Viel heiße Luft um die US-Klimapolitik


Mora­lische Sicht­weisen domi­nieren in Berichten über Trumps Kli­ma­pläne. Aber es geht nicht um Moral oder ein umwelt­be­wusstes Lebens­gefühl, sondern um Inter­essen

Über­ra­schend kam der neueste Vorstoß der Trump-Admi­nis­tration nicht. Er hat Teile von Obamas Umwelt­po­litik ent­schärft. Erklärtes Ziel von Trump ist es, die Koh­le­branche von Regle­men­tie­rungen durch die Umwelt­be­hörden weit­gehend frei­zu­halten. Damit setzt er ein Wahl­ver­sprechen um. Schließlich ist er auch von Men­schen in diesem Sektor gewählt worden, die ent­weder schon arbeitslos sind oder fürchten, ihre Beschäf­tigung zu ver­lieren.

Trump hatte ver­sprochen, die Deindus­tria­li­sierung der USA zu stoppen. Die Revi­ta­li­sierung der Koh­le­industrie gehört dazu. Mit dieser Maß­nahme dürfte Trump bei einem Teil der for­dis­ti­schen Arbeiter und ihrer Gewerk­schaften auf Zustimmung stoßen.

Wie die for­dis­ti­schen Arbeiter abge­wertet werden

Dass Trump den Erlass medi­en­wirksam vor applau­die­renden Berg­ar­beitern unter­zeichnet hat und in die Kamera hielt, ist Teil seiner Medi­en­kam­pagne, sich als Protegé der hart arbei­tenden männ­lichen for­dis­ti­schen Arbeiter zu insze­nieren. Dem wird in der medialen Öffent­lichkeit das Silicon Valley als Zentrum der modernen post­for­dis­ti­schen Arbeit gegen­über­ge­stellt. Dass es auch ein Hort der Ausbeutung[1] wie in Zeiten des Früh­ka­pi­ta­lismus ist, wird nicht so oft erwähnt.

Hier stehen sich zwei Akku­mu­la­ti­ons­mo­delle des Kapi­ta­lismus gegenüber, die mit einer völlig kon­trären Kultur und auch dif­fe­renten Sub­jek­ti­vität der Beschäf­tigten gelabelt werden. Der post­for­dis­tische Arbeiter wird mit umwelt­freund­lichem Ver­halten, bewusster und gesunder Ernährung sowie mit Begriffen wie Offenheit, Toleranz, Diver­sität asso­ziiert. Den for­dis­ti­schen Arbeitern werden die kon­trären Adjektive zuge­schrieben: ignorant gegen Umwelt und Gesundheit, stand­ort­na­tio­na­lis­tisch und ras­sis­tisch.

Dass diese Zuschrei­bungen keine objek­tiven Kri­terien, sondern Wer­tungen von Medi­en­ver­tretern sind, die schon durch ihre Lebens- und Arbeits­rea­lität mehr mit Silicon Valley als mit einem Koh­le­bergwerk ver­bunden sind, wird natürlich nicht erwähnt. Nun kommt aber noch eine weitere Kom­po­nente dazu. Die alten for­dis­ti­schen Indus­trien sollen jetzt sogar mit dafür ver­ant­wortlich sein, dass die Menschheit ins­gesamt gefährdet ist.

Die eigenen Profite und das Klima retten

Diese mora­lische Sicht­weise kann man in vielen Berichten über Trumps Kli­ma­pläne wie­der­finden. Diesen Plänen wird unter­stellt, dass sie zur Kli­ma­ka­ta­strophe bei­tragen, während die von Obama ver­ant­wor­teten Maß­nahmen Teil der Kli­ma­rettung seien. Solche in der Umwelt­be­wegung ver­brei­teten Met­hapern tragen schon seit Jahr­zehnten dazu bei, dass die Linke von Moral statt von Inter­essen redet.

Dass heute dort, wo besonders laut von Klima- und Errettung die Rede ist, die Lobby eines bestimmten kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­mo­dells gegen ein anderes in Stellung gebracht wird, wird oft gar nicht wahr­ge­nommen. Wo es um nichts weniger als die Klima- oder Erdrettung geht, haben Inter­essen wohl zu schweigen.

Wer heute mit dem Umwelt­label auf­tritt und die Welt retten will, wird oft gar nicht mehr als Lob­by­or­ga­ni­sation wahr­ge­nommen. Deshalb wird auch über die Sinn­haf­tigkeit und die Folgen bestimmter als öko­lo­gisch eti­ket­tierter Maß­nahmen nicht mehr geredet. Wenn Men­schen gegen Wind­räder und die Folgen auf die Straße gehen[2], haben sie heute mit so wenig Ver­ständnis zu rechnen wie vor drei Jahr­zehnten die AKW-Gegner.

Damals war das for­dis­tische Akku­mu­la­ti­ons­modell ange­kratzt, aber noch in großen Teilen der Bevöl­kerung hege­monial. Heute haben es Nach­richten schwer, die das neue Akku­mu­la­ti­ons­modell genau so kri­tisch unter die Lupe nehmen. Dass die EU als angeb­lichen Beitrag zum Kli­ma­schutz auf Holz setzt und dabei die Wälder im glo­balen Süden zerstört[3] ist eine wenig erwähnte Tat­sache.

Nur bei der ener­ge­ti­schen Sanierung in Deutschland zieht das Öko­label nicht mehr. Die ist all­gemein als ein Geschäfts­modell bekannt, mit dem Mie­ter­rechte ausgehebelt[4] und massive Miet­erhö­hungen gerecht­fertigt werden[5]. Wenn irgend­jemand das Klima retten will, ist also zunächst einmal nach dem Pro­fiten zu fragen, die bestimmte Branchen damit retten wollen.


Die moderne Pil­ger­fahrt oder die Logik des Ver­zichts

Die Kehr­seite ist die Logik des Ver­zichts und des Ent­sagens, die vor allem für die Sub­al­ternen mit dem Welt- und Kli­ma­ret­tungs­diskurs geschaffen wird. Da lädt die Links­jugend Solid unter dem Motto Global denken und lokal handeln[6] mit Raphael Fellmer[7] einen Guru der Ver­zichts­logik ein, der vor über 100 vor allem jungen Men­schen begeistert berichtet, wie er fünf Jahre ohne Geld durch die Welt gezogen ist[8].

Dass er nach der modernen Pil­ger­reise Geld doch nicht mehr ganz so sehr ver­ab­scheut und in die Startup-Branche gegangen ist, führte zumindest im Publikum nicht zu grö­ßeren Nach­fragen. Wenn Fellmer dann bis ins Detail erklärte, wie man ohne Geld lebt und als Bei­spiel anführte, man könne statt Toi­let­ten­papier die Papier­ser­vi­etten, die täglich in vielen Restau­rants unbe­nutzt ent­sorgt werden, als Ersatz benutzen, hätte doch eigentlich auf der Ver­an­staltung eines Ver­bands, der sich Links­jugend nennt, mal die Frage kommen müssen, was die totalsank­tio­nierten Hartz IV-Emp­fänger, die zwangs­weise ohne Geld leben müssen, zu solchen Vor­schlägen sagen.

Das Publikum hätten sich auch fragen können, ob nicht die Ver­zichts­ideo­logie eines Teils des Bür­gertums, das tem­porär frei­willig auf einen Teil des ihnen zur Ver­fügung ste­henden Geldes ver­zichtet, den Druck auf die­je­nigen erhöht, die nicht die Wahl haben und die schon heute zwangs­weise zu einem Leben mit wenig Geld gezwungen sind. Theorie war aber in Fellmers Aus­füh­rungen nicht mal in Spu­ren­ele­menten vor­handen.

Als jemand mehr zum Thema Staats­schulden wissen wollte, fragte Fellmer ins Publikum, ob jemand eine Zahl parat habe. Sonst müsste er selber ins Internet gehen. Dabei war es doch ein Erfolg, dass vor 170 Jahren andere ver­mö­gende Bür­ger­liche ihr Geld dafür ver­wandten, um wenn schon nicht die Welt besser zu machen, diese zumindest besser zu erkennen. In den auch mit Unter­stützung des Fabri­kan­ten­sohns Friedrich Engels ermög­lichten Schriften von Karl Marx, gibt es wichtige Hin­weise auf die Rolle des Geldes im Kapi­ta­lismus.

Lebens­reform statt Gesell­schafts­ver­än­derung

Sie zeigen auf, dass eine reine Ablehnung des Geldes, ohne den Kapi­ta­lismus auch nur zu erwähnen, Men­schen viel­leicht ein gutes Gewissen ver­schafft, aber gesell­schaftlich rein gar nichts bringt. Denn auch die Güter, die nach Fellmer eben ohne Geld besorgt werden sollen, müssen pro­du­ziert werden und das ist im Kapi­ta­lismus ohne Aus­beutung der mensch­lichen Arbeits­kraft nicht möglich.

Dass auf einer Solid-Ver­an­staltung diese moderne Pil­ger­reise beworben wird, zeigt auch den Zustand einer Linken, bei der es eher um Lebens­reform als um Gesell­schafts­ver­än­derung geht. Dazu braucht es aber keine Linke, da kann man auch ein Gerät namens Amphiro[9] kaufen, das einen beim Warm­du­schen durch ein Bild mit einem Eis­bären auf einer schrump­fenden Scholle immer an den öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck erinnert[10].

Damit ist nicht das Klima sondern der eigene Gefühls­haushalt wieder in Ordnung gebracht. »Ich habe etwas für das ich kämpfen kann, meinen per­sön­lichen Eisbär«, beendet die Deutsch­landfunk-Jour­na­listin ihren Beitrag.

So sichert man die Profite eines neuen kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­mo­dells, während es gleich­zeitig die ideo­lo­gi­schen Vor­ar­beiten für neue Ver­zichts­ideo­logien liefert. Dabei wäre beim gegen­wär­tigen Stand der Pro­duk­tiv­kräfte ein schönes Leben für Alle, das nicht gleich­zu­setzen ist mit Prunk und immer schnel­leren Autos, aber auch nicht damit, um Ser­vi­etten zu betteln, möglich.

Dazu müsste man sich aber viel­leicht die Mühe machen, auch mal Bücher zur Hand zu nehmen, die nicht gleich das indi­vi­duelle Lebens­glück und die per­fekte Balance im Gefühls­haushalt ver­sprechen.


Kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik müsste in der Kritik stehen

Dagegen haben es Ansätze schwer, die sich wirklich anstrengen, die Klima- und Umwelt­the­matik durch die Brille von Marx zu betrachten. »Kapi­ta­lis­tische Natur­ver­hält­nisse. Ursachen von Natur­zer­stö­rungen – Begrün­dungen einer Post­wachs­tums­öko­nomie«, heißt das Buch[11] des Sozi­al­wis­sen­schaftlers Atha­nasios Karathanassis[12], der über­zeugend darlegt[13], dass die kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik und nicht die indi­vi­duelle Lebens­führung im Fokus der Kritik stehen müsste, wenn es um Natur- und Kli­ma­ver­hält­nisse geht.

Dass davon die Lob­by­isten des modernen Akku­mu­la­ti­ons­re­gimes nichts wissen wollen, ist ver­ständlich. Es ver­stößt gegen ihre Inter­essen. Dass aber die vielen Men­schen, die ihren per­sön­lichen Eis­bären retten und sich auf moderne Pil­ger­fahrten begeben wollen, auch nicht solche Fragen an sich her­an­lassen, liegt an ihrem Gefühls­haushalt.

Der könnte schließlich durch­ein­ander geraten, wenn man erfährt, dass all die vielen Ret­tungs­pro­gramme zur Kli­ma­rettung vor allem heiße Luft sind und dass der Unter­schied zwi­schen Trump und Obama in zwei unter­schied­lichen Akku­mu­la­ti­ons­mo­dellen des Kapi­ta­lismus besteht.

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Peter Nowak
Links in diesem Artikel:
[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ausbeutung‑2–0‑die-coole-schinderei-der-zukunft-13027996.html
[2] http://​www​.saar​bru​ecker​-zeitung​.de/​s​a​a​r​l​a​n​d​/​s​a​a​r​b​r​u​e​c​k​e​n​/​p​u​e​t​t​l​i​n​g​e​n​/​p​u​e​t​t​l​i​n​g​e​n​/​P​u​e​t​t​l​i​n​g​e​n​-​W​i​n​d​e​n​e​r​g​i​e​-​W​i​n​d​p​a​r​k​s​-​W​i​n​d​r​a​e​d​e​r​;​a​r​t​4​4​6​7​7​4​,​6​4​14178
[3] http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​1​2​/​5​5​9​5​5​.html
[4] http://​www​.gle​ditsch​strasse​.de/​m​i​e​t​e​r​-​d​e​m​o​-​b​u​n​d​e​stag/
[5] https://​pan​kower​mie​ter​protest​.jimdo​.com/
[6] http://​so36​.de/​e​v​e​n​t​s​/​g​l​o​b​a​l​-​d​e​n​k​e​n​-​u​n​d​-​l​o​k​a​l​-​h​a​n​deln/
[7] http://​www​.rapha​el​fellmer​.de/
[8] http://​www​.rapha​el​fellmer​.de/​2​0​1​6​/​0​2​/​2​5​/​w​a​r​u​m​-​i​c​h​-​f​u​e​n​f​-​j​a​h​r​e​-​o​h​n​e​-​g​e​l​d​-​l​ebte/
[9] https://​www​.amphiro​.com
[10] http://www.ardmediathek.de/radio/Umwelt-und-Verbraucher-Deutschlandfunk/Energiesparen-bei-der‑K%C3%B6rperpflege-Tech/Deutschlandfunk/Audio-Podcast?bcastId=21627714&documentId=41885470
[11] http://​www​.vsa​-verlag​.de/​n​c​/​d​e​t​a​i​l​/​a​r​t​i​k​e​l​/​k​a​p​i​t​a​l​i​s​t​i​s​c​h​e​-​n​a​t​u​r​v​e​r​h​a​e​l​t​nisse
[12] https://​www​.ish​.uni​-han​nover​.de/​2​0​4​3​.html
[13] http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​0​4​/​5​3​4​0​6​.html


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