Streit in Zeiten des Outsourcing

Seit zwölf Wochen streiken die Mit­ar­beiter eines Toch­ter­un­ter­nehmens der Ber­liner Charité. Mit Erfolg, denn zumindest zeichnet sich nun ein Kom­promiss ab.
Spen­den­aufrufe sind in der Vor­weih­nachtszeit nichts Unge­wöhn­liches. Doch der Appell des Soli­da­ri­täts­ko­mitees für die CFM-Beschäf­tigten fällt auf. »Wir möchten Euch dringend um Spenden für die Streik­kasse der Kol­le­ginnen und Kol­legen beim Charité Facility Management (CFM) in Berlin bitten«, heißt es dort.

Es erinnert an die Frühzeit der Arbei­ter­be­wegung, als vor mehr als hundert Jahren Gewerk­schaften für strei­kende Kumpels aus den Zechen des Ruhr­ge­biets oder für Hafen­ar­beiter in Hamburg sam­melten. Auch sonst erinnert manches am Arbeits­kampf der Charité-Beschäf­tigten an längst ver­gangene Zeiten. Schließlich ist eine ihrer wich­tigsten For­de­rungen der Abschluss eines Tarif­ver­trags. Bis Anfang voriger Woche beharrte die CFM darauf, dass es mit ihr einen Tarif­vertrag nicht geben wird. »Da bewies man schon vor 140 Jahren mehr Sinn für sozialen Frieden, als die Buch­drucker 1871 den ersten Tarif­vertrag erstritten«, kom­men­tiert die Gewerk­schafts­zeitung Verdi-Publik diese Haltung.

In Zeiten des Out­sourcing hat sich das geändert. Nicht nur in der Charité, auch in vielen anderen Bereichen der Arbeitswelt ver­folgen Unter­nehmer mitt­ler­weile die Stra­tegie, tarif­ver­trags­freie Zonen zu schaffen. Beschäf­tigte in völlig unter­schied­lichen Ein­rich­tungen wie dem Ber­liner Ensemble, der Pfle­ge­firma Alpenland und der Charité sind davon betroffen.

2006 wurde die Ser­vice­ge­sell­schaft gegründet, in die das nicht­me­di­zi­nische Per­sonal des Kli­nikums ver­schoben wurde. Dazu gehören vor allem die Rei­ni­gungs­kräfte und das Wach­per­sonal. Sie wurden nied­riger ent­lohnt. Seitdem ver­zeich­neten Kol­legen, die in der gleichen Schicht die gleiche Arbeit ver­richten, Lohn­dif­fe­renzen von meh­reren Hundert Euro, berichtet Sascha Sta­nicic vom Soli­da­ri­täts­ko­mitee für die CFM-Beschäf­tigten. Das Komitee hatte in den ver­gan­genen Wochen viel zu tun. Neben zwei Demons­tra­tionen, die vor allem unter Gewerk­schaftern Unter­stützung fanden, gab es mehrere Aktionen und Flashmobs vor dem »Kul­tur­kaufhaus Dussmann« im Ber­liner Bezirk Mitte. Das Unter­nehmen betreibt gemeinsam mit der Charité und den Unter­nehmen Hellmann und Vamed die Charité Facility Management GmbH. Vor einigen Tagen haben sich auch bekannte Künstler mit den For­de­rungen der Strei­kenden soli­da­ri­siert. Sie begründen ihre Ein­mi­schung damit, dass eine Teilhabe am kul­tu­rellen Leben ohne ange­messene Löhne nicht möglich sei. Auch bei ihnen steht, wie bei den Strei­kenden, sowohl der alte rot-rote Ber­liner Senat als auch sein von der neuen Großen Koalition gebil­deter Nach­folger in der Kritik. »Als Mehr­heits­ei­gen­tümer der CFM ist er für die Bil­lig­löhne mit­ver­ant­wortlich«, heißt es im Aufruf der Künstler. Tat­sächlich wurde die CFM auf Druck des rot-roten-Senats gegründet, der die Charité zu Ein­spa­rungen auf­ge­fordert hatte. Auf besondere Kritik der Gewerk­schafter stößt der Umgang des Unter­nehmens mit dem Streik. So beklagt die Verdi-Streik­ver­ant­wort­liche Silvi Krisch, dass die Strei­kenden durch die Mit­ar­beiter des externen Wach­schutz­un­ter­nehmens Flash Security auf Schritt und Tritt über­wacht würden. »Die haben den Auftrag, uns an den Hacken zu kleben«, moniert Krisch.

Während die Soli­da­rität mit den Strei­kenden außerhalb der Charité wächst, macht den Strei­kenden ein Kon­flikt zwi­schen den in der Klinik ver­tre­tenen DGB-Gewerk­schaften zu schaffen. Die IG Bau beteiligt sich nicht am Arbeits­kampf und hat sogar in der Anfangs­phase dagegen mobi­li­siert. Sie will die Putz­kräfte in einen bun­des­weiten Rei­ni­gungs­tarif ein­gliedern. Zahl­reiche Beschäf­tigte haben deshalb die IG Bau ver­lassen und sich Verdi oder dem Deut­schen Beam­tenbund (DBB) ange­schlossen.

Der Druck scheint Wirkung zu zeigen. Am Montag einigte sich die CFM mit Verdi und DBB darauf, ab kom­menden Mai einen Min­destlohn von 8,50 die Stunde und eine Ein­mal­zahlung von 300 Euro im Januar 2012 zu zahlen. Am heu­tigen Don­nerstag sollen die Strei­kenden über diesen Kom­promiss abstimmen.

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Peter Nowak