Arbeitskampf im Berliner Hostel »Wombat’s«

Ein Fall von Hostel Busting

Eine Hostel-Kette will sich einer kämp­fe­ri­schen Beleg­schaft in Berlin durch die Schließung der Filiale ent­le­digen. Die Unter­stützung für die Beschäf­tigten ist groß.

Für aus­tra­lische Beu­tel­säuger bestand zu keiner Zeit eine Gefahr. Zwar stand der Slogan »Wombats ent­eignen« auf Schildern bei einer Pro­test­kund­gebung am Freitag ver­gan­gener Woche in Berlin. Gemeint waren aber nicht die Tiere, sondern ein Unter­nehmen. Die For­derung zeigt, dass die Ent­eig­nungs­de­batte weitere Kreise zieht. Denn Wombat’s ist kein Immo­bi­li­en­konzern, sondern eine Hostel-Kette mit Filialen in München, London, Budapest, Wien und ab Anfang August vor­aus­sichtlich auch in Venedig. Die Ber­liner Filiale im ehe­ma­ligen Scheu­nen­viertel in Berlin-Mitte soll zum 31. August geschlossen werden. Des­wegen hatten die Beschäf­tigten zu einer Pro­test­kund­gebung vor dem Hostel auf­ge­rufen. Der Grund für die dro­hende Schließung ist nicht etwa.…

.…man­gelnder Umsatz; das Hostel mit seinen 350 Betten ist oft aus­ge­bucht. »Bedau­er­li­cher­weise stehen wir nun an einem Punkt, an dem diese Anfein­dungen ein Ausmaß ange­nommen haben, das für uns nicht mehr hin­nehmbar ist, so dass der Fort­be­trieb des Hauses bedau­er­li­cher­weise nicht mehr möglich ist«, begründete eine Pres­se­spre­cherin von Wombat’s auf Nach­frage der Taz die geplante Schließung.

»Wir haben in unserem Alltag im Hostel gemerkt, dass die Arbeit am besten läuft, wenn die Chefs und ihre Ver­treter nicht anwesend sind.«

Aller­dings geht es um weit mehr als irgend­welche Anfein­dungen. Das Ber­liner Hostel ist der Ort einer hef­tigen und lang­wie­rigen Aus­ein­an­der­setzung zwi­schen dem Management und den Beschäf­tigten. Im Jahr 2015 hatten die Ber­liner Mit­ar­beiter den ersten Betriebsrat in einem Hostel in Deutschland erkämpft. Er ver­steht sich als eine kon­se­quente Inter­es­sen­ver­tretung der Beschäf­tigten und nicht, wie viele Betriebsräte, als Co-Management. Die Geschäfts­führer des Unter­nehmens, Alex­ander Dimi­triewicz und Marcus Pra­schinger, hatten damals in einem offenen Brief geschrieben, die Gründung des Betriebsrats komme einem »Ver­trau­ens­entzug« gleich, zudem werde sich durch den Schritt nichts ver­bessern. Seither gab es heftige Kon­flikte zwi­schen der Fili­al­leitung und dem Betriebsrat bezie­hungs­weise den Beschäf­tigten.

Die Mit­ar­bei­terin Ruth K. schildert im Gespräch mit der Jungle World die Erfolge der Beschäf­tigten: »Mitt­ler­weile ist es der Haus­leitung nur noch dann erlaubt, Kol­le­ginnen und Kol­legen in ihrer Freizeit zwecks Über­nahme weitere Dienste zu kon­tak­tieren, wenn diese vorab monats­weise ihr Ein­ver­ständnis dazu gegeben haben. Darüber hinaus sind ange­ordnete Über­stunden unzu­lässig. Auch ist die Per­so­nal­decke bei uns im Ver­gleich zu anderen Häusern der Kette ziemlich dicht.« Die Mit­ar­beiter nähmen an, die geplante Schließung sei eine Ver­gel­tungs­maß­nahme für die gewerk­schaft­liche Orga­ni­sierung.

»Obwohl das Management die ganze Palette des union busting, also der pro­fes­sio­nellen Gewerk­schafts­be­kämpfung, nutzte, konnten sich Betriebsrat und Gewerk­schaft ab 2015 nicht nur halten, sondern mehr als 80 Prozent der Beleg­schaft orga­ni­sieren«, sagt Elmar Wigand von der »Aktion Arbeits­un­recht«. »Von Beginn an hat man alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die gewerk­schaft­lichen Akti­vi­täten zu unter­binden. Es wurde viel Geld in Rechts­an­walts­kanz­leien inves­tiert, die sich auf union busting spe­zia­li­siert haben«, sagt Raphael K., einer der 35 Beschäf­tigten der Ber­liner Filiale von Wombat’s. Diese erklären den häu­figen Wechsel der Anwälte des Manage­ments damit, dass das Ziel, den Betriebsrat aus­zu­schalten, bisher nicht erreicht werden konnte.
Einige Beschäf­tigte berichten, die Gegen­seite habe auch nicht davor zurück­ge­schreckt, Rechte der Beleg­schaft zu miss­achten. »So wurden bei uns bei­spiels­weise Streik­teil­neh­me­rinnen gekündigt. Sie mussten sich in lang­wie­rigen Ver­fahren an den über­las­teten Ber­liner Arbeits­ge­richten wieder zurück an ihren alten Arbeits­platz klagen. Bis dahin standen die Betrof­fenen ohne Job und Unter­stützung von der Agentur für Arbeit auf der Straße, denn bei einer ver­hal­tens­be­dingten Kün­digung wird man ja erst einmal für drei Monate gesperrt«, sagt Ruth K.

Obwohl solche Kün­di­gungen vor Gericht keinen Bestand haben, demo­ra­li­sieren sie die Beleg­schaft. »Nach einem Blick auf den eigenen Kon­to­stand haben plötzlich alle Angst um ihren Arbeits­platz«, sagt der Mitar­beiter Milenko K. Er beklagt Abmah­nungen und Ankün­di­gungen arbeits­recht­licher Kon­se­quenzen wegen Selbst­ver­ständ­lich­keiten wie einem Gespräch mit dem Betriebsrat während der Arbeitszeit. Auch solche Abmah­nungen sind zwar in der Regel wider­rechtlich, sorgen aber erst einmal für Ver­un­si­cherung und schrecken mög­li­cher­weise von künf­tigen Besuchen beim Betriebsrat ab.

Aller­dings ließ sich der harte Kern der Beschäf­tigten des Wombat’s nicht ein­schüchtern. Sie radi­ka­li­sierten sich eher im Zuge der Aus­ein­an­der­setzung, wie die For­derung nach der Ent­eignung des Hostels zeigt. »Wir haben in unserem Alltag im Hostel gemerkt, dass die Arbeit am besten läuft, wenn die Chefs und ihre Ver­treter nicht anwesend sind. Da haben wir uns gedacht, dann könnten wir doch den Betrieb gleich selbst orga­ni­sieren«, sagt Raphael K.

Die pro­tes­tie­renden Beschäf­tigten erhielten auf ihrer Kund­gebung am Freitag Unter­stützung von unter­schied­lichen Gruppen. Ins­gesamt betei­ligten sich etwa 150 Men­schen an dem Protest. Der Frank­furter Sekretär der Gewerk­schaft Nahrung, Genuss und Gast­stätten (NGG), Jürgen Hinzer, hielt eine Rede, in der er auch auf seine lang­jährige Erfahrung als Streikor­ga­ni­sator verwies. Die Beschäf­tigten sind Mit­glieder der Ber­liner NGG und zeigen sich zufrieden mit der Unter­stützung ihrer Gewerk­schaft. Beschäf­tigte eines Hostels in Berlin-­Moabit, die kürzlich Schritte zur Wahl eines Betriebsrats ein­ge­leitet haben, betei­ligten sich eben­falls an dem Protest. Auch die AG Taxi von Verdi Ber­lin, die sich gegen die Ver­schlech­terung der Arbeits­ver­hält­nisse im Be­förderungsgewerbe wehrt, soli­da­ri­sierte sich mit den Beschäf­tigten des Hostels. Zudem hatten diese sich ei­nige Tage vor der Kund­gebung mit ihren Unter­stützern im kürzlich eröff­neten »Kiezhaus Agnes Reinhold« im Wedding getroffen, das die Stadt­teil­gruppe »Hände weg vom Wedding« betreibt.

Peter Nowak