Rom*nja-Bundeskonferenz debattiert über Geschichtsrevisionismus und Organisationsstrategien / Finanzierung im kommenden Jahr unklar

Antiziganismus austreiben

»Wie ist es möglich, dass die Ver­wendung solcher Begriffe nicht ver­boten wird«, wurde Petra Pau gefragt. Die Abge­ordnete verwies darauf, dass es dafür im Bun­destag keine Mehrheit gäbe.

Wir sind die Zukunft« lautete das Motto einer Kon­ferenz, zu der sich in Berlin mehrere Hundert junge Rom*nja und Sinti*zze (geschlech­ter­ge­rechte Schreib­weise für Sinti und Roma) getroffen haben. Unter­stützt wurde diese von der Orga­ni­sation Amaro Drom, die es sich zum Ziel gesetzt hat, jungen Roma und Sinti zu poli­ti­scher und gesell­schaft­licher Akti­vität zu ermu­tigen. Am Sams­tag­abend dis­ku­tierten die Teil­neh­menden mit der.…

.… Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Petra Pau (Links­partei) über Anti­zi­ga­nismus. Estara Jordan, Schü­lerin und Roma­ak­ti­vistin, berichtete, sie habe im Geschichts­un­ter­richt erfahren müssen, dass die Ver­fol­gungs­ge­schichte der Roma und Sinti im Natio­nal­so­zia­lismus in einem Lehrbuch in zwei Zeilen abge­handelt wurde. In dem­selben Buch wurden Sinti und Roma in einer Fußnote auch mit dem »Z‑Wort« bezeichnet. Der Begriff, den die meisten Roma und Sinti als zutiefst dis­kri­mi­nierend emp­finden, wurde auf der Ver­an­staltung nicht aus­ge­sprochen. Großes Unver­ständnis gab es unter den Anwe­senden, dass das im Bun­destag noch anders ist. Petra Pau verwies auf die Rede eines AfD-Abge­ord­neten, der das Z‑Wort selbst­ver­ständlich ver­wendete und die Begriffe Sinti und Roma als »Kon­strukt« bezeichnete.

»Wie ist es möglich, dass die Ver­wendung solcher Begriffe nicht ver­boten wird«, wurde Petra Pau gefragt. Die Abge­ordnete verwies darauf, dass es dafür im Bun­destag keine Mehrheit gäbe. Sie setze sich dafür ein, dass der Anti­zi­ga­nismus wie alle Ungleich­heits­ideo­logien aus den Köpfen der Men­schen ver­bannt werde. Als Erfolg konnte sie anführen, dass auch auf­grund ihrer Initiative in der Par­la­ments­kantine das Schnitzel nicht mehr mit dem Z‑Wort ange­boten wird. Doch den Podiumsteilnehmer*innen wie auch dem Publikum war das sichtlich zu wenig.

Ein Mann, der schon als Kind einen Brand­an­schlag auf seine Wohnung in Darm­stadt erleben musste, fragte die Anwe­senden, wer keine anti­zi­ga­nis­tische Dis­kri­mi­nierung erlebt habe. Niemand meldete sich. Doch die jungen Leute hatten auch sehr kon­krete For­de­rungen, um das zu ändern. Estara Jordan for­derte Fort­bil­dungs­kurse für Lehrer*innen, damit sie die Ver­fol­gungs­ge­schichte der Rom*nja und Sinti*zze im Unter­richt ver­mitteln können.

Eine zen­trale Rolle in der Dis­kussion spielte auch der Umgang mit Geflüch­teten. Vor allem nach dem Aus­ein­an­der­brechen Jugo­sla­wiens wuchs die Zahl der geflüch­teten Sinti und Roma und damit auch die anti­zi­ga­nis­tische Kam­pagne in Deutschland. So berichtete eine Frau, die Geflüchtete bei ihren Befra­gungen zu den Flucht­gründen begleitet, dass sie selber Zeugin wurde, wie ein ser­bi­scher Dol­met­scher den Beamt*innen erklärte, dass bekannt sei, dass die »Z. …« lügen würden.

Ajris Beki­rovski gehörte zu den Men­schen, die als Kinder während der Kriege auf dem Balkan nach Deutschland geflohen waren. Er lebte mit seinen Eltern in säch­si­schen Flücht­lings­heimen und ist in der Jugend­selbst­or­ga­ni­sation aktiv. Auf der Ver­an­staltung sprach er über Mög­lich­keiten, sich zu orga­ni­sieren und gegen den Anti­zi­ga­nismus zu kämpfen.

Ermutigt wurden die jungen Men­schen von Ilona Lagrene. Die 1950 in Hei­delberg geborene Sin­tizza ist Tochter von Auschwitz­über­le­benden. Nach dem Krieg hatten ihre Eltern Angst, Ilona und ihre Geschwister in die Schule zu schicken, weil sie vor Augen hatten, wie sie von der Gestapo aus den Klassen in die KZs trans­por­tiert wurden. Lagrene berichtete ein­dringlich über die Erfolge einer mehr als 40-jäh­rigen Bür­ger­rechts­arbeit, an der sie aktiv mit­ge­wirkt hat. Sie rief die Teil­neh­menden dazu auf, in ihrem Kampf gegen Anti­zi­ga­nismus trotz Hürden und Rück­schlägen nicht nach­zu­lassen.

Ob es im nächsten Jahr ein Bun­des­ju­gend­treffen der Rom*nja und Sinti*zze geben kann, ist unklar. Erst vor kurzem beschied das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­terium, ver­schie­denen Pro­jekten zur Demo­kra­tie­för­derung die Finan­zierung nicht zu ver­längern (»nd« berichtete). Davon wäre auch die Arbeit von Amaro Drom betroffen.

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