Die Diskussion über die Thunberg-Reise in die USA könnte auch anzeigen, wie sich die Jugendumweltbewegung in zentralen Fragen positioniert. Kommentar

Autoritäres Gesellschaftsmodell oder emanzipative Alternative zum Kapitalismus

Man muss sich nur vor­stellen, wie dann eine durch die Rezession fort­schrei­tende Ver­armung und die tat­säch­lichen oder ima­gi­nierten Zwänge des Kli­ma­wandels der Motor einer neuen auto­ri­tären Gesell­schafts­for­mierung werden können, bei der Ver­zichts­ideo­logen wie Nico Paech nur einen kleinen, aber nicht unwich­tigen Part spielen könnten.

Manche Taz-Leser sind wieder mal sehr empört und teilen ihr Gefühl den anderen durch Leser­briefe mit. Hat sich doch ihre Lieb­lings­zeitung getraut zu recher­chieren, wie öko­lo­gisch der Segeltörn der Öko-Ikone Greta Thunberg und ihres Vaters nun wirklich ist. Sie kam zu dem nicht so über­ra­schenden Ergebnis, dass es für die.….

.…. Umwelt sinn­voller gewesen wäre, die beiden wären geflogen.

»Etwa fünf Mit­ar­beiter würden die Yacht zurück nach Europa segeln«, zitierte die Taz Andreas Kling, den Pres­se­sprecher von Thun­bergs Skipper Boris Herrmann. »Natürlich fliegen die da rüber, geht ja gar nicht anders«, sagte Kling. Herrmann werde für die Rück­reise eben­falls das Flugzeug nehmen: »Der Segeltörn löst also min­destens sechs kli­ma­schäd­liche Flug­reisen über den Atlantik aus«, so die Taz. Thunberg und ihr Vater hätten weniger Flug­reisen gebraucht.

Es handelt sich also bei dem ganzen Unter­nehmen um Sym­bol­po­litik. Darin sind auch die Poli­tiker und poli­tische Kreise geübt, wenn es um öko­lo­gische Maß­nahmen geht. Da werden gerne Dinge als Erfolg für die Umwelt ver­kauft und wenn man dann mal die Neben­kosten nach­rechnet, schaden sie der Umwelt mehr als sie nützen. Umwelt­ver­bände sind ebenso geübt darin, eine solche Sym­bol­po­litik von Poli­tikern wir­kungsvoll zu kri­ti­sieren.

Solche Kritik in den eigenen Reihen anzu­bringen, fällt aber manchen schwer, wie die Reaktion auf die Taz-Recherche zeigt. Manche Leser sehen sie als Angriff auf ihr Idol oder gleich auf die Jugend­um­welt­be­wegung ins­gesamt. Dabei hat Taz-Kolum­nistin Bettina Gaus ganz sachlich fest­ge­stellt:

Greta Thun­bergs Atlan­tik­über­querung mit einer Renn­jacht zum Kli­ma­gipfel von New York mag dem Ner­ven­kitzel dienen. Ansonsten ist sie unsinnig.

Bettina Gaus, Taz

Sollte der US-Transfer der Thun­bergs einen Vor­bild­cha­rakter haben, dann wäre es tat­sächlich besser gewesen, sie hätten von den tech­ni­schen Mög­lich­keiten Gebrauch gemacht und sich auf der Kon­ferenz per Monitor zuschalten lassen. Damit hätte sie bei ihren Fans, dem jungen bil­dungs­af­finen Mit­tel­stand, der sich in einigen Jahren in diversen NGOs und ähn­lichen Orga­ni­sa­tionen ver­dingen dürfte, signa­li­siert, dass man nicht bei jeder Kon­ferenz, in der es um Umwelt, Schrumpf­wirt­schaft und Nach­hal­tigkeit geht, per­sönlich anwesend sein muss.

Individuelle Freiheit unter dem Vorwand des Klimawandel radikal einschränken

Da könnte man ja den Ver­zichts­ideo­logen Niko Paech mal beim Wort nehmen, der die Umwelt­de­batte zur »Neu­jus­tierung der per­sön­lichen Frei­heits­rechte« nutzen will. Hinter diesem Begriff lauern Dik­ta­tur­ge­lüste, die begünstigt durch die bestän­digen Rufe nach einem Kli­ma­not­stand viel­leicht auf einen frucht­baren Boden fallen.

Nun ist diese grüne Sei­fen­blase geplatzt. Das bedeutet, die einzig wirksame poli­tische Steuerung kann nur noch darin bestehen, den von der Bevöl­ke­rungs­mehrheit zunehmend prak­ti­zierten öko­lo­gi­schen Van­da­lismus, sein Kosename lautet »indi­vi­duelle Freiheit«, radikal ein­zu­schränken. Dumm nur, dass dafür demo­kra­tische Mehr­heiten nötig wären.
Im Klartext: Die Mehrheit müsste ihren eigenen Lebensstil abwählen, sich quasi um 180 Grad wenden, nämlich plötzlich befür­worten, was seit dem Zweiten Welt­krieg jede gesell­schaft­liche Moder­ni­sierung aus­zu­merzen ver­sucht hat: Genüg­samkeit, Selbst­be­grenzung, Ent­sagung…

Niko Paech, Taz

Nach einigen Absätzen, in denen Paech ver­si­chert, dass er keine Öko­dik­tatur instal­lieren und auch keine Öko-Stasi eta­blieren will, folgt der kryp­tische Satz:

Wer also die Freiheit bewahren will, darf sie nicht im Übermaß bean­spruchen, sondern muss sie vor­sorglich und frei­willig begrenzen.

Niko Paech, Taz

Und wenn eine rele­vante Anzahl von Men­schen die Frei­heiten nicht vor­sorglich frei­willig begrenzt? Droht doch dann das Verbot mit Verweis auf den Kli­ma­not­stand?

Wenn dann noch der Diskurs über das Klima mit einer neuen Rezension zusam­men­fällt, könnte die Stunde der Not­stand­po­li­tiker schlagen. Darauf weist der Publizist Ambros Waibel in einem hell­sich­tigen Essay hin, der aller­dings nicht im Politik‑, sondern im Kul­turteil der Taz ver­öf­fent­licht wurde.

Auf zehn Jahre Wirt­schafts­wun­derland Deutschland folgt nun das Ende des Booms. Für kom­mende Ver­wer­fungen liegen die Instru­mente schon bereit. Die Krise ist da, die Wirt­schaft schrumpft im zweiten Quartal, die Rezession kratzt an der Tür – aber keine Bange: Deutschland ist bestens vor­be­reitet!

Recht­zeitig zur anste­henden Auf­stands­be­kämpfung haben die Bun­des­länder die Gesetze ver­schärft. Wenn dem­nächst die arbeits­losen Massen auf­mar­schieren, können Poli­zisten dank Prä­ven­tivhaft nicht erst bei schon geplün­derten Lebens­mit­tel­ge­schäften ein­schreiten, sondern bereits wenn der­artige gewaltsame Umver­tei­lungen sich auch nur abzeichnen.

Ambros Waibel, Taz

Man muss sich nur vor­stellen, wie dann eine durch die Rezession fort­schrei­tende Ver­armung und die tat­säch­lichen oder ima­gi­nierten Zwänge des Kli­ma­wandels der Motor einer neuen auto­ri­tären Gesell­schafts­for­mierung werden können, bei der Ver­zichts­ideo­logen wie Niko Paech nur einen kleinen, aber nicht unwich­tigen Part spielen könnten.

Grüne Weltrettung als profitables Geschäft

Dabei hat Paech mit seiner Kritik an »grünen Kli­ma­lügen« nicht Unrecht. Auch die Publi­zistin Kathrin Hartmann geht hart mit den »grünen Kli­ma­lügen« ins Gericht. Doch Hartmann pro­pa­giert nicht wie Paech den Ver­zicht, sondern beschäftigt sich mit den kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nissen, die auch den Umwelt­schutz zur pro­fi­tablen Marke machen, hinter der oft nicht einmal der Schutz der Umwelt steht – Sym­bol­po­litik wie der Segentörn der Thun­bergs eben.

Hartmann kri­ti­siert die Green­wa­shing-Methoden großer Kon­zerte, aber auch von Startup-Unter­nehmen. Noch mehr aber setzt sie sich kri­tisch mit der Vor­stellung aus­ein­ander, wir müssen nur den Kapi­ta­lismus grün anstreichen und alles wäre in Ordnung. In einem Interview mit der Monats­zeitung konkret geht Kathrin Hartmann genauer darauf ein:

Die Grundlage grüner Politik ist das Ver­sprechen, das System sei in Ordnung, man müsse nur an Stell­schrauben drehen und Aus­wüchse kor­ri­gieren

Kathrin Hartmann, konkret

Als Gegen­entwurf bezieht sich Hartmann auf außer­par­la­men­ta­rische soziale Bewe­gungen, die sich wie im Ham­bacher Forst aktiv gegen men­schen­feind­liche Tech­no­lo­gie­pro­jekte wenden. Viel­leicht setzt sie darauf auch zu große Hoff­nungen. Denn auch dort gibt es viele, die wenig Interesse haben, bei­spiels­weise mit Beschäf­tigten aus der Koh­le­branche ins Gespräch zu kommen, um von ihren Pro­blemen und Ängsten zu erfahren. Ambros Waibel ver­weist in seinem pes­si­mis­ti­schen Essay auch die Gegen­kräfte.

Gewerkschaftler solidarisieren sich mit Klimabewegung

Es gibt sie ja, die eman­zi­pa­to­ri­schen Ant­worten auf die kom­menden, von der nicht mehr zu ver­hin­dernden Kli­ma­krise ver­schärften Ver­tei­lungs­kämpfe, so Waibel und ver­linkt dazu auf ein Interview im Guardian. Dabei gäbe es auch in Deutschland einige kleinen Zeichen für eine eman­zi­pa­tiven Ausweg aus Kli­ma­krise und Rezension.

Hun­derte Gewerk­schaftler haben den Streik­aufruf der Jugend­um­welt­be­wegung zum 20. Sep­tember auf­ge­griffen. In einem Aufruf von Verdi wird der Appell der Fridays-for-Future-Bewegung an die Gewerk­schaften und Beschäf­tigten begrüßt:

1. Der men­schen­ge­machte Kli­ma­wandel geht uns alle an: Wenn die aktuelle Wirt­schafts­weise die Natur zer­stört und im schlimmsten Fall große Teile der Erde unbe­wohnbar macht, ist es unsere Pflicht, gegen die Umwelt­zer­störung zu kämpfen und einen öko­lo­gi­schen Umbau zu fordern.
2. Dieser öko­lo­gische Umbau darf nicht auf dem Rücken der Arbeiter*innen, der Jugend und der Rentner*innen voll­zogen werden. Die größten Kli­ma­killer sind große Industrie- und Han­dels­kon­zerne. Sie sollen die Hauptlast tragen. Öko­logie und soziale Gerech­tigkeit müssen Hand in Hand gehen und dürfen nicht gegen­ein­ander aus­ge­spielt werden.
3. Wir begrüßen den Aufruf von FFF an die Gewerk­schaften, weil wir der Meinung sind, dass die Arbeiter*innenbewegung ihre wich­tigste Waffe – den Streik – in die Waag­schale legen sollte, um die Umstruk­tu­rierung zu erzwingen.

Auszug aus dem Verdi-Aufruf

Es wird sich nun zeigen, ob daraus eine Koope­ration zwi­schen den aktiven Gewerk­schaftern und zumindest Teilen der Jugend­um­welt­be­wegung ent­steht. Bisher ori­en­tiert der Main­stream der Jugend­um­welt­be­wegung sich unkri­tisch an der Wis­sen­schaft und bejubelt Wirt­schafts­ver­treter, die in Umwelt­pro­jekte inves­tieren. Beim Som­mer­kon­gress von Fridays for Future Anfang August ging es eher um Selb­st­op­ti­mierung als um Sys­tem­kritik, wie der jour­na­lis­tische Beob­achter Sebastian Wei­ermann berichtete:

Die beiden Podien beim »Fridays for Future«-Kongress geben einen guten Ein­blick in die Jugend­be­wegung. Sie ist anders als die meisten sozialen Bewe­gungen in der Geschichte. Den Kli­ma­wandel auf­halten, das ist ein rie­siges und schwie­riges Ziel. Um das zu erreichen, setzen die jungen Akti­visten auf Selb­st­op­ti­mierung, Appelle an die Politik und die Kraft der Wis­sen­schaft. Wenn wichtige Per­sonen wie der »Wirt­schafts­weise« Christoph Schmidt ihnen zuhören, dann sind viele Aktive schon froh. Wenn kli­ma­freund­liche Reformen statt­finden, haben sie ihr Ziel erreicht. Die Politik könnte es mit »Fridays for Future« leicht haben. Ein Sys­tem­wechsel ist nicht das Ziel der Schüler.

Sebastian Wei­ermann, Neues Deutschland

Nun ist auch nicht ver­wun­derlich, dass eine im Kern mit­tel­stän­dische Bewegung keinen Sys­tem­wechsel anstrebt. Eine län­der­über­grei­fende Initiative von Gewerk­schaftern könnte da neue Akzente setzen. Schon vor mehr als 100 Jahren hieß es auf Pla­katen der Woo­blies, einer Basis­ge­werk­schaft in den USA, dass nur die Arbei­ter­klasse die Umwelt­ver­schmutzung stoppen könne.

Damals waren auf den Pla­katen rau­chende Schorn­steine als Symbol der Umwelt­ver­schmutzung zu sehen. Die Ori­en­tierung an den Eliten und dem angeblich grünen Kapital ist nicht nur illu­sionär, wie es Kathrin Hartmann beschreibt.

Mitarbeiter werden in der Biobranche wie Legehennen behandelt

Da braucht man sich nur den Umgang der Bio­branche mit ihren Mit­ar­beitern anschauen. Da wird sogar in der Wochen­zeitung Freitag der Ver­gleich zu Lege­hennen gezogen. Aber man könnte noch wei­ter­gehen, das Tierwohl kommt da manchmal vor den Arbei­ter­rechten.

In dem Freitag-Artikel wird am Bei­spiel von Bio­läden unter­schied­licher Eigen­tümer quer durch die Republik berichtet, dass diese die Gründung von Betriebs­räten mit allen Mitteln ver­hindern. Wenn die sanfte Tour nicht klappt, werden schon mal Anwälte ein­ge­schaltet, die auf Union Busting spe­zia­li­siert sind.

Auch der Konzern Lush, Her­steller von Bio­kos­metik, hält offenbar laut Infor­ma­tionender Taz nicht viel von den Rechten der Mit­ar­beiter. Wer auf seinen Rechten bestehe, der oder dem könne pas­sieren, dass sie oder er raus­ge­mobbt wird. Zu erwarten, dass aus diesen Kreisen, Wider­stand gegen eine auto­ritäre Gesell­schafts­for­mierung kommt, ist mehr als naiv.

Ambros Waibel hat dagegen in dem erwähnten Essay rea­lis­ti­schere Ein­schät­zungen geliefert.

Der US-Autor Douglas Rushkoff hat im ver­gan­genen Jahr eben­diese Ver­blüffung nach einem Besuch bei Super­reichen geschildert. 

Die sind nicht mehr an Lösungen für die ganze Menschheit inter­es­siert, sondern sie fragen den Zukunfts­for­scher aus­schließlich nach den besten Methoden, ihre Fes­tungen sturm­sicher zu machen, in die sie sich bei Ein­treten der Apo­ka­lypse zurück­zu­ziehen gedenken. Auch der bri­tische Autor und Jour­nalist Paul Mason warnt aktuell vor der »klas­si­schen Allianz der Élite mit dem Mob«. Das Problem sei, sagt Mason, dass diese Allianz »nur eine Art des Zugriffs auf die Geschichte kennt, und die heißt Destruktion«.

Ambros Waibel, Taz

Eine solche rea­lis­tische Analyse ist not­wendig, um nicht in den oft blinden Opti­mismus über die Jugend­um­welt­be­wegung zu ver­fallen. Nachdem sie nun mehrere Monate besteht, ist es an der Zeit zu fragen, ob sie Teil eines neuen, auch mit öko­lo­gi­schen Phrasen unter­legten auto­ri­tären Gesell­schafts­modell wird oder ob sich für einen eman­zi­pa­tiven Ausweg mit Teilen der Gewerk­schaften und der linken Basis­ge­werk­schaften in aller Welt öffnet.

In der Per­spek­tiv­findung könnte die Debatte um den Thunberg-Trip in die USA eine wichtige Rolle spielen: als Erfahrung, dass Selb­st­op­ti­mierung und das angeb­liche Her­aus­stellen des eigenen Lebens­stils in einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft gar nicht möglich ist und dass an einer Suche nach Alter­na­tiven kein Weg vorbei führt.

Peter Nowak