
„Wenn die Zeit kommt, der Hitler und der Nazismus der Jugend wie eine Legende vorkommen wird, wie ein Stück Geschichte, die ihren Abscheu erregt
und ihr fast unbegreiflich ist, bringen die Aufzeichnungen von Lore Wolf in
die Köpfe und in die Gemüter, was damals ein Antifaschist erlebt hat.“ Dieses Geleitwort hat die Schriftstellerin …
… Anna Seghers dem Buch „Ein Leben ist viel zu wenig“ vorangestellt. Es ist die Biographie ihrer Freundin und Genossin Lore Wolf. Es kam seit 1973 in mehreren Auflagen im Verlag Neues Leben heraus und wurde in der DDR und der BRD viel gelesen. Damals wollte eine junge Generation von den wenigen NSWiderstandskämpferinnen wissen, wie sie in Zeiten des faschistischen Terrors Widerstand leisten kann und warum es so viele Menschen nicht getan haben. Lore Wolf sprach in den 1970er und 1980er auf vielen Veranstaltungen und Demonstrationen in der BRD. 1996 ist sie im Alter von 96 Jahren gestorben. Jetzt sorgte ein Zufallsfund dafür, dass die antifaschistische Widerstandskämpferin wieder bekannt wird und ihre Stimme gehört werden kann. 1988 erstellte der Frankfurter Bildhauer Clemens Strugalla eine Büste von Wolf. Dabei entstand ein längeres Gespräch über ihr Leben. Die Tonbänder wurden erst jetzt bekannt. Der Radiojournalist Carlo Hoffman nahm sie zur Grundlage für ein vierteiliges Radiofeatures. Es beginnt mit den Sätzen von Hoffmann: „Ein Bildhauer und eine Antifaschistin sitzen in einem Atelier“. Danach sagt Lore Wolf mit ihrer sanften Stimme: „Ich glaube, ich habe mein ganzes Leben lang gehungert! Der Erste Weltkrieg, Hunger. Dann die Revolution, dann die Inflation, dann die Arbeitslosigkeit, dann Amerika. Hunger. Dann die Sowjetunion. Und dann im Zuchthaus, was für ein Hunger! Dann komme ich heim, und es war immer noch Hunger.“ Wir hören das Leben einer Arbeiterin, die mit 15 Jahren schon in der Gewerkschaft organisiert war und zur Kommunistin wurde, weil sie die kapitalistische Ausbeutung täglich am eigenen Leib erfahren hatte. Das Hörstück zeichnet Wolfs Lebensweg über mehrere Kontinente nach. Sehr anschaulich berichtet Wolf über ihren Widerstand gegen das NS-Regime, nachdem sie mit ihrem Mann im April 1933 aus der Sowjetunion nach Deutschland zurückgekehrt war. Engagement in der Roten Hilfe Deutschland Lore Wolf berichtet darüber, wie sie bereits 1933 und 1934 illegale Flugblätter für die Rote Hilfe Deutschland in Frankfurt/Main herstellt. Sie berichtet, wie es ihr gelang, auch linke Pfarrer und Sozialdemokratinnen wie Johanna Kirchner zur gemeinsamen Arbeit gegen den NS zu gewinnen. Sie erzählt aber auch wie ein Genosse die Gruppe verraten hat. Lore Wolf konnte als einzige ins damals noch von Deutschland unabhängige Saarland entkommen. Auch dort setzte sie ihre Arbeit für die Rote Hilfe Deutschland fort. Wolf berichtete, wie sie 1936 die Aktivitäten für die Rote Hilfe in der Schweiz
fortsetzte. „Unsere Aufgabe war es, den Angehörigen der politisch Verfolgten, den Hinterbliebenen, den in Hitlerdeutschland Ermordeten Hilfe zukommen zu lassen“. Sie beschreibt auch den Kern ihrer Arbeit: „Wir haben Agitationsarbeit unter den Schweizer Bürgern betrieben und Hilfskampagnen für Widerstandskämpfer und Emigranten organisiert. Ein Literatur- und Kurierdienst nach Deutschland wurde eingerichtet“. Nach der deutschen
Besetzung Frankreichs, wurde auch Lore Wolf, die dort im Exil lebte, Opfer des NS-Terrors. Doch ihren Lebensmut verlor sie nicht. So berichtete Wolf, dass sich die Gefängnisangestellten wunderten, dass sie fast freudig sagte, dass sie vom Volksgerichtshof zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Sie hatte schließlich die Todesstrafe befürchtet. Wir erfahren in dem Feature auch
von anderen heute fast vergessene Antifaschist*innen, wie dem saarländischen Bergarbeiter und Gewerkschafter Sepp Wagner. Mit ihm hat Wolf Ende der 1930er Jahre an der deutschfranzösischen Grenze bei Forbach Luftballons
mit antifaschistischen Flugblättern aufsteigen und über die Grenze fliegen lassen. Sie hatten die Hoffnung, auf diese Weise der NS-Propaganda etwas entgegen zu setzen. Sepp Wagner wurde nach der deutschen Besetzung Frankreichs verhaftet, nach Deutschland deportiert und am 1. September 1943 in Plötzensee hingerichtet. So ist das 100-minütige Feature von Carlo Hoffmann, das mit Unterstützung des DGB Frankfurt/Main und der Rosa Luxemburg Stiftung realisiert werden konnte und bei den Sendern
Radio Blau und Radio Corax erstausgestrahlt wurde, ein wichtiges Stück linke Geschichte auch über die Rote Hilfe Deutschland in einer Zeit, in der für
Menschen das NS-System tatsächlich so weit weg ist, wie es Anna Seghers schon vor mehr als 50 Jahren beschrieben hat.
- Das Radiofeature „Lore Wolf. Eine
Antifaschistin erzählt“ kann auf der Seite
von Radio Corax nachgehört werden. - Peter Nowak