Flexibel ausgeliefert

Basisgewerkschaften rufen internationale Kampagne zur Vernetzung von Arbeitskämpfen bei Lieferdiensten ins Leben

In den letzten Monaten sorgten Arbeits­kämpfe in ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern für Schlag­zeilen, mit denen Beschäf­tigte von Lie­fer­diensten wie Deli­veroo und Foodora Erfolge bei der Ver­bes­serung ihrer Arbeits­be­din­gungen erreichen konnten. Jetzt haben Basis­ge­werk­schaften aus ver­schie­denen Ländern mit deli­ver­union eine inter­na­tionale Soli­da­ri­täts­kam­pagne zur Ver­netzung dieser Kämpfe initiiert. Aus Deutschland betei­ligen sich die Basis­ge­werk­schaften Freie Arbeiter Union (FAU) und IWW (Indus­trial Workers of the World).

Aus­gangpunkt des inter­na­tio­nalen Soli­da­ri­täts­pro­jektes war eine Kon­ferenz in Bilbao, wo Basis­ge­werk­schaften aus aller Welt über eine Neu­ori­en­tierung debat­tierten. »Der Wunsch nach mehr kon­kreten gemein­samen Pro­jekten, inten­si­verem Aus­tausch und prak­ti­scher Klas­sen­so­li­da­rität auch über die Grenzen des syn­di­ka­lis­ti­schen Spek­trums hinweg prägten diese Dis­kussion«, hieß es in einem Kon­gress­be­richt. Deli­ver­union ist eines der beschlos­senen Pro­jekte. Dabei soll nicht nur auf Italien und Groß­bri­tannien geschaut werden, wo bereits Arbeits­kämpfe von Beschäf­tigten bei Lie­fer­diensten statt­fanden. »Auch in Deutschland haben sich die Fah­re­rInnen bereits selbst­or­ga­ni­siert und sich dabei ohne große Vor­kennt­nisse bisher sehr klug ver­halten«, betont Clemens Melzer, Sprecher der Ber­liner FAU, gegenüber »nd«. Die Beschäf­tigten hätten sowohl zu ver.di als auch zur FAU Kontakt auf­ge­nommen.

Melzer sieht gute Chancen, dass sich die Koope­ration zwi­schen den reni­tenten Lie­fer­dienst­fahrern und seiner Gewerk­schaft ver­tieft. Er sieht in den Kämpfen der Lie­fer­dienste Spreng­kraft. Ein Plus­punkt sei ihre Inter­na­tio­na­lität. So nutzen viele der Beschäf­tigten, die von Deli­veroo ange­bo­tenen Mög­lich­keiten, sich in andere Länder ver­setzen zu lassen. Melzer sieht hierin eine gute Gele­genheit, auch die Erfah­rungen über Arbeits­kämpfe zu ver­breiten. Basis­ge­werk­schaften wie die FAU, die bereits seit langem eine »For­eigner Sektion« besitzt, in der Beschäf­tigte aus den unter­schied­lichsten Ländern orga­ni­siert sind, könnten hier eine wichtige Rolle bei der Ver­netzung spielen.

Der ver.di-Gewerkschaftssekretär Detlef Conrad ist skep­ti­scher, was die dau­er­hafte Orga­ni­sa­ti­ons­be­reit­schaft der jungen fle­xiblen Lie­fer­dienst­mit­ar­beiter betrifft. »Für viele ist es zudem nur ein Zweitjob neben dem Studium«, gibt er zu bedenken. Die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft kon­zen­triere sich auf den Teil der Beschäf­tigten, die dau­erhaft an einen Ort beschäftigt sind, betont er. Bei Deli­veroo sei man mit der Orga­ni­sierung ebenso auf einen guten Weg, wie bei dem Unter­nehmen Bring­meister. Auch bei den Post­zu­stellern der Pin-AG habe seine Gewerk­schaft bereits einen erfolg­reichen Arbeits­kampf geführt.

Anders als die FAU setzt Conrad nicht auf die jungen, fle­xiblen Lie­fer­dienst­mit­ar­beiter sondern auf Beschäf­tigte, die aus gesund­heit­lichen Gründen die Arbeit nicht mehr leisten können. Meist, weil ihnen nach Jahren auf dem fle­xiblen Rennrad, der kaputte Rücken einen Strich durch die Rechnung macht. Hier werden Fol­ge­kosten für eine krank­ma­chende Arbeit auf die Gesell­schaft abge­wälzt, meint Conrad, der bei ver.di neben den Lie­fer­diensten auch für Senioren zuständig ist. Eine eigene bun­des­weite Ver­wal­tungs­stelle nur für die Lie­fer­dienste hält Conrad für denkbar, wenn sich zeige, dass eine rele­vante Anzahl von Beschäf­tigten sich bei ver.di orga­ni­sieren wolle.

Link zur Kam­pagne:

http://​deli​ver​union​.com/

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​3​7​6​3​3​.​f​l​e​x​i​b​e​l​-​a​u​s​g​e​l​i​e​f​e​r​t​.html

Peter Nowak