Kein Fall für die Kiezmiliz

Nicht nur der Überfall auf den Schrift­steller Raul Zelik im Gör­litzer Park in Berlin stellt Linke vor die Frage, wie mit Stra­ßen­gewalt und No-Go-Areas umzu­gehen ist.

»Friss und stirb trotzdem« lautet der Titel des 1997 erschie­nenen Debüt­romans des Ber­liner Schrift­stellers Raul Zelik. Im Mit­tel­punkt der Handlung steht eine Gruppe Ber­liner Anti­fa­schisten, die nach einer aus dem Ruder gelau­fenen Aktion mit Mord­an­klagen, Ver­folgung und poli­ti­scher Emi­gration kon­fron­tiert wird. Das reale Vorbild für die Geschichte war die Antifa Gençlik, eine von Migranten orga­ni­sierte Gruppe, die zer­schlagen wurde, nachdem Gerhard Kaindl, ein Kader der extrem rechten Deut­schen Liga für Volk und Heimat, bei einem Angriff in Kreuzberg getötet worden war. Sein Tod war eine Zäsur für den akti­vis­ti­schen Flügel der Antifa-Bewegung, dem es haupt­sächlich darum gegangen war, Neo­nazis mit direkten Angriffen Grenzen auf­zu­zeigen. Mit der lite­ra­ri­schen Ver­ar­beitung des Stoffes hatte Zelik die Dis­kussion über die poli­ti­schen Kon­se­quenzen in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken gefördert.

Mehr als 15 Jahre später hat Zelik mit einem Text abermals eine Debatte angeregt. Im Dezember ver­öf­fent­lichte er einen Artikel mit dem Titel »Meine innere Sicherheit« im Tages­spiegel. Wieder geht es um einen Überfall in Kreuzberg, doch dieses Mal hat er keine poli­ti­schen Hin­ter­gründe. Und vor allem: Zelik selbst ist das Opfer der Gewalt. Er beschreibt in dem Text, wie er Ende Sep­tember im Gör­litzer Park über­fallen wurde: Nachts radelte er von Kreuzberg nach Neu­kölln und wählte dabei die Abkürzung durch den Park, wo er dann ange­griffen und aus­ge­raubt wurde. Der mate­rielle Verlust hielt sich in Grenzen. Ein altes Mobil­te­lefon und 30 Euro erbeu­teten die Räuber, das Porte­monnaie mit Aus­weisen und Karten ließen sie auf einer Parkbank zurück.

Doch die kör­per­lichen und psy­chi­schen Folgen wiegen für Zelik ohnehin schwerer. Er schildert den Überfall sehr ein­dringlich. »In diesem Moment trifft mich ohne jede Vor­ankün­digung von links ein Schlag ins Gesicht. Ich spüre den Unter­kiefer krachen, das Gefühl, als hätte man mir einen Zahn aus­ge­schlagen. Der Sturz ver­läuft eini­ger­maßen kon­trol­liert, dann beginnen die Männer auf mich ein­zu­treten. Es fühlt sich an, als wären sie zu siebt oder acht, viel­leicht sind es aber auch nur fünf. Der Angriff kommt so unver­mittelt, dass ich im ersten Moment denke, die Männer wollten mich umbringen. Ich erinnere mich an Fälle, bei denen Men­schen einfach aus Lust an der Gewalt tot­ge­treten wurden.«

Nachdem der Schrift­steller an die Öffent­lichkeit gegangen war, outeten sich auch andere Linke als Opfer von Über­fällen. Dar­unter ist auch ein Mit­glied der Mie­ter­be­wegung, das anonym bleiben will. Auch ihm blieb die große Bru­ta­lität des Über­falls in Erin­nerung. Als ihn im Gör­litzer Park einige Unbe­kannte umringt hätten, habe er ihnen eine Ziga­rette ange­boten, um die Lage zu ent­spannen. Doch sie hätten sofort mit großer Wucht zuge­schlagen. Der Mann hat den Ein­druck, den Tätern sei es eher um die Schläge als um die Beute gegangen. Wie Zelik musste auch er nach dem Überfall sta­tionär im Kran­kenhaus behandelt werden.

Das hatte in beiden Fällen etwas zur Folge, das viele außer­par­la­men­ta­rische Linke in der Regel scheuen: Die Polizei wurde ein­ge­schaltet, Anzeigen wurden erstattet. Nachdem Zeliks Artikel erschienen war, gab die Ber­liner Polizei an, im Zeitraum zwi­schen dem 20. Sep­tember und dem 17. November seien zehn Über­fälle im Gör­litzer Park zur Anzeige gebracht worden. Zwei Tat­ver­dächtige, die an dem Überfall auf Zelik beteiligt gewesen sein sollen, sitzen mitt­ler­weile in Unter­su­chungshaft.

Doch damit ist für Zelik die per­sön­liche »innere Sicherheit« nicht wie­der­her­ge­stellt. Erst nach knapp vier Wochen habe er den Park das erste Mal wieder betreten können, schreibt er. Mit dem Versuch, eine Aus­ein­an­der­setzung über die poli­ti­schen Kon­se­quenzen des Über­falls zu führen, spricht Zelik ein Thema an, das für die außer­par­la­men­ta­rische Linke äußerst heikel ist. Offi­zielle Stel­lung­nahmen von linken Gruppen zu den Über­fällen gibt es nicht. Wenn sich Linke dazu äußern, betonen sie über­wiegend, dass sie nur für sich sprechen und anonym bleiben wollten. Schließlich wird der Begriff Sicherheit stets mit Law-and-Order-Politik in Ver­bindung gebracht, weshalb außer­par­la­men­ta­rische Linke eher dazu neigen, zur Störung der »inneren Sicherheit« auf­zu­rufen. Ein Thema, das in der Regel in der linken Debatte aus­ge­blendet wird, wird nun wegen Zeliks Artikel dis­ku­tiert: die ganz per­sön­liche »innere Sicherheit«.

Das von der Linken häufig und gern pro­kla­mierte »Recht auf Stadt« wird schließlich auch dann ver­letzt, wenn bestimmte Orte zu No-Go-Areas werden, weil sich Angriffe und Über­fälle häufen. Vor allem Men­schen mit wenig Geld, die sich kein Taxi leisten können, meiden dann spä­testens nach Ein­bruch der Dun­kelheit manche Gegenden. Im Fall des Gör­litzer Parks haben auch Linke in den ver­gan­genen Monaten indi­vi­duelle Kon­se­quenzen gezogen. Sie nehmen Umwege in Kauf, um den Park zu umgehen, zumindest wenn sie nicht in einer grö­ßeren Gruppe unterwegs sind.

Ein Kreuz­berger Linker, der anonym bleiben will, hält es für einen großen Fehler, dass die linke Szene in einer Gegend, in der sie noch einen gewissen gesell­schaft­lichen Ein­fluss besitzt, nicht ver­sucht, die Über­fälle zu einem öffent­lichen Thema im Stadtteil zu machen. So könne man schließlich Bou­le­vard­zei­tungen und konserva­tiven Poli­tikern mit ihren Law-and-Order-Parolen die Deu­tungs­hoheit nehmen. »Warum wurden nicht Stadt­teil­ver­samm­lungen initiiert, in denen man gemeinsam mit den Anwohnern bespricht, wie man auf die Über­fall­serie reagiert?« fragt er sich. »Bei­spiels­weise mit einem Lich­terfest, bei dem die angst­be­setzten Zonen erleuchtet werden.« Solche Aktionen seien in Kreuzberg noch vor einigen Jahren von femi­nis­ti­schen Gruppen in Gegenden orga­ni­siert worden, in denen Frauen von Männern belästigt wurden. Zugleich betont er: »Eine eman­zi­pa­to­rische Reaktion auf die Über­fälle kann nicht in der Bildung einer auto­nomen Kiez­miliz bestehen, in der viele starke Männer und viel­leicht auch einige Frauen Poli­zei­auf­gaben über­nehmen.«

Das Konzept der Kiez­miliz ist im Bereich der Antifa bereits mit dem gewalt­samen Tod des rechts­ex­tremen Funk­tionärs Kaindl an seine Grenzen gestoßen. Damals hat Zelik die Dis­kussion über die Folgen in der Linken mit seinem Buch angeregt. Mit seinem Artikel hat er nun gezeigt, dass eine linke Debatte über Über­fälle und Stra­ßen­kri­mi­na­lität ohne ras­sis­tische Zuschrei­bungen möglich ist. Aller­dings bleibt noch zu beweisen, dass sich eine linke Umgangs­weise mit der Stra­ßen­kri­mi­na­lität finden lässt, die sich nicht darin erschöpft, von einer auto­nomen Kiez­miliz zu träumen, die die Polizei ersetzen kann.

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Peter Nowak


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