Erst Rausschmiss, dann Reglementierung

WOHNEN Vor einem Jahr wurde Tina S. zwangs­ge­räumt. Seither kämpft sie um ihre Pri­vat­sphäre
Über ein Jahr ist her, dass Tina S. aus ihrer Wohnung in der Butt­mann­straße 18 im Wedding geräumt wurde. Am kom­menden Freitag lädt die Stadt­teil­in­itiative „Hände weg vom Wedding“ ab 17 Uhr in den Nach­bar­laden in der Butt­mann­straße 16 zum Kiez­pa­laver mit Büfett – auf den Treffen wird es auch um die seit einem Jahr leer ste­hende Wohnung von Tina S. gehen, die nach der Sanierung wesentlich teurer zur Neu­ver­mietung ange­boten wird. „Wir wollen darüber sprechen, wie die Pro­bleme im Kiez gemeinsam ange­gangen werden können“, erklärte Martin Steinberg von dem Wed­dinger Stadt­teil­bündnis. Tina S. würde gern wieder in ihre alte Wohnung zurück­kehren. Sie lebt zurzeit bei Unter­stüt­ze­rInnen, muss aber in nächsten Monaten eine neue Wohnung finden. Davor hat sie mehrere Monate in der Ein­richtung der Ber­liner Woh­nungs­not­hilfe Frau­en­Be­Dacht in Berlin-Mitte gewohnt. Dort geriet sie mit der Haus­ordnung in Kon­flikt. „Die erste Abmahnung erhielt ich, weil ich in der Gemein­schafts­küche geraucht habe, was ein Verstoß gegen die Haus­ordnung ist. Drei Abmah­nungen führen zur Kün­digung“, berichtet Tina S. gegenüber der taz. Sie habe sich in der Ein­richtung regle­men­tiert gefühlt und juris­tisch um ihre Pri­vat­sphäre kämpfen müssen, betont sie. So habe sie dem Per­sonal erfolglos mehrmals ver­boten, ihr Zimmer ohne ihre Ein­wil­ligung zu betreten. Erst nachdem sie einen Anwalt ein­schaltete, erhielt sie von der Geschäfts­stelle der Gebewo Soziale Dienste, die die Ein­richtung
betreibt, per SMS die Mit­teilung, dass alle Mit­ar­bei­te­rInnen ange­wiesen wurden, das Zimmer nicht ohne ihre Ein­wil­ligung zu betreten.

Kün­digung nach vier Tagen
Robert Veltmann von der Geschäfts­stelle der Gebewo Soziale Dienste wehrt sich gegen die Vor­würfe. „Da wir in solch einer Unter­kunft auch viele Men­schen mit erheb­lichen sozialen Pro­blemen beher­bergen, dient es allen Bewoh­ne­rinnen im Haus, eine ver­bind­liche Haus­ordnung zu pflegen.“ Die von Tina S. kri­ti­sierte Regelung, dass Bewoh­ne­rinnen gekündigt wird, wenn sie vier Tage nicht in der Ein­richtung über­nachten, begründet Veltmann mit der Koope­ra­ti­ons­ver­pflichtung gegenüber den Job­centern. „Die von Ihnen bemän­gelte Regelung beruht darauf, dass wir als Trä­ger­or­ga­ni­sation unab­ge­spro­chenes Fern­bleiben der Bewoh­ne­rinnen nach spä­testens drei Werk­tagen dem zustän­digen Kos­ten­träger mit­teilen müssen, der dann sei­ner­seits wegen feh­lender Mit­wirkung die Zahlung für die Unter­halts­kosten ein­stellt“, schreibt Veltmann an den Rechts­anwalt von Tina S. Henrik Solf.
aus Taz vom 12.8.2015
PETER NOWAK