Direktor des Jüdischen Museums Berlin muss nach Literaturempfehlung zurücktreten

Ist das Lesen kritischer Texte ansteckend?

der Kunst befasst man sich gerade auch mit mino­ri­tären Gruppen. Das war schon immer der beste Teil der Kultur und der Horror aller Ver­ein­facher, die die Kunst für die Sache ihres Staates, ihrer Nation oder für das, was sie für Sozia­lismus hielten, ein­spannen wollten.

Der Direktor des Jüdi­schen Museum Berlin Peter Schäfer ist vor wenigen Tagen zurück­ge­treten [1], um wei­teren Schaden vom Jüdi­schen Museum abzu­wenden, wie es in einer kurzen Erklärung [2] heißt.Der Schritt ist besorg­nis­er­regend, weil im Fall von Peter Schäfer eine rechte Kam­pagne erfolg­reich war. Er stand seit Jahren im Fokus ultra­rechter Kritik, weil er auf der.…

.…künst­le­ri­schen Auto­nomie des Jüdi­schen Museum bestand und sich nicht darauf ein­lassen wollte, sie auf das Nar­rativ der israe­li­schen Regierung zu beschränken.

Besonders heftig wurde die Aus­ein­an­der­setzung, als in einer viel beach­teten Aus­stellung »Welcome to Jeru­salem [3], die bis April 2019 im Jüdi­schen Museum zu sehen war, eben nicht die Dar­stellung der rechten Kräfte dominant war. Es wurden ebenso paläs­ti­nen­sische Sicht­weisen dar­ge­stellt. Doch wenn dann ver­kürzt behauptet wurde, die Aus­stellung wäre pro­pa­läs­ti­nen­sisch, ist das wie­derum eine starke Ver­kürzung. Es gibt nicht die paläs­ti­nen­sische und nicht die pro-israe­lische Sicht­weise. Es gibt aber unter­schied­liche israe­lische und paläs­ti­nen­sische Sicht­weisen, die in der Aus­stellung auch dar­ge­stellt wurden. Ein Horror für die Rechten aller Couleur, die Geschichte und Gesell­schaft auf ihre Dar­stellung ein­engen und keine andere gelten lassen wollen. Auch manche, die sich links ver­stehen, gehören dazu, was die sta­li­nis­tische Kul­tur­po­litik zeigte.

Ein Museum ist kein Parlament

Auf die Aus­stellung »Welcome to Jeru­salem« bezogen erregten sich manche Rechte, dass dort tat­sächlich auch orthodoxe Gruppen gezeigt wurden, die aus reli­giösen Gründen gegen die Staat­lichkeit Israels agieren. Damit würde kleinen unbe­deu­tenden Gruppen eine Stellung ein­ge­räumt, die sie in der israe­li­schen Gesell­schaft nicht ver­dienen, lautet das zutiefst kul­tur­feind­liche Argument.

Ein Museum ist aber kein Par­lament, in dem die unter­schied­lichen Gruppen nach ihren Stimm­an­teilen ver­treten sind oder auch nicht. In der Kunst befasst man sich gerade auch mit mino­ri­tären Gruppen. Das war schon immer der beste Teil der Kultur und der Horror aller Ver­ein­facher, die die Kunst für die Sache ihres Staates, ihrer Nation oder für das, was sie für Sozia­lismus hielten, ein­spannen wollten.

Der unmit­telbare Grund für den Rück­tritt von Schäfer zeigt diese Geist­feind­lichkeit seiner Kri­tiker. Er hatte via Twitter einen Taz-Artikel [4] zur Lektüre emp­fohlen [5], in dem der Nahost-Kor­re­spondent der links­li­be­ralen Zeitung über den Protest jüdi­scher Intel­lek­tu­eller gegen den Beschluss des deut­schen Bun­destags zur Israel-Boykott-Kam­pagne [6] berichtet. Die Stel­lung­nahme der jüdi­schen Intel­lek­tu­ellen [7] war keine Soli­da­ri­täts­er­klärung mit der Boykott-Kam­pagne, viele lehnen sie auch ab. Sie wandten sich aber dagegen, dass sie mit staat­lichen Maß­nahmen bekämpft wird.

Die Kri­tiker bestritten in ihrer Erklärung auch, dass die BdS-Kam­pagne pau­schal als anti­se­mi­tisch klas­si­fi­ziert werden kann. Darüber wird man tat­sächlich im Ein­zelfall streiten müssen, wie sich am Bei­spiel der bri­ti­schen Künst­lerin Kate Tempest [8] zeigte. Weil sie einen ein­seitig pro­pa­läs­ti­nen­si­schen Aufruf unter­zeichnete, wurde sie gleich als in die Nähe des Anti­se­mi­tismus gerückt.

Dagegen gab es kürzlich eine kluge Ein­schätzung [9] der Moti­vation von Tempest, der ihr Enga­gement durchaus kri­tisch sieht:

Die glü­hende Israel­has­serin, zu der Tempest infolge eines abge­sagten Kon­zerts in Berlin 2017 gemacht wurde, ist sie nicht. Wenn man sie auf das Thema anspricht, reagiert sie betroffen und nach­denklich. Sie wie­derholt auch nicht Parolen von dubiosen Lobby-Orga­ni­sa­tionen. Dennoch liegt das klügere Mittel, eine poli­tische Aussage zu treffen, doch nicht darin, eine ein­seitige Kam­pagne zu unter­stützen, von der man weder weiß, wohin sie sich ent­wi­ckelt, noch, wer außer einem selbst diese unter­zeichnet. Es geht aber viel eher darum, seine Meinung in eigenen Worten kund­zutun, worin Kate Tempest seit Jahren mit ihrer musi­ka­li­schen Kunst bril­liert.

Diviam Hoffmann, Taz

Auch der Schweizer Kari­ka­turist Patrick Chappata [10] wendet sich in einem Taz-Interview [11] mit scharfen Worten gegen die Ent­scheidung der New York-Times [12], keine Kari­ka­turen mehr zu ver­öf­fent­lichen, nachdem dort eine von vielen als anti­se­mi­tisch betrachtete Zeichnung ver­öf­fent­licht worden war. Auch Chappata kri­ti­siert diese Kari­katur:

Zunächst finde ich per­sönlich, dass es kein besonders guter Cartoon ist, es schmerzt mich, das über einen Kol­legen zu sagen, aber ich schau mir die Zeichnung ungern an. Die New York Times hätte sie nicht zeigen sollen. Es gibt da vieles, was nicht funk­tio­niert, was pro­ble­ma­tisch ist und was dazu führt, dass viele Men­schen die Zeichnung als anti­se­mi­tisch wahr­nehmen. Etwa, dass der Hund einen David­stern trägt – anstatt der israe­li­schen Flagge. Generell ist die Dar­stellung von Men­schen als Tiere etwas, mit dem ich meine Pro­bleme habe. Dieses Ani­ma­li­sieren des anderen, das kann in eine Richtung gehen, die man viel­leicht nicht inten­diert hat. Dazu kommt die Kippa auf dem Kopf von Trump – das ver­stehe ich einfach nicht. Würde ich mit António sprechen, der ein geschätzter Kollege ist, dann würde ich ihn fragen: »Warum ist da eine Kippa? Was willst du damit sagen?« 

Ich habe die Zeichnung auch einem Freund im Libanon gezeigt, einem Intel­lek­tu­ellen, der selbst schon unter israe­li­schen Bomben gelitten hat. Und der sagte sofort: »Das da ist pro­ble­ma­tisch. Ein Hund mit David­stern, das kann nicht richtig sein!« Aber ist die Zeichnung damit anti­se­mi­tisch? Ich denke nicht, dass die Absicht anti­se­mi­tisch war. Dass dann sofort Ver­gleiche mit dem »Stürmer« gezogen werden, finde ich uner­träglich, das sollten wir unter­lassen.

Patrick Chappata

Man kann also einen Text, die Unter­schrift unter einem Aufruf oder eine Kari­katur völlig daneben finden, man kann die Nähe zu anti­se­mi­ti­schen Dar­stel­lungen offen­legen, ohne gleich dem Drang nach Wisch und Weg zu unter­liegen. Chappata macht deutlich, man kann sich auch mit strit­tigen Posi­tionen aus­ein­an­der­setzen, statt gleich nach dem Verbot und dem staat­lichen Ein­griff zu rufen.

Das macht die Kam­pagne gegen Schäfer noch mal deutlich. Wenn schon die kom­men­tarlose Emp­fehlung eines Zei­tungs­ar­tikels, der sich mit israe­li­schen Kri­tikern des BdS-Beschlusses des deut­schen Bun­des­tages beschäftigt, zu einer solchen Kam­pagne führt, muss man sich fragen, ob wohl bald kri­tische Texte wieder in den Gift­schrank sollen, nur für Ein­ge­weihte zugänglich?

Was darf man empfehlen?

So hat es der Klerus lange Zeit prak­ti­ziert und die ver­schie­denen Ideo­logien und Staaten, die wie Kirchen auf­treten, wollen da immer noch anknüpfen. Besonders rechte Regie­rungen weltweit haben Pro­bleme mit dem freien Wort und mit kri­ti­scher Kultur. Da ist die israe­lische Regierung in guter Gesell­schaft. Doch auf­fällig ist, dass es bisher wenig Unter­stützung für die Auto­nomie der Kunst auch im Jüdi­schen Museum gibt.

Man stelle sich vor, die pol­nische Regierung hätte die Ver­ant­wort­lichen für das pol­nische Kul­tur­in­stitut unter Druck gesetzt, weil es die Texte der pol­ni­schen Kor­re­spon­dentin zahl­reicher deutsch­spra­chiger Medien Gabriele Lesser [13] emp­fohlen hat? Die pro­funde Kri­ti­kerin der rechts­kon­ser­va­tiven Regierung in War­schau hat sich dort sicherlich viele Gegner geschaffen. Doch die pol­nische Regierung wäre sicherlich sofort mas­siver Kritik aus­ge­setzt und es würde die Frage nach der Freiheit der Kunst gestellt. Diese Frage wird berechtigt dis­ku­tiert, wenn die Orban-Regierung Druck auf kri­tische Kunst in Ungarn ausübt und das Bol­sonaro-Régime in Bra­silien ähnlich vorgeht.

Alle diese Regie­rungs­chefs sind übrigens enge Freunde der Net­anyahu-Regierung und es ist daher nicht ver­wun­derlich, dass sie und ihre Unter­stützer nicht anders reagieren. Auch die israe­li­schen Künstler und Oppo­si­tio­nellen haben unsere Soli­da­rität ver­dient. Sie sind übrigens in der Mehrheit keine Israel-Hasser, wie von natio­na­lis­ti­scher Seite gerne die Kri­tiker der Regie­rungs­po­litik bezeichnet werden. Die meisten Kri­tiker haben auch mit der BdS-Kam­pagne nichts am Hut und sind auch mit­nichten anti­zio­nis­tisch. Sie beziehen sich vielmehr auf einen Zio­nismus, der andere Les­arten der Geschichte zulässt, und sie wenden sich dagegen, dass ein Muse­ums­di­rektor schon ange­feindet wird, weil er einen kri­ti­schen Artikel zum Lesen emp­fiehlt. Peter Nowak