Rom*nja-Bundeskonferenz debattiert über Geschichtsrevisionismus und Organisationsstrategien / Finanzierung im kommenden Jahr unklar

Antiziganismus austreiben

»Wie ist es möglich, dass die Ver­wendung solcher Begriffe nicht ver­boten wird«, wurde Petra Pau gefragt. Die Abge­ordnete verwies darauf, dass es dafür im Bun­destag keine Mehrheit gäbe.

Wir sind die Zukunft« lautete das Motto einer Kon­ferenz, zu der sich in Berlin mehrere Hundert junge Rom*nja und Sinti*zze (geschlech­ter­ge­rechte Schreib­weise für Sinti und Roma) getroffen haben. Unter­stützt wurde diese von der Orga­ni­sation Amaro Drom, die es sich zum Ziel gesetzt hat, jungen Roma und Sinti zu poli­ti­scher und gesell­schaft­licher Akti­vität zu ermu­tigen. Am Sams­tag­abend dis­ku­tierten die Teil­neh­menden mit der.…

„Anti­zi­ga­nismus aus­treiben“ wei­ter­lesen

Antiziganismus im System

Müssen Geflüchtete hilflos und schutzsuchend sein?

Zu blond für ein Romakind?

Eine neue Hetzkampagne gegen Roma in verschiedenen europäischen Ländern macht deutlich, wie schnell gegen eine gesellschaftliche Minderheit eine Hetzkampagne losgetreten werden kann

Der Anlass war eine Razzia in einem grie­chi­schen Roma-Lager, bei der der Polizei ein blondes Mädchen auffiel. Weil es nach dem Äußeren nicht zum Bild eines Roma­kindes passte, wurde es von der Polizei einem Heim über­geben. Nachdem ein DNA-Test deutlich gemacht hatte, dass die Roma­fa­milie, bei der das Kind auf­wuchs, nicht die Eltern des Mäd­chens waren, begannen wilde Spe­ku­la­tionen, die Roma hätten das Kind ent­führt.

Die Bild­zeitung machte vor einigen Tagen mit der Schlag­zeile auf: »Polizei rettet Mädchen vor Gypsi-Bande«. Dif­fe­ren­zierter las sich ein Bericht über die Ange­le­genheit im Spiegel. Nicht nur in der Über­schrift wurde von einer mut­maß­lichen Ent­führung gesprochen. Im Text kam auch die Anwältin der Roma­fa­milie zu Wort:

»Die Anwältin des Paares, Marietta Palavra, erklärte, die Familie habe das Kind aus einem Heim zu sich geholt, als es erst wenige Tage alt war. Dort sei es von einem aus­län­di­schen Fremden abge­geben worden, der gesagt haben soll, dass er den Säugling nicht wei­ter­ver­sorgen könne. Nur weil die ver­dächtige Frau falsche Papiere vor­gelegt hätte, mache sie das noch nicht zu einer Kid­nap­perin, sagte Palavra. »Das Paar hat das Mädchen geliebt, als sei es sein eigenes Kind.« Das Mädchen war in Athen regis­triert; die angeb­lichen Eltern hatten von den Behörden in der grie­chi­schen Haupt­stadt eine Geburts­ur­kunde für das Kind erhalten.« Die grie­chische Polizei wies auf unklare Angaben des Paares hin.

Wenige Tage später zeigte sich, dass die Mär über ein von Roma ent­führtes Kind eine ras­sis­tische Pro­jektion gewesen sind: »Die leib­lichen Eltern des bei einem Roma-Paar in Grie­chenland ent­deckten blonden Mäd­chens Maria sind gefunden. DNA-Tests hätten bestätigt, dass ein am Don­nerstag befragtes bul­ga­ri­sches Roma-Paar Maria gezeugt habe, sagte der Stabschef des bul­ga­ri­schen Innen­mi­nis­te­riums, Swet­losar Lasarow, am Freitag in Sofia. Die grie­chische Polizei meldete derweil die Fest­nahme eines wei­teren Paares, das wider­rechtlich ein Roma-Baby erworben haben soll.

Bei den Eltern von Maria handelt es sich nach Behör­den­an­gaben um Sascha Rusewa und ihren Mann Atanas Rusew. Am Don­nerstag waren beiden in der zen­tral­bul­ga­ri­schen Stadt Gurkowo von der Polizei befragt worden. Rusewa soll in der Befragung ange­geben haben, vor einigen Jahren ihre sieben Monate alte Tochter bei ihren dama­ligen Arbeit­gebern in Grie­chenland zurück­ge­lassen zu haben. Nach eigenen Angaben han­delte sie aus schierer Not und mangels gül­tiger Papiere und wollte ihr Kind eines Tages zurück­holen.«

So wird klar, dass hier nicht ein Kind von einer »Gypsi-Familie« gerettet wurde, sondern vielmehr ihren Pfle­ge­eltern brutal ent­rissen und an die Öffent­lichkeit gezerrt worden ist. Es mag wohl sein, dass bei der Unter­bringung des Kindes manche Regel des Adop­ti­ons­rechtes ver­letzt wurde. Doch in einer Gesell­schaft, die es zulässt, dass Roma­mütter aus blanker Not ihr Kind zurück­lassen, hat wohl kaum ein Recht, auf irgend­welche For­malien in dieser Richtung zu bestehen. Wenn Ver­hält­nisse geschaffen würden, in denen auch Sinti und Roma ein men­schen­wür­diges Aus­kommen hätten, wäre schon viel gewonnen.

Wenn vom Aus­sehen auf die Her­kunft geschlossen wird

Dass nun aber aus­ge­rechnet die Pfle­ge­eltern, die das Kind wohl ohne staat­liche Unter­stützung auf­ge­nommen haben, als Kin­des­ent­führer an den Pranger gestellt werden, ist eine Infamie, die nur auf einen Boden gedeihen kann, wo Roma sowie jedes Ver­brechen zuge­traut wird . Zumal wird nicht nur bei der grie­chi­schen Polizei, sondern auch in vielen deut­schen Medien davon aus­ge­gangen, dass Roma keine blonden Kinder haben können. Diese Annahme ist aus wis­sen­schaft­licher Sicht nicht haltbar, im kon­kreten Fall einfach falsch, denn die Eltern waren Roma. Die Grundlage dieser Behauptung ist ein Ras­sismus, der aus dem Aus­sehen auf die Her­kunft der Men­schen schließen will.

Diese Welt­sicht teilt die grie­chische Polizei mit vielen Rechts­au­ßen­gruppen in unter­schied­lichen Ländern. So führte die falsche Behauptung vom blonden ent­führten Mädchen zu ras­sis­ti­schen Angriffen auf Roma in ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern. Im ser­bi­schen Novi Sad ver­suchten Rechte einen Roma-Vater sein Kind auf offener Straße weg­zu­nehmen, weil es nach ihrem ras­sis­ti­schen Weltbild zu blond war.

In Irland hatte die Polizei nach einer anonymen Denun­ziation zwei Roma­kinder vor­über­gehend ihren Familien ent­rissen und in Heime ein­ge­liefert, weil sie für deren Ras­sen­vor­stel­lungen zu blond waren. In beiden Fällen konnte ein­deutig nach­ge­wiesen werden, dass die von den Roma­eltern vor­ge­legten Papiere authen­tisch waren. Es fragt sich aber, ob hier nur von einer Blamage der Polizei und nicht von mani­festem staat­lichen Ras­sismus gerettet werden muss.

Uraltes anti­zi­ga­nis­ti­sches Kli­schee

Der in Berlin leh­rende Poli­tologe Markus End schrieb bereits im Jahr 2011 in der Publi­kation »Aus Politik und Zeit­ge­schehen« einen Aufsatz unter dem Titel »Bilder und Struktur des Anti­zi­ga­nismus«. Dort heißt es: »Die meisten deut­schen Ange­hö­rigen wachsen mit solchen Vor­ur­teilen über »Zigeuner« auf, ohne, dass sie jemals eine/​n Angehörige/​n der Min­derheit de Sinti und Roma ken­nen­ge­lernt haben. Viele dieser Vor­ur­teile sind nega­tiver Art, bei­spiels­weise das Gerücht, »Zigeuner« würden Kinder stehlen«.

End ist Mit­her­aus­geber zweier im Unrast-Verlag erschie­nenen Bücher, die die anti­zi­ga­nis­ti­schen Zustände detail­liert unter­suchen. Zudem hat er in einer Studie die For­schungs­an­sätze zum Anti­zi­ga­nismus und seiner Gegen­stra­tegien vor­ge­stellt.

Schon vor mehr 200 Jahren durch­schaute der Auf­klärer Jakob Grellmann das Kli­schee vom kin­der­klau­enden Roma: »Mehrere Schrift­steller reden von Men­schenraub der Zigeuner und beschul­digen sie, dass sie besonders Kindern nach­stellen.« Für Grellmann war bereits 1783 die Wahrheit jener Beschul­digung »durch den Umstand äußerst ver­dächtig, dass lange zuvor, ehe noch ein Zigeuner euro­päi­schen Boden betreten hatte, die Juden damit ver­schrien wurden«.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​55228

Peter Nowak

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