Kommunikationsguerilla gegen Konzerne

Tagung: Lob­by­ismus auch in Bür­ger­initia­tiven ver­breitet In Berlin tauschten sich am Wochenende Akti­visten und Inter­es­sierte darüber aus, wie Unter­nehmen Ein­fluss auf zivil­ge­sell­schaft­liche Initia­tiven nehmen.

»Sie sind an Technik inter­es­siert, finden den Fort­schritt gut, wollen sachlich infor­miert sein, glauben an Wohl­stand für alle und sind der Meinung, dass Umwelt und Technik sich nicht aus­schließen – dann sind Sie hier richtig!« So stellt sich die Initiative mit dem schlichten Namen »Bürger für Technik« im Internet vor. Unter der Rubrik Leser­briefe finden sich fast durchweg Bei­träge, die sich vehement gegen den »Ener­gie­wende­irrsinn« aus­sprechen. Der Gründer und lang­jährige Vor­standschef der Initiative ist Ludwig Lindner, bis 2004 Sprecher der Fach­gruppe »Nutzen der Kern­technik« der Kern­tech­ni­schen Gesell­schaft. Auch der jetzige Sprecher der Fach­gruppe enga­giert sich bei den »tech­nik­freund­lichen Bürgern«. Für den Verein Lobby Control handelt es sich deshalb um eine kon­zern­ge­steuerte Initiative, mit der die Wirt­schaft ihre Posi­tionen in der Zivil­ge­sell­schaft ver­breitet.

Schließlich genössen Bür­ger­initia­tiven und Gras­wur­zel­be­we­gungen in weiten Teilen der Bevöl­kerung große Akzeptanz: »Als nicht von Pro­fit­in­ter­essen geleitete Orga­ni­sa­tionen genießen sie Ver­trauen, sind im besten Fall erfolg­reich«, erklärt die Spre­cherin der Umwelt­or­ga­ni­sation Robin Wood, Ute Bertrand. Zusammen mit wei­teren Umwelt­ver­bänden und der Linken Medi­en­aka­demie orga­ni­sierte Robin Wood die Tagung »Wenn Kon­zerne den Protest managen«, die am Samstag in der Ber­liner Hum­boldt-Uni­ver­sität stattfand. Viele der über 100 Teil­nehmer sind in Umwelt­gruppen und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen aktiv. »Ich bin hierher gekommen, um mir Wissen anzu­eignen, das ich bei meiner all­täg­lichen Arbeit in der Umwelt­be­wegung nutzen kann«, meinte eine Mit­ar­bei­terin von Kli​ma​retter​.de. Ein Aktivist warnte davor, Mit­glieder kon­zern­be­ein­flusster Initia­tiven lediglich als Mario­netten der Industrie zu betrachten: »Wenn Mit­ar­beiter von Kohle- oder Atom­kraft­werken dort aktiv sind, drücken sie auch ihre Meinung aus und dagegen müssen wir unsere Argu­mente vor­bringen«, meinte er.

Viele Tagungs­teil­nehmer wehrten sich gegen den Ein­druck einer all­mäch­tigen Industrie. Ein Aktivist des Arbeits­kreises Umwelt Wies­baden sieht die Gründung von Initia­tiven, mit denen die Wirt­schaft ihre Posi­tionen in die Öffent­lichkeit bringen will, als Zeichen einer Defen­sivstra­tegie: »Damit reagiert sie auf den zuneh­menden öffent­lichen Druck, der auch durch unsere Arbeit gewachsen ist«.

Besonders großen Anklag fand ein Workshop des Ber­liner Peng-Kol­lektivs, auf dem die selbst ernannte Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­rilla ihre Pro­jekte gegen große Kon­zerne vor­stellte. So endete ein von der Firma Shell gespon­serter Science Slam, auf dem junge Wis­sen­schaftler umwelt­freund­liche Pro­dukte vor­stellen sollten, im Chaos. Bei der Vor­führung explo­dierte scheinbar der Motor und ver­spritzte liter­weise Öl. Mit dem Spruch »hier können Sie den Stecker ziehen, in der Arktis nicht«, outeten sich die ver­meint­lichen Wis­sen­schaftler als Umwelt­ak­ti­visten. Die Aktion sorgte wie viele weitere des Kol­lektivs für Medi­en­öf­fent­lichkeit. Aller­dings machten die Akti­visten auch klar, dass dafür jedes Mal auf­wendige Vor­ar­beiten not­wendig gewesen seien. Die Tagungs­teil­nehmer waren mehr­heitlich begeistert: »Hier wird nicht darüber geklagt, wie schlimm die Kon­zerne sind. Hier drehen wir den Spieß um und stellen sie in der Öffent­lichkeit bloß.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​8​5​9​1​1​.​k​o​m​m​u​n​i​k​a​t​i​o​n​s​g​u​e​r​i​l​l​a​-​g​e​g​e​n​-​k​o​n​z​e​r​n​e​.html

Peter Nowak

Der Artikel wurde auf Indy­media dis­ku­tiert:

https://​links​unten​.indy​media​.org/​d​e​/​n​o​d​e​/​1​54346