Annne Reiches persönliche Spurensuche

Keine Stille nach dem Schuss

Der psy­chische Zustand von Alizada hatte sich ver­schlechtert, nachdem kurz vor seinem 18. Geburtstag sein Asyl­antrag abge­lehnt und seine psy­cho­lo­gische Betreuung ein­ge­stellt worden war.

»Aman Alizada 1.10.1999 – 17.8.2019« steht auf der Span­holz­platte über einem Grab auf dem Friedhof Öjendorf in Hamburg. Der Mann, der dort beerdigt wurde, war 2015 als unbe­glei­teter min­der­jäh­riger Flüchtling aus Afgha­nistan nach Deutschland gekommen. Er hatte sich in der nie­der­säch­si­schen Stadt Stade bei Hamburg schnell ein­gelebt und galt als gut inte­griert. »Noch am Morgen hatte Aman A. dem Schüt­zen­umzug zuge­sehen und dem Orts­bür­ger­meister die Hand geschüttelt. Am Sams­tag­abend wurde der 19jährige.….

.…. von der Polizei während eines Ein­satzes in seiner Unter­kunft im Stadtteil Bütz­fleth erschossen«, heißt es auf der Website des nie­der­säch­si­schen Flücht­lingsrats. Am Abend des 17. August habe ein Mit­be­wohner Alizadas aus Angst vor diesem die Polizei gerufen, sagte Kai Breas, der Sprecher der Stader Staats­an­walt­schaft, der Taz. Da Alizada der Polizei bereits bekannt war, sei diese mit zwei Strei­fen­wagen zu der Flücht­lings­un­ter­kunft gefahren. Der Staats­an­walt­schaft zufolge war Alizada zuvor auf­fällig geworden, als er einmal mit einem Messer bewaffnet durch die Sta-der Innen­stadt gelaufen war. Vor­be­straft war der Mann nicht. In einer am Tag nach Alizadas Tod ver­öf­fent­lichten Pres­se­meldung der Staats­an­walt­schaft heißt es: »Beim Ein­treffen der ersten Poli­zisten an der Erd­ge­schoss­wohnung des Mannes reagierte dieser zunächst nicht auf deren Ansprache von außen durch ein offen­ste­hendes Fenster. Als kurze Zeit später die zweite Strei­fen­wa­gen­be­satzung die Wohnung betrat, ergriff der Mann eine Han­tel­stange aus Eisen und ging damit auf die Beamten los.« Die Beamten setzten der Staats­an­walt­schaft zufolge zunächst Pfef­fer­spray gegen Alizada ein. Dies habe keine Wirkung gezeigt, »so dass einer der Beamten seine Dienst­waffe ein­setzte und zur Unter­bindung des Angriffs auf den Angreifer schoss«, wie es in der Pres­se­meldung weiter heißt. Eine »sofort ein­ge­setzte Not­ärztin« und die Besatzung eines Ret­tungs­wagens konnten Alizada nach Angaben der Staats­an­walt­schaft nicht mehr helfen. Die Behörde kün­digte an, sie werde prüfen, ob ein Fall von Notwehr vor­liege. Der Kri­mi­nologe Thomas Feltes, der an der Uni­ver­sität Bochum zu Poli­zei­gewalt forscht, sagte der Taz, ein Angriff mit einer Han­tel­stange sei »ganz klar kein Grund, zur Waffe zu greifen«. Schließlich könne man einer Hantel aus­weichen. Außerdem sei es bei einem solchen Einsatz sinnvoll, einen Psy­cho­logen und gege­be­nen­falls auch ein Spe­zi­al­ein­satz­kom­mando anzu­fordern. So könne die Situation auf­gelöst werden, ohne dass die Beamten sich und andere gefähr­deten. Dörthe Hinz vom nie­der­säch­si­schen Flücht­lingsrat findet es unver­ständlich, dass der Schütze mitt­ler­weile wieder im Dienst ist, obwohl das Ermitt­lungs­ver­fahren noch andauert. Im Gespräch mit dem Neuen Deutschland bestritt sie die Behauptung der Staats­an­walt­schaft, Alizadas Mit­be­wohner hätten aus Angst vor dem 19jährigen die Polizei gerufen. Sie hätten diese vielmehr alar­miert, da sie auf­grund von Alizadas psy­chi­schen Pro­blemen Angst um den jungen Mann gehabt hätten. Einer Recherche der Taz zufolge erschossen Poli­zisten zwi­schen 2009 und 2017 hier­zu­lande 74 Men­schen. 38 von diesen waren offenbar psy­chisch krank. Dar­unter waren auch Flücht­linge, die wegen der Ver­folgung in ihren Her­kunfts­ländern, der Stra­pazen der Flucht und der Lebens­be­din­gungen in Deutschland unter psy­chi­schen Pro­blemen litten. Amad Alizadas Bruder Rahmat schil­derte der Süd­deut­schen Zeitung die Flucht seiner Familie aus der von den Taliban ter­ro­ri­sierten Provinz Ghazni: Einige Fami­li­en­mit­glieder seien nach Pakistan geflohen, eine Schwester sei nach Kasachstan gegangen. Er selbst sei nach Aus­tralien geflohen, wo er Kri­mi­no­logie stu­diere. Er habe sich bemüht, seinen jün­geren Bruder Aman nach Aus­tralien zu holen, was wegen einer Ver­schärfung der dor­tigen Asyl­ge­setze nicht möglich gewesen sei. Aman Alizada sei zunächst mit einigen Fami­li­en­mit­gliedern in die paki­sta­nische Stadt Quetta geflohen. 2015 sei er über den Iran, die Türkei und Grie­chenland nach Deutschland gekommen. Rahmat Alizada war seinen Aus­sagen zufolge erleichtert, als er erfuhr, dass sein Bruder in Deutschland Asyl bean­tragt hatte. Er könne nicht ver­stehen, dass Aman aus­ge­rechnet in dem Land, in dem er ihn in Sicherheit geglaubt habe, von einem Poli­zisten erschossen worden sei. So reagierte auch der Vater des afgha­ni­schen Flücht­lings Matiullah J., nachdem sein Sohn am 18. April ver­gan­genen Jahres in Fulda von einem Poli­zisten erschossen worden war (Jungle World 15/2019). Auch Matiullah J. litt unter psy­chi­schen Pro­blemen. Der Polizist, der für seinen Tod ver­ant­wortlich ist, wurde frei­ge­sprochen und ist wieder im Dienst. Am vor­ver­gan­genen Samstag demons­trierten Freunde des Getö­teten und anti­ras­sis­tische Gruppen aus Nie­der­sachsen und Hamburg in Stade. Nach Angaben des nie­der­säch­si­schen Flücht­lingsrats betei­ligten sich mehr als 200 Men­schen an der Demons­tration. Sie for­derten ein trans­pa­rentes Ermitt­lungs­ver­fahren und kri­ti­sierten die unzu­rei­chende psy­cho­so­ziale Ver­sorgung von Flücht­lingen hier­zu­lande. Der psy­chische Zustand von Alizada hatte sich ver­schlechtert, nachdem kurz vor seinem 18. Geburtstag sein Asyl­antrag abge­lehnt und seine psy­cho­lo­gische Betreuung ein­ge­stellt worden war.

Peter Nowak