Her mit dem ganzen Leben - Brot und Rosen

Keiner schiebt uns weg

Der Inter­na­tionale Frau­en­streik am 8. März gibt Gele­genheit, über neue Formen soli­da­ri­scher Koope­ration nach­zu­denken

Am Freitag werden in Berlin manche Men­schen erstaunt vor ver­schlos­senen Läden und Büros stehen. Denn nicht alle werden mit­be­kommen haben, dass in diesem Jahr in der Haupt­stadt der Inter­na­tionale Frau­entag am 8. März zum neuen Fei­ertag [1] wurde.

Das hat die Koalition aus SPD, Grüne und Linke beschlossen und damit auch noch Clara Zetkin Gerech­tigkeit wie­der­fahren lassen. Auf die Sozia­listin und Frau­en­recht­lerin geht der 8. März zurück. Weil Zetkin, die an der Seite von Rosa Luxemburg am linken Flügel der SPD stand, 1919 KPD-Mit­glied wurde, galt sie manchen nach 1989 nicht mehr würdig, als Namens­ge­berin von Straßen zu fun­gieren. Es gab in ver­schie­denen Städten Umbe­nen­nungen.

Gegen den neuen Ber­liner Fei­ertag pole­mi­sieren viele. Auch die kaum bekannte Bay­ern­partei meldet sich mit ihrer Kritik [2] zu Wort. Dabei muss offen­bleiben, ob der Bay­ern­par­tei­vor­sit­zende mit der Ver­knüpfung vom Fei­ertag in Berlin und der Fer­tig­stellung des Ber­liner Flug­hafens nicht bei der Titanic und ihren par­la­men­ta­ri­schen Arm Die Partei [3] besser auf­ge­hoben wäre.

Feiertag oder Kampftag?

Fun­diertere Ein­wände zum Ber­liner Fei­ertag kamen aus Kreisen des Ber­liner Frau­en­streik­bünd­nisses [4], das in diesem Jahr am 8. März Frauen aufruft, an diesem Tag ihre Tätig­keiten ruhen zu lassen. Dabei handelt es sich eben nicht nur um die Erwerbs­arbeit, sondern auch um die unbe­zahlte Pflege- und Sor­ge­arbeit, die Frauen tra­di­tionell im Haus leisten.

»Es ist klar, dass wir als arbei­tende Frauen mehr gesetz­liche Fei­ertage wollen, aber nicht an unserem inter­na­tio­nalen Kampftag«, erklärte das Frau­en­streik­bündnis [5].

Aller­dings ist die Ein­schätzung zum Ber­liner Fei­ertag auch im hete­ro­genen Bündnis umstritten. Schließlich muss es ja kein Wider­spruch sein, dass der 8. März ein Kampf- und Fei­ertag ist. Die Geschichte des 1. Mai zeigt aber auch die Gefahren auf, die ein Staats­fei­ertag mit sich bringen kann. Die Nazis haben den 1. Mai als Fei­ertag der deut­schen Arbeit ein­ge­führt, an dem die Betriebs­führer wie die Unter­nehmer genannt wurden, mit denen Beleg­schaften gemeinsam den neuen Staat hul­digen sollten. Der NS-Fei­ertag war explizit gegen den 1.Mai als Inter­na­tio­nalen Kampftag gerichtet.

Der Frau­entag war mit der sozia­lis­ti­schen Frau­en­be­wegung ver­knüpft, so dass eine Bezug­nahme darauf im Natio­nal­so­zia­lismus unmöglich war. Näher stand ihnen der Mut­tertag, weil in der NS-Ideo­logie Frauen in erster Linie deutsche Mütter sein sollten, auch wenn sie gleich­zeitig im Arbeits­leben Dienst an der Volks­ge­mein­schaft leisten sollten. Dass der 8. März, der bisher nur in Berlin Fei­ertag ist, eben nicht so beliebig wurde wie der 1.Mai, ist auch das Ver­dient ver­schie­dener Zyklen von Frau­en­be­we­gungen.

Da war die pro­le­ta­rische Frau­en­be­wegung um Zetkin, auf die der 8. März zurückgeht, die sich in ihrer Zeit vom bür­ger­lichen Femi­nismus abgrenzte. In West­deutschland ent­deckte ein Teil der nach dem Auf­bruch von 1968 ent­stan­denen Frau­en­be­wegung die pro­le­ta­rische Frau­en­be­wegung und auch den 8. März neu. Einige bezogen sich positiv darauf, andere sprachen von ver­al­teten Kon­zepten.

Eine größere Strömung dieser Frau­en­be­wegung sah Anknüp­fungs­punkte, wollte aber die Kon­zepte einer Clara Zetkin nicht einfach über­nehmen. Da ging es eher um die Dis­kus­sionen, was daran noch aktuell und was überholt ist. Und es ging auch um die Kämpfe von Frauen, in denen sie nicht als Teil einer Fabrik­ar­bei­ter­klasse in Erscheinung getreten sind.

Dania Alasti hat in ihren infor­ma­tiven Buch »Frauen der Novem­ber­re­vo­lution [6] an Pro­teste von Frauen während des 1. Welt­kriegs erinnert, die weit­gehend ver­gessen sind. Dabei ging es neben den Bro­t­un­ruhen gegen Hunger und Man­gel­er­nährung auch um Pro­teste gegen die natio­na­lis­tische Vater­lands­partei. Frauen nutzten vor mehr als 100 Jahren bei ihren Pro­testen auch den Vorteil, dass sie anders als Männer nach Ver­haf­tungen nicht an die Front geschickt wurden. Alasti zeigt überdies auf, wie die Kämpfe der Frauen auch von den Männern der Arbei­ter­be­wegung oft nicht ernst genommen wurden, was mit ein Grund für die »Kon­ti­nuität des Ver­gessens« gewesen sein kann, die Alasti in ihrem Buch benennt.

Brot und Rosen – oder wenn Frauen streiken

So kann die aktuelle Frau­en­streik­be­wegung an diese beiden Stränge anknüpfen. An die ver­ges­senen Kämpfe von Frauen außerhalb der Pro­duk­ti­ons­sphäre, aber auch an die lange Tra­dition von Arbeits­kämpfen, die haupt­sächlich von Frauen getragen wurden. Die fanden an Arbeits­plätzen statt, an denen haupt­sächlich Frauen beschäftigt waren, meist zu schlech­teren Bedin­gungen als die Männer.

Dass die lohn­ar­bei­tende Frau noch die unbe­zahlte Haus­arbeit ver­richten musste, wurde selbst in den unter­schied­lichen Teilen der Arbei­ter­be­wegung oft nicht hin­ter­fragt. Songs wie Brot und Rosen [7] legen noch immer Zeugnis ab von diesen his­to­ri­schen, vor­nehmlich von Frauen getra­genen Arbeits­kämpfen. Der Verlag Die Buch­ma­cherei hat mit dem Buch »Wilder Streik, das ist Revo­lution« [8] und einem Film an den Streik bei Pierburg in Neuss erinnert, wo vor allem migran­tische Frauen 1973 für bessere Arbeits­be­din­gungen streikten.

Viel­leicht wird es auch noch Ver­öf­fent­li­chungen geben, die an den Streik der Heinze-Frauen [9] gegen Lohn­dis­kri­mi­nierung Ende der 1970er Jahre erinnert. »Keiner schiebt uns weg« lautete die zen­trale Parole.

Die Bezug­nahme auf diese Arbeits­kämpfe von Frauen ist umso not­wen­diger, weil im Zuge der Ver­rin­gerung der for­dis­ti­schen Betriebe in Ländern wie Deutschland die Arbeitswelt ins­gesamt weib­licher geworden ist. In den letzten Monaten war viel von Arbeits­kämpfen in Kli­niken oder im Erzie­hungs­be­reich die Rede, wo besonders viele Frauen arbei­teten. Daran knüpfen Akti­vis­tinnen am 8. März an:

Ob als Mutter, pfle­gende Ange­hörige, Freundin, Kran­ken­schwester, Alten­pfle­gerin, Sex­ar­bei­terin oder Hebamme – es sind größ­ten­teils Frauen, die die Pflege, Ver­sorgung und Erziehung übernehmen.Aus dem Aufruf zum Chic Care Catwalk [10]

Dabei handelt es sich um eine von vielen Aktionen, die rund um den 8. März dazu bei­tragen sollen, dass weib­liche Arbeit the­ma­ti­siert wird. Auch gegen das Hartz IV-Régime [11] richtet sich eine Aktion rund um den 8. März. In Cottbus lautet die Parole des Frau­en­streiks »Wenn wir die Arbeit nie­der­legen, steht die Welt still« [12] und ver­mittelt zumindest rhe­to­risch einen Ein­druck von Stärke und Opti­mismus einer Bewegung, die eine ganz andere Welt gestalten könnte.

Ein solcher Opti­mismus, den die Arbei­ter­be­wegung vor 100 Jahren ausstrahlte,scheint weit­gehend ver­loren gegangen zu sein. Es geht scheinbar nur noch um Abwehr­kämpfe und das Bemühen, die mensch­lichen Fuß­ab­drücke auf der Erde immer unsicht­barer zu machen. Darin liegt auch ein Grund für den Auf­stieg der unter­schied­lichen rechten Bewe­gungen. Sie rich­teten sich in vielen Ländern auch gegen die von Frauen erkämpften Rechte.

Der inter­na­tionale Frau­en­streiktag ist auch eine Antwort darauf, die aller­dings nicht den Kampf gegen die Rechten, sondern die poli­ti­schen Inhalte, die sie bekämpfen, in den Mit­tel­punkt stellt. Zudem ist es eine Bewegung, die sich in wenigen Jahren über Grenzen und Kon­ti­nente hinweg aus­ge­breitet hat. Hier liegt auch die his­to­rische Bedeutung des Frau­en­streiks über den 8. März 2019 hinaus.

In dem Band »8 M – Der große femi­nis­tische Streik. Kon­stel­la­tionen des 8 März« [13] wird der poli­tische Hin­ter­grund erläutert, der zu den Frau­en­streiks in den ver­schie­densten Ländern in den letzten Jahren führte. Ange­fangen bei den Ni-Una-Menos-Pro­testen 2015 in Argen­tinien [14], über die große Streiks der Frauen 2016 in Latein­amerika und schließlich den Frau­en­streik 2017 in Spanien [15], der auch viele Akti­vis­tinnen moti­viert hat, in diesem Jahr in vielen anderen Län­dernzu streiken.

Her mit dem ganzen Leben – aktueller denn je

Es muss sich zeigen, ob sich hier, anders als beim Frau­en­streik 1994 [16], ein län­ger­fris­tiger Kampf­zyklus ent­wi­ckelt, der die Kämpfe der Frauen von vor 100 Jahren in die heutige Zeit trans­for­miert.

»Wenn wir zusammen kämpfen, kämpfen wir auch für den Mann«, heißt es in dem Lied »Brot und Rosen«. Auch dieser Aussage kommt heute eine neue Bedeutung zu. Der Frau­en­streiktag könnte auch die Männer moti­vieren, Teil einer sozialen Bewegung zu werden, die sich nicht gegen andere Unter­drückte und Aus­ge­beutete richtet. »Her mit dem ganzen Leben«, sangen die strei­kenden Frauen vor 100 Jahren. Das ist eine ver­dammt aktuelle For­derung, in einer Zeit, in der die Zumu­tungen des Arbeits­lebens, das von Marx beschriebene Reich der Not­wen­digkeit, immer tiefer in das Leben aller Men­schen ein­greift und die Grenze zwi­schen Lohn­ar­beits- und Freizeit ver­schwimmt.