Satyajeet Malik, Der digitale Raubzug Wie Großkonzerne und Supermächte den Kolonialismus fortsetzen und global ausbeuten, Quadriga-Verlag, Berlin 2026Seiten, 288 Seiten, 25 EuroI, ISBN 978386951454

DIGITALER KOLONIALISMUS

Malik richtet sein Augenmerk auf den digitalen Zugriff auf die Menschen. „Ein Mechanismus ist dabei die Ausweitung digitaler Kredit- und Finanzangebote, die breite Bevölkerungsschichten in Verschuldungsverhältnisse gegenüber dem westlichen Kapitalismus treiben.“ Dazu braucht es nur einfache Smartphones, die auch für einkommensarme Menschen erschwinglich und mit günstigen Datenpaketen ausgestattet sind.

In Indien hat am Ende des Corona-Jahres 2020 der größte Streik der Weltgeschichte stattgefunden. In Deutschland wurde der Ausstand von über 250 Millionen indischen ArbeiterInnen jedoch kaum wahrgenommen. Dabei war dieser Streik der Höhepunkt eines monatelangen Kampfes indischer BäuerInnen gegen ein Gesetzesvorhaben der rechtskonservativen, extrem wirtschaftsnahen indischen Regierung, das die Agrargesetze im Interesse großer Konzerne verändern sollte. „Mehr als 500 Bauernverbände aus dem ganzen Land bildeten eine koordinierte Front. Die Protestierenden sahen sich dabei schlimmsten Verleumdungen ausgesetzt, in deren Verlauf sie als Terroristen oder gar Agenten Pakistans und Chinas gebrandmarkt wurden“, schreibt Satyajeet Malik gleich im ersten Kapitel seines kürzlich im Quadriga-Verlag erschienenen Buches …

… „Der digitale Raubzug“.

Als indische Bauern in Köln protestierten

Der Jurist und Journalist, der in Lüneburg Staatswissenschaften studiert hat, liefert auf 288 Seiten ein engagiertes Plädoyer, die eurozentrische Brille abzulegen, die auch dazu führt, dass die Streiks und Massenproteste in Indien vor sechs Jahren hierzulande selbst bei Linken kaum zur Kenntnis genommen wurden.

So wurde auch kaum registriert, dass Berichte über die Proteste zumindest zeitweise von den digitalen Plattformen zensiert wurden. „Eine der deutlichsten Interventionen war die Löschung der Facebook-Seite Kisan Ekta Morcha (Einheitsfront der Bauern) – eine Facebook-Seite, die speziell eingerichtet worden war, um Falschinformationen über die Proteste entgegenzuwirken“, schreibt Malik. Diese digitalen Zensurmaßnahmen führten wiederum zu neuen Protesten in Indien, was bewirkte, dass die Seite wieder zugänglich gemacht wurde.

Dass man davon bei uns auch in linken Kreisen wenig hört, ist leider nichts Neues. Sogar ein besonders spektakulärer Protest indischer BäuerInnen in Deutschland vor 27 Jahren ist fast völlig aus dem Gedächtnis verschwunden und wird kaum noch erwähnt. Im Sommer 1999 reiste eine Delegation indischer BäuerInnen mit der „Internationalen Karawane für Solidarität und Widerstand“ nach Köln, um auf dem dortigen G8-Wirtschaftsgipfel gegen die kapitalistische Globalisierung zu protestieren. Die Bauernorganisationen hatten das Geld für die Weltreise in ihren Dörfern gesammelt.

Während der Reise ihrer Delegation schilderten sie sehr anschaulich, welche Folgen diese Globalisierung für das Leben in den indischen Dörfern hat. Sie berichteten über die wachsende Verschuldung und die vielen Selbstmorde unter den BäuerInnen aus Verzweiflung darüber, dass sie nicht einmal mehr die Zinsen für ihre Kredite aufbringen können.

„Moderne Peitsche“

Daran knüpft Malik mit seiner engagierten Streitschrift an. Nur hat sich die Situation in den letzten 25 Jahren noch weiter zugespitzt. Malik richtet sein Augenmerk auf den digitalen Zugriff auf die Menschen. „Ein Mechanismus ist dabei die Ausweitung digitaler Kredit- und Finanzangebote, die breite Bevölkerungsschichten in Verschuldungsverhältnisse gegenüber dem westlichen Kapitalismus treiben.“ Dazu braucht es nur einfache Smartphones, die auch für einkommensarme Menschen erschwinglich und mit günstigen Datenpaketen ausgestattet sind.

Die Verarmung großer Teile der Bevölkerung führt dann dazu, dass die Menschen die digitalen Angebote wahrnehmen und Waren auf Kredit kaufen. Doch damit sitzen sie schnell in einer Schuldenfalle, die für viele in Verzweiflung endet, bis hin zu Selbstmorden. Dabei betont Malik, dass es sich bei den Profiteuren um Konzerne handelt, die ihren Sitz in den USA oder in europäischen Ländern haben, die früher Kolonialmächte waren. Hier sieht Malik die Fortsetzung des Kolonialismus auf digitaler Grundlage.

„Diese Verschuldung fungiert dabei als moderne Peitsche, die Tausende von Kilometern entfernt geschwungen wird und die Menschen in Tausenden Kilometern Entfernung dazu bringt, sich den Bedingungen der modernen Kapitalherren zu beugen“, zieht Malik eine Verbindung zum Kolonialismus. Zuvor hat er verschiedene Schriften von TheoretikerInnen des Kolonialismus ausgewertet – von Walter Rodney über Mike Davis bis Kwame Nkrumah. Er ordnet den Kolonialismus mit Verweisen auf Karl Marx in die Geschichte des Kapitalismus ein.

Dabei fällt sein Urteil über die britische Herrschaft in Indien eindeutig aus: „Sie begann mit einer Hungersnot in Bengalen, die den Tod von zehn Millionen Menschen forderte, und endete mit einer Hungersnot, der drei bis dreieinhalb Millionen Menschen zum Opfer fielen“, lautet seine Beschreibung, die gut in das von Robert Kurz herausgegebene „Schwarzbuch Kapitalismus“ passen würde.

Malik zeigt am Beispiel von Indien und Kenia zwei verschiedene Formen von Kolonialismus und Neokolonialismus. Während er Indien als Eroberungskolonie einstuft, bezeichnet er Kenia als Agrarkolonie weißer Siedler. Nach dem Ende des Kolonialismus entwickelte sich nach Malik in Indien ein relativ selbständiger Staat auf kapitalistischer Grundlage, während Kenia im neokolonialen Status verharrte.

Tiefgehend und gut verständlich

Der Autor hat mit seinem Buch die Perspektive des kapitalistischen Angriffs der Tech-Konzerne erweitert. Das zeigt sich daran, dass die im Buch behandelten Aspekte auch bei der linken „Cables of Resistance“-Konferenz, die im April in Berlin stattfand (Rabe Ralf Juni 2026, S. 20), nur am Rande vorkamen. Dabei hat Malik schon 2022 eine Artikelserie zum digitalen Kolonialismus bei Netzpolitik.org veröffentlicht. Hervorzuheben ist, dass es Malik gelingt, seine Kritik allgemein verständlich abzufassen, ohne inhaltlich zu verflachen.

Man könnte Malik entgegenhalten, dass er mit der Konzentration auf den Kolonialismus den heutigen Kapitalismus in Indien vielleicht etwas vernachlässigt. Er kritisiert die gegenwärtige indische Rechtsregierung scharf, wirft ihr aber immer auch vor, sich dem Kolonialismus angedient zu haben.

Malik stellt heraus, dass es in den 1950er und 1960er Jahren mehr Rechte für die BäuerInnen und die Arbeiterklasse auch in Indien gab. Aber das waren Errungenschaften, die eine starke Bewegung von ArbeiterInnen und BäuerInnen dem einheimischen Kapitalismus durch Kämpfe abtrotzen konnte. Auch die anfangs beschriebenen Massenstreiks und Kämpfe Ende 2020 haben die geplanten Verschlechterungen der Lebenssituation großer Teile der Bevölkerung zumindest verzögert.

Diskussionen dürfte auch das Kapitel auslösen, in dem Malik China von dem Vorwurf freispricht, eine neue Kolonialmacht zu sein. Hier wirft er vor allem weißen Intellektuellen vor, mit einem paternalistischen Blick auf das Verhältnis Afrika–China zu blicken. Es wäre interessant zu untersuchen, ob ein staatskapitalistisches System wie in China nicht automatisch auch koloniale Praktiken hervorruft. Das sind aber Themen für eine weitere Diskussion. Das Buch lädt dazu ein.

Das Buch:

AutorSatyajeet MalikTitel Der digitale Raubzug UntertitelWie Großkonzerne und Supermächte den Kolonialismus fortsetzen und global ausbeutenVerlag Quadriga-Verlag, Berlin 2026Seiten, Preis288 Seiten, 25 EuroISBNISBN 978386951454