Fakten, Fakten, Fakten

Die Aus­stellung »After the Fact« unter­sucht die Stra­tegien der Pro­pa­ganda im 21. Jahr­hundert.

»Es ist nicht das Bewusstsein der Men­schen, das ihr Sein, sondern umge­kehrt ihr gesell­schaft­liches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt«. Dieses Zitat aus dem Vorwort zur »Kritik der poli­ti­schen Öko­nomie« von Karl Marx liest man in diesen Tagen auf Pla­katen vieler Münchner Lit­faß­säulen. Die Plakate werben für die Aus­stellung »After the Fact«, die noch bis zum 17. Sep­tember im Kunstbau des Münchner Len­bach­hauses zu sehen ist. Das Motto spielt auf die berühmt-berüch­tigten fake news an, von denen der Medi­en­kon­sument angeblich rund um die Uhr bedroht ist. So wird immer wieder behauptet, US-Prä­sident Donald Trump habe mit deren Ver­breitung in den USA die Wahlen gewonnen. Seit Monaten wird davor gewarnt, dass solche fake news auch die Bun­des­tags­wahlen beein­flussen könnten. Es stellt sich schon die Frage, ob diese stän­digen War­nungen nicht selbst fake news sind? Mithin ist es auch bezeichnend, dass Trump ihm nicht wohl­ge­sinnte Medien als fake news ver­höhnt. In Deutschland bezich­tigen rechte Online-Seiten wie PI-News ihre Kri­tiker der Ver­breitung von Falsch­mel­dungen.

Der vor­mund­schaft­liche Staat treibt unter­dessen die Kon­trolle und Zensur des Internets voran. Schließlich soll der Bürger vor dem ver­hee­renden Ein­fluss fal­scher Nach­richten geschützt werden. Die juris­ti­schen Mög­lich­keiten dazu bietet das kürzlich ver­ab­schiedete Netz­werk­durch­set­zungs­gesetz, das den Betreibern sozialer Medien mit hohen Geld­strafen droht, sollten sie Falsch­mel­dungen oder het­ze­rische Texte nicht kon­se­quent löschen. Bereits die Androhung von Straf­zah­lungen zeigt Wirkung und treibt pro­fit­ori­en­tierte Unter­nehmen dazu, im Zweifel lieber zu zen­sieren als zu zahlen.

Arbeiten von Medi­en­ak­ti­visten aus aller Welt sind in der Münchner Aus­stellung zu sehen. Manchmal ist es not­wendig, sich einen Film mehrmals anzu­sehen, um das ver­meintlich authen­tische Material ein­ordnen zu können.
Höchste Zeit also, den Hype um die angeblich so bedroh­lichen fake news his­to­risch ein­zu­ordnen. Dazu leistet die Münchner Aus­stellung ihren Beitrag. »Bereits in den zwan­ziger Jahren beschrieb Edward Bernays Pro­pa­ganda als der Werbung wesens­ver­wandt. Der Neffe Sigmund Freuds wandte die tie­fen­psy­cho­lo­gi­schen Theorien seines Onkels auf das von ihm mit­be­gründete Feld der PR-Werbung (Öffent­lich­keits­arbeit) an, welches er als eine Mischung aus Kriegs­führung und stra­te­gi­scher Ver­führung ver­stand«, heißt es im Aus­stel­lungs­flyer. Erinnert wird an die lange Geschichte der Pro­pa­ganda, die sich mit der Ent­wicklung der Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie ver­ändert. Knapp vierzig Jahre nach Bernays kon­sta­tierte der ita­lie­nische Regisseur Pier Paolo Pasolini, dass die Pro­pa­ganda des Faschismus die Men­schen weniger durch­drungen habe als die mas­sen­medial ver­brei­teten Bot­schaften des Kapi­ta­lismus. Den Pro­pa­gan­da­be­griff »vor dem Hin­ter­grund gesell­schaft­licher, poli­ti­scher und medialer Ent­wick­lungen des 21. Jahr­hun­derts« zu betrachten, ist das erklärte Ziel der Aus­stel­lungs­macher. Es handele sich bei diesem Begriff um ein »kom­plexes und poten­tiell so hilf­reiches wie pro­ble­ma­ti­sches Denk- und Ana­ly­se­werkzeug«.

Beim Gang durch die Aus­stellung, für die man sich wegen der sehens­werten Videos einige Stunden Zeit nehmen sollte, werden sehr unter­schied­liche Formen der Pro­pa­ganda vor­ge­stellt. Ins­gesamt 25 Künstler aus aller Welt stellen ihre Arbeiten aus. Franz Wanners Video­in­stal­lation »From Camp to Campus« (2017) ist eine der jüngsten der gezeigten Arbeiten. Der 42jährige Künstler beschäftigt sich darin mit der Geschichte des Ludwig-Bölkow-Campus der Uni­ver­sität der Bun­deswehr München, der auf dem Gelände des ehe­ma­ligen Dachauer KZ-Außen­lagers in Otto­brunn unter­ge­bracht ist. Im Jahr 2013 wurde das Gelände nach dem für die Nazis tätigen Luft­fahr­t­in­ge­nieur Ludwig Bölkow benannt. Auf dem Campus werden Bun­des­wehr­pi­loten aka­de­misch aus­ge­bildet. Die NS-Geschichte des Areals wird im Lehr­an­gebot völlig aus­ge­blendet. Mit Wanners Instal­lation beschäf­tigte sich auch der Baye­rische Landtag, der auf Anfrage eines Abge­ord­neten der Grünen ein­räumen musste, dass auf dem Ludwig-Bölkow-Campus Rüs­tungs­for­schung betrieben wird, wie auch Wanner für seine Instal­lation recher­chiert hat.

»Battle Management Drawings« heißt eine weitere im Len­bachhaus aus­ge­stellte Arbeit Wanners. Darin beschäftigt sich der Künstler mit mili­tä­ri­schen Infor­ma­ti­ons­sys­temen, die an den euro­päi­schen Außen­grenzen die Zuwan­derung über­wachen. Flücht­linge werden nicht als schutz­su­chende Men­schen betrachtet, sondern wie Objekte auf­ge­spürt und abge­wehrt. Auch die Arbeiten des Ber­liner Foto­grafen Julian Röder the­ma­ti­sieren die Migra­ti­ons­abwehr an den Außen­grenzen der EU. Bekannt wurde Röder mit seiner Serie »The Summits« über Pro­teste während diverser G8-Gipfel. Ihn inter­es­sieren die Zusam­men­hänge von Macht und Öko­nomie.
Der Kon­zept­künstler Hans-Peter Feldmann zeigt Titel­seiten inter­na­tio­naler Zei­tungen, die am Tag nach den isla­mis­ti­schen Anschlägen auf die USA am 11. Sep­tember 2001 über das Geschehen berich­teten. Mit ihrer Instal­lation »A Room of One’s Own: Women and Power in the New Ame­ricas« greift die in den USA lebende Künst­lerin Coco Fusco femi­nis­tische Debatten des Landes auf. Ist es ein Zeichen für Eman­zi­pation, wenn Frauen nun auch in Abu Ghraib und anderswo Kar­riere machen können?
Auch Arbeiten von Medi­en­ak­ti­visten aus aller Welt sind in der Münchner Aus­stellung zu sehen. Manchmal ist es not­wendig, sich einen Film mehrmals anzu­sehen, um das ver­meintlich authen­tische Material ein­ordnen zu können. So wird in einem kurzen Video, das während der Pro­teste gegen Ägyptens isla­mis­ti­sches Mursi-Régime in Kairo gedreht wurde, das Interview mit einem zwölf­jäh­rigen Jungen gezeigt, der in per­fektem Eng­lisch eine enga­gierte Rede gegen den Isla­mismus hält, den er als große Gefahr für die säkulare Gesell­schaft und die Men­schen­rechte bezeichnet. Der Junge hat mehr begriffen als mancher Linke in Deutschland, denkt man. Dann kommt kurz ein älterer Mann ins Bild, der mit stolzem Gesicht dem Jungen applau­diert und ihn mit Gesten zum Wei­ter­reden auf­fordert. Der Betrachter bleibt am Ende mit der Frage zurück, ob der Teenager frei­willig seine eman­zi­pative Sicht­weise zum Isla­mismus vorgetra­gen hat oder ob er von dem älteren Mann, viel­leicht seinem Vater, instruiert wurde. Auch die mit den besten Argu­menten vor­ge­tragene Pro­pa­ganda sollte kri­tisch hin­ter­fragt werden.

After the Fact – Pro­pa­ganda im 21. Jahr­hundert. Len­bachhaus und Kunstbau München. Bis 17. Sep­tember

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Peter Nowak