Sind Medien und T‑Shirtträger Mittäter?

Nach dem faschis­ti­schen Anschlag in Neu­seeland werden schwere Vor­würfe erhoben. Mehr Gelas­senheit wäre ange­bracht

Schwerere Vor­würfe erhob Stefan Fries im Deutsch­landfunk gegen Medien wie Bild. Sie würden sich zum »Mit­täter« machen des faschis­ti­schen Atten­täters von Christ­church in Neu­seeland machen, der 50 Men­schen in Moscheen erschossen hat. Die Kritik von Fries richtete sich gegen…

…eine Bericht­erstattung, in der auch Videos ver­breitet wurden, die vom Täter stammen.

Ja, Mit­täter. Die Medien, die sich auf die Logik des Atten­täters von Christ­church ein­ge­lassen haben, waren Kom­plizen bei seiner Tat. Denn sie haben das voll­endet, was er begonnen hat. Der Täter hat die mediale Ver­breitung seiner Tat ein­kal­ku­liert. Wer ihm hilft, macht sich mit­schuldig – an diesem Ver­brechen, aber auch an denen von Nachahmern.Stefan Fries, Deutsch­landfunk

Besonders in der Kritik steht Bild-Chef­re­dakteur Julian Rei­chelt, der begründete, warum die Zeitung auch Video­ma­terial des Täters zeigt:

Nun zeigen wir auch Bilder und Sequenzen aus dem Video, das der rechts­ex­treme Ter­rorist von Christ­church während seiner absto­ßenden Tat anfer­tigte. Wir zeigen diese Bilder ganz bewusst. Wir glauben, dass wir diese Bilder zeigen müssen. 

WARUM

Die Opfer sind Muslime, die im Haus ihres Gottes nie­der­ge­metzelt wurden. Ihnen und ihren Ange­hö­rigen gelten unsere Gedanken und unser Mit­gefühl – genauso wie allen anderen Opfern von Ter­ro­rismus. 

Aber Trauer allein reicht im Jour­na­lismus nicht. Trauer ist keine jour­na­lis­tische Dis­ziplin. Jour­na­lismus muss zeigen, was geschehen ist. Jour­na­lismus ist dazu da, Bilder der Pro­pa­ganda und Selbst­dar­stellung zu ent­reißen und sie ein­zu­ordnen. Erst die Bilder ver­deut­lichen uns die erschüt­ternde mensch­liche Dimension dieser Schreckenstat.Julian Rei­chelt, Bild

Nun darf man Bild, wie jedem anderen auf Klicks und Käufer ange­wie­senem Medium, unter­stellen, dass die Bou­levard-Zeitung mit den Videos eben die »Klick­zahlen« erhöhen wollten. Wenn schon die Videos im Internet ver­breitet werden, will wenigstens Bild auch davon pro­fi­tieren.

Trotzdem hat Rei­chelt Recht, wenn er schreibt, dass Jour­na­lismus eben mehr ist als das Zele­brieren von Trauer und Betrof­fenheit. Ja, Jour­na­lismus soll Ereig­nisse ein­ordnen.

Journalismus muss aufzeigen, wo Trauer zu Heuchelei wird

Und Jour­na­lismus soll auch auf die falsche Trauer, der­je­nigen hin­weisen, die natürlich einen faschis­ti­schen Mörder von Oslo oder Neu­seeland ver­ab­scheuen, aber nicht gerne daran erinnert werden, dass sie viele seiner ideo­lo­gi­schen Ver­satz­stücke längst als Teil ihrer Politik über­nommen haben.

Dazu muss das faschis­tische Manifest des Täters bekannt sein. Nur dann kann erst gezeigt werden, wo es Über­ein­stim­mungen mit der Politik der­je­nigen gibt, die sich natürlich empört von den Mord­taten distan­zieren. Wenn aber mög­lichst wenig von diesem Text bekannt wird, können sich Kon­ser­vative aller Couleur als die­je­nigen aus­geben, die ja so traurig über die Opfer sind.

Der Täter wird zum Killer und Kri­mi­nellen und nicht zum rechten Pro­pa­gan­disten, der eben mit vielen seiner Vor­stel­lungen nicht allein­steht.

Den Namen des Täters nicht nennen

Die neu­see­län­dische Minis­ter­prä­si­dentin hat in ihrer Gedenkrede für die Opfer im Par­lament dazu auf­ge­rufen, den Namen des Täters nicht zu nennen, um ihm nicht den Triumph der welt­weiten Bekanntheit zu gönnen. Statt die Namen des Mörders sollten die Namen der Opfer welt­be­kannt werden. Diesem Anliegen kann man nur zustimmen.

Nur sollte man sich nicht der Illusion hin­geben, dass im Inter­net­zeit­alter nicht trotzdem von bestimmten Kreisen ein Kult um den Mörder gemacht wird, der ja namentlich bekannt ist. Die Nicht­nennung wird dann von seinen Fans sogar noch genutzt, um den Kult zu erhöhen.

Doch für die Aus­ein­an­der­setzung mit den Ver­brechen ist sein Bild und sein Name anders als sein Manifest ent­behrlich. Maß­stäbe hat da der Film Utoya, 22. Juli gesetzt, der den faschis­ti­schen Mas­senmord am 22.Juli 2011 auf der gleich­na­migen Insel und in Oslo doku­men­tiert. Der Film dauert solange, wie der Faschist sein mör­de­ri­sches Werk ver­richtete. Er wird namentlich nie genannt und ist im Film nur als Schatten zu sehen.

Auch der Schrift­steller Peter Weiss hat in seinem anti­fa­schis­ti­schen Kom­pendium Ästhetik des Wider­stands auf über 900 Seiten den Namen Adolf Hitlers kein ein­ziges Mal erwähnt.

Für ihn war das auch ein Beitrag zu einer anti­fa­schis­ti­schen Lite­ratur und ein Antidot zu einer Bericht­erstattung, die bis in die 1960er Jahre noch ständig um Hitler, dessen Jugend, Hunde und sein Ende kreist. Gleich­zeitig wollte Weiss damit auch deutlich machen, dass Hitler nur zum Ober­haupt eines deut­schen Rackets werden konnte, weil er dazu gemacht wurde, von kapi­ta­lis­ti­schen Struk­turen und von dem Teil der deut­schen Bevöl­kerung, die ihn wählten, ihm zuju­belten und auch die Ver­brechen ver­übten.

In diesem Sinne sollten auch die heu­tigen Faschisten mög­lichst wenig namentlich genannt werden. Man sollte sie nicht immer auf Fotos bannen. Aber ihre ideo­lo­gi­schen Ver­laut­ba­rungen sollten umso mehr beachtet werden. Im Sinne von Weiss sollten wir immer wieder die gesell­schaft­lichen Bedin­gungen benennen, die die Mord­taten von Utoya und Christ­church und wo auch immer möglich machen.

Dabei sollten wir nicht in eine Sprache der Ver­däch­ti­gungen ver­fallen, die Medien, welche aus sicher frag­lichen Gründen Täter­videos zeigen, wie Fries im Deutsch­landfunk zu Mit­tätern macht. Ein wenig mehr Gelas­senheit wäre ange­bracht, auch wenn es um T‑Shirt-Motive geht. Ein Rap-Fan mit einem Symbol des IS am Pullover muss kein Mit­glied oder Sym­pa­thisant des islam­fa­schis­ti­schen Vereins sein.

In den 1970er Jahren wusste jeder, dass junge Leute, die T‑Shirts mit dem RAF-Symbol trugen, keine RAF-Mit­glieder waren. Da möchte man doch raten, atmet doch mal. Faschis­ti­scher und isla­mis­ti­scher Terror wird sicher nicht durch T‑Shirt-Motive, sondern durch gesell­schaft­liche Ver­hält­nisse befördert. Über die sollte man sich echauf­fieren. (Peter Nowak)