Arbeiter, die von anderen Firmen ange­heuert wurden, kämpfen müssen. Mona­telang leben sie auf den Bam­bus­flößen, wehren sich mehr schlecht als recht gegen Blutegel und andere Tiere. Der Polizei müssen sie Schmiergeld zahlen und die Fluß­pi­raten kas­sieren noch mal ab.
Schnell wird klar, dass sie und ihre Familien von dem Lohn kaum über­leben können. Dabei sind die Männer immer in All­tags­arbeit ver­strickt, so dass sie sich selten über ihre Arbeits­be­din­gungen aus­tau­schen können. Einmal sieht man einige Minuten in dem Film eine Szene, die der Beginn einer Orga­ni­sierung sein könnte. Die Männer unter­halten sich darüber, warum der Bambus so teuer ver­kauft wird, während sie nicht das Nötige zum Leben haben. Und sie denken darüber nach, dass sie tat­sächlich eine Macht haben. Wenn sie nicht mit­machen, kommt der Bambus nicht an. Doch schnell wird wieder über anderes gesprochen. Aus dem Unmut über ihre Arbeits­be­din­gungen ent­wi­ckelt sich kein Wider­stand. Keine Gewerk­schaft der Bam­bus­ar­beiter ist in Gründung.
Warum das so ist, erfährt man nicht im Film, sondern nachher, bei der Pre­mie­ren­feier. Da berichten einige Kol­le­gInnen des Regis­seurs, dass ein solcher Film im Ban­gladesh kaum gezeigt werden könne. Die von den Staats­or­ganen geför­derte Isla­mi­sierung bedrohe noch die letzten Orte einer libe­ralen Kultur. Im Film sieht man wenig reli­giöse Sym­bolik. Die Frauen der Bam­bus­ar­beiter scheinen viel cou­ra­gierter als die Männer. Sie erklären sehr dras­tisch ihre schweren Lebens­be­din­gungen und kri­ti­sieren auch ihre Männer, die keine Schul­bildung haben und deshalb die schlechten Arbeiten machen müssen.
Einer der Arbeiter bedauert, sein Vater habe viel Geld in seine Bildung inves­tiert, aber er habe lieber mit Gleich­alt­rigen gespielt, statt zur Schule zu gehen. Jetzt will er ver­hindern, dass seine Kinder eben­falls die Bildung ver­weigern. Doch als er nach meh­reren Wochen von der Arbeit nach Haus kommt, erfährt er, dass sein Sohn, statt in die Schule zu gehen, die Ziegen hütet.
Der Film könnte in Zeiten, wo die umwelt­be­wusste liberale Mit­tel­schicht ver­mehrt Bam­bus­pro­dukte wie Stroh­halme und Zahn­bürsten kon­su­miert, eine Dis­kussion über die Bedin­gungen anregen, unter denen sie her­ge­stellt werden, und so eine Ver­bindung zwi­schen der impe­rialen Lebens­weise im glo­balen Norden und der Aus­beutung in den Ländern des Südens schaffen.

Weitere Infos und Auf­führ­termine des Films gibt auf dieser Web­seite:

Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://www.sozonline.de/2019/12/film-bamboo-stories/