Tödliche Medikamente

Prä­parate, die nicht nur Leben retten: Was ein euro­päi­scher Phar­ma­konzern mit der Todes­strafe in den USA zu tun hat
Das Selbstbild ist jeden­falls ein­deutig: „Lundbeck ist ein for­schendes, phar­ma­zeu­ti­sches Unter­nehmen. Unser Fokus liegt auf der Ent­wicklung inno­va­tiver Medi­ka­mente, die zur Behandlung von Stö­rungen des Zen­tralen Ner­ven­systems (ZNS) ein­ge­setzt werden: u.a. bei Depres­sionen, Schi­zo­phrenie, Morbus Alz­heimer, Angst­stö­rungen und Morbus Par­kinson.“ Das dänische Unter­nehmens, das in über 50 Ländern – unter anderem in Hamburg-Harburg – Nie­der­las­sungen hat, will demnach die Lebens­si­tuation von Men­schen ver­bessern, die am Zen­tral­ner­ven­system erkrankt sind.

Doch bei Lundbeck her­ge­stellte Prä­parate retten nicht nur Leben. In den USA ist das Unter­nehmen der einzige Lizenz­träger für das Betäu­bungs­mittel Pento­bar­bi­tural, das künftig bei Hin­rich­tungen mittels Gift­spritze ein­ge­setzt werden soll. Damit soll das Nar­ko­se­mittel Thio­pental ersetzen werden, das nicht mehr ein­ge­setzt werden kann. Bür­ger­rechts­gruppen hatten Alarm geschlagen, nachdem drei zum Tode Ver­ur­teilte bei ihrer Hin­richtung grau­en­volle Qualen erlitten hatten, weil das Nar­ko­se­mittel ver­sagte. In allen drei Fällen wurde nach Recherche von Men­schen­rechtlern das Nar­ko­se­mittel Thio­pental von der bri­ti­schen Firma Dream Pharma an die US-Bun­des­staaten Kali­fornien, Georgia, South-Carolina, Arkansas und Arizona geliefert. Die bri­tische Men­schen­rechts­or­ga­ni­sation Reprieve sorgte mit einer Klage vor dem Obersten Gerichtshof dafür, dass Dream Pharma das von ihr gelie­fertes Nar­ko­se­mittel zurück­zu­holen musste.

Damit stehen die Jus­tiz­be­hörden der 35 US-Bun­des­staaten, die die Todes­strafe voll­strecken, vor einem Problem. Die Vorräte für den Gift-Cocktail, mit dem die Todes­kan­di­daten ins Jen­seits befördert werden, sind zur Neige gegangen und können nicht wieder auf­ge­füllt werden. Der einzige in den USA zuge­lassene Her­steller stoppte nach Pro­testen von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen die Pro­duktion. Der Plan des Her­stellers Hospira, das Nar­ko­se­mittel Natrium-Thio­pental in Italien wei­ter­pro­du­zieren zu lassen, nachdem die US- Pro­duktion im August 2009 wegen eines Eng­passes bei einem che­mi­schen Bestandteil gestoppt werden musste, schei­terte eben­falls. Italien verbot den Export des Medi­ka­ments in die USA, nachdem Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen bekannt gemacht hatten, dass es dort zu Hin­rich­tungen ver­wendet werden soll.

Mitt­ler­weile hat Hospira das Produkt voll­ständig vom Markt genommen. Als Unter­nehmen, das sich auf dem Markt einen Namen gemacht hat, weil es Medi­ka­mente zur Lebens­rettung pro­du­ziert, sei man nicht bereit, die Her­stellung von Pro­dukten zu unter­stützen, die für die Voll­stre­ckung der Todes­strafe genutzt werden, begründete Hospira-Vize­prä­sident Kees Gio­enhout diesen Schritt. Mitt­ler­weile mussten mehrere US-Bun­des­staaten schon ter­mi­nierte Exe­ku­tionen wegen des feh­lenden Prä­parats ver­schieben. Die Hin­richtung des wegen Ver­ge­wal­tigung und Frau­en­mordes zum Tode ver­ur­teilten Cleve Foster war auf Anordnung des Obersten Gerichtshofs der USA wegen des feh­lenden Nar­ko­se­mittels aus­ge­setzt worden.

Lundbecks ethi­sches Dilemma

Men­schen­rechts­gruppen ver­stärken den Druck auf Lundbeck, weil sie ver­hindern wollen, dass das Unter­nehmen mit seinen Prä­pa­raten die Vorräte für die Hin­rich­tungs­spritze in den USA wieder auf­füllt. Das „Netzwerk gegen die Todes­strafe“ initi­ierte eine Petition, in der Lundbeck auf­ge­fordert wird, eine Klausel in die Ver­träge mit seinen Ver­triebs­firmen ein­zu­fügen, mit der die Wei­tergabe des Prä­parats an die Todes­kammern in den US-Bun­des­staaten untersagt werden soll. Das Netzwerk ver­weist dabei auf das 13. Pro­tokoll der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­vention, das nicht nur die Todes­strafe in Europa ver­bietet sondern auch die euro­päische Politik auf­fordert, sich weltweit für die Abschaffung der Todes­strafe ein­zu­setzen.

In einer Stel­lung­nahme ver­si­cherte der Lundbeck-Manager Eberhard Lüdtke, sein Unter­nehmen lehne die Todes­strafe kate­go­risch ab und habe den Global Compact der Ver­einten Nationen (UN) gegen die Todes­strafe unter­zeichnet. Die Ver­wendung eines in seinem Unter­nehmen her­ge­stellten Prä­parats als Bestandteil des Gift-Cock­tails für die Hin­rich­tungs­ma­sche­nerie in den USA stelle sein Unter­nehmen vor ein ethi­sches Dilemma, klagte Lüdtke.

„Lundbeck hat alle Mög­lich­keiten unter­sucht, den Miss­brauch von Pento­bar­bital in den USA zu stoppen. Hoch­rangige Rechts­ex­perten sind leider zu dem Ergebnis gekommen, dass die … »End­ver­braucher-Klausel« in den Ver­trägen auch nicht vor der miss­bräuch­lichen Anwendung schützt. Die einzige Alter­native wäre, das Produkt voll­ständig vom Markt zu nehmen, was sehr negative Kon­se­quenzen für die schwer­erkrankten Pati­enten hätte“, erklärte Lüdtke.

Es wird sich zeigen, ob das Unter­nehmen bei dieser Position bleibt. Das Netzwerk gegen die Todes­strafe will in der nächsten Zeit ver­stärkt um Unter­stützung für die Petition werben, die Lundbeck jedes Geschäft mit dem Tod ver­bieten will. Die Unter­schriften sollen am 10.12.2011, dem inter­na­tio­nalen Tag der Men­schen­rechte, bei der deut­schen Lundbeck-Nie­der­lassung in Hamburg-Harburg über­geben werden.

Petition: http://​www​.the​pe​ti​ti​onsite​.com/​2​/​k​e​i​n​e​-​l​u​n​d​b​e​c​k​-​p​r​p​a​r​a​t​e​-​f​r​-​h​i​n​r​i​c​h​t​u​n​g​e​n​-​i​n​-​d​e​n​-usa/

http://​www​.freitag​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​1116-

Peter Nowak


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