Bei der ganzen Aufregung um einen NPD-Gemeindevorsteher wird vergessen, dass in den 1980er sogar ein Bürgermeister sich mit NPD-Stimmen hat wählen lassen

Der nette Nazi von nebenan

1989 machte Hartmut Böhmer bun­desweit Schlag­zeilen, weil er sich von CDU und NPD zum Hers­felder Bür­ger­meister wählen ließ. Er sei von hes­si­schen CDU-Funk­tio­nären aus­drücklich zu diesem schwarz-braunen Bündnis gedrängt worden, recht­fer­tigte er sich.

Eigentlich ist die neo­na­zis­tische NPD auf dem abstei­genden Ast. Ihr laufen die Wähler weg. Und finan­ziell [1]sieht es auch nicht gut aus, seitdem sie in keinem Lan­des­par­lament mehr sitzt. Nun macht diese Rechts­partei bun­desweit Schlag­zeilen, weil ein pro­mi­nentes Mit­glied im hes­si­schen Alten­stadt ein­stimmig, das heißt mit den Stimmen von CDU, FDP und SPD, zum Orts­vor­steher der dor­tigen Wald­siedlung gewählt worden war. Die AfD, immer auf .….

Abgrenzung zu ihrer rech­teren Kon­kurrenz bemüht, attes­tiert diesen Par­teien nun ein Extre­mis­mus­problem. Noch pein­licher sind die Begrün­dungen der Ver­treter der anderen Par­teien für die Wahl. Der kannte sich mit dem Internet aus, lautete eine der Begrün­dungen. Doch auch die bun­des­weiten Reak­tionen der Par­teien ist Publicity für die NPD. Sie, die sonst immer betonen, dass Wahlen zu akzep­tieren sind, fordern [2] nun in diesem Fall, die Ent­scheidung ganz schnell zurück zu kor­ri­gieren.

Als sich ein CDU-Politiker mit NPD-Stimmen zum Oberbürgermeister wählen ließ

Der ehe­malige CDU-Gene­ral­se­kretär Peter Tauber sprach im Deutsch­landfunk von par­tei­über­grei­fender Nai­vität [3] bei dem Fall des NPD-Funk­tionärs und erklärte voll­mundig, dass die CDU nie für einen NPD-Mann die Hand heben würde. Aller­dings hatte sich ein CDU-Mit­glied in Hessen mit Stimmen der NPD zum Bür­ger­meister von Bad Hersfeld wählen lassen. Es handelt sich um Hartmut Böhmer [4].

1989 machte er bun­desweit Schlag­zeilen, weil er sich von CDU und NPD zum Hers­felder Bür­ger­meister wählen ließ. Er sei von hes­si­schen CDU-Funk­tio­nären aus­drücklich zu diesem schwarz-braunen Bündnis gedrängt worden, recht­fer­tigte er sich. Böhmer hatte sich in seiner langen Amtszeit die NPD-Unter­stützung redlich ver­dient, wie das von Kathi Seewald und Timo Schadt her­aus­ge­gebene Buch »Deutsch­lands Mitte – rechts daneben« [5] belegt hat. In einem gene­rellen Zutritts­verbot für Sinti und Roma in Bad Hersfeld mochte er 1983 keine Dis­kri­mi­nierung sehen. Und bei einem Treffen der ehe­ma­ligen Waffen-SS in Hersfeld in jenem Jahr war Böhmer Ehrengast. Einen darob empörten Bürger beschied er: »Als Pri­vat­person kann ich Ehrengast sein, selbst wenn Ihnen das nicht gefällt. Ich nehme mir auch in Zukunft die Freiheit, in meiner Freizeit zu tun und zu lassen, was ich will.«

Nicht alle sahen das so. Über 8000 Anti­fa­schisten nahmen damals an einer Demons­tration zur Ver­hin­derung des SS-Treffens teil, die auch als »Hers­felder SS-Fest­spiele« [6] bezeichnet wurden. Inter­na­tional bekannte Schau­spieler sagten ihre Teil­nahme bei den Hers­felder Fest­spielen [7] ab.

»Doch in Hersfeld hatten wir absolut keine Unter­stützung«, erinnert sich der damalige Hers­felder DGB-Vor­sit­zende Julius Klausmann, dem sei­nerzeit als Orga­ni­sator eines breiten Antifa-Bünd­nisses gegen das SS-Treffen [8] der geballte Hass des Hers­felder Estab­lish­ments ent­ge­gen­ge­schlagen war. Ein CDU-Stadt­ver­ord­neter hatte ihn damals öffentlich »Volks­schädling« genannt. In meh­reren Läden Hers­felds wurde Klausmann nicht mehr bedient, anonyme Anrufer drohten ihm mit dem Tode.

Ven­ti­liert wurde die Kam­pagne vom dama­ligen Chef­re­dakteur der Hers­felder Zeitung, Arnold zum Winkel, der sich selbst als Wahrer des gesunden Volks­emp­findens bezeichnete. Die Hers­felder Zeitung han­delte sich wegen ihrer NPD-freund­lichen Bericht­erstattung eine Rüge von den IG Medien ein. Später wurde Arnold zum Winkel Her­aus­geber von regio­nalen Hei­mat­blättern.

Böhmer war nach einer bun­desweit erregt geführten Dis­kussion wegen seiner Wahl mit NPD-Stimmen übrigens knapp einen Monat später von der Hers­felder Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung auch mit den Stimmen der CDU wieder abge­wählt [9] worden. Nur die NPD lehnte die Abwahl ab. worden. Als Par­tei­loser wurde Böhmer dann wieder in das Amt gewählt. Es wird sich zeigen, ob sich ein ähn­liches Sze­nario nun auch in der Wald­siedlung von Alten­stadt wie­derholt.