Im hessischen Wächtersbach schoss ein Deutscher einen Eritreer nieder

Rassistischer Mordversuch

»Wenn man sich in Wäch­tersbach enga­giert, muss man schon mal mit rechten Droh­briefen rechnen«, erklärt auch Stephan Siemon von der Wäch­ters­bacher Buch­handlung »Dichtung und Wahrheit« gegenüber »nd«. Er gehört zum Unter­stüt­zer­kreis für Geflüchtete im Ort und wurde selber schon zum Ziel rechter Dro­hungen.

»Utøya 2011, München 2016, Wäch­tersbach 2019?« Diese alar­mie­rende Über­schrift trägt eine Pres­se­er­klärung der Kreis­tags­fraktion der LINKEN im Main-Kinzig-Kreis. Auch die Justiz unter­sucht mitt­ler­weile, ob in der hes­si­schen Klein­stadt am Montag ein rechtes Attentat geplant war. Am 22. Juli hatte der 55-jährige Roland K. in der Indus­trie­straße am Stadtrand auf einen Mann aus Eritrea geschossen. Er wurde schwer ver­letzt und ist nach einer Not­ope­ration mitt­ler­weile außer Lebens­gefahr. Wenige Stunden später fand die Polizei den Täter leblos in seinem Auto. Er hatte sich erschossen​.Im Auto sowie in der Wohnung des Mannes wurden weitere Waffen sowie ein Abschieds­brief gefunden. Der Inhalt wird derzeit von der Polizei aus­ge­wertet. Darin könnte es Ant­worten auf die zahl­reichen Fragen geben, die sich aktuell stellen. Der Fall wird von den Ermitt­lungs­be­hörden mitt­ler­weile als ras­sis­tisch eingeordnet.Auch das Datum könnte eine Rolle spielen: Am 22. Juli 2011 ermordete…

.…der Neonazi Anders Breivik 77 Men­schen in Oslo und auf der Insel Utøya. Am 22. Juli 2016 erschoss der ver­mut­liche Neonazi David Sonboly neun Men­schen in einem Mün­chener Ein­kaufs­zentrum. Die Ermittler gehen davon aus, dass Sonboly sich von Breivik inspi­rieren ließ. Wollte auch der Täter von Wäch­tersbach am 22. Juli ein faschis­ti­sches Fanal setzten? »Es darf nicht zuge­lassen werden, dass der 22. Juli zu einem Sym­boltag wird, an dem Rechts­ter­ro­risten Gewalt­taten verüben«, twit­terte Janine Wissler, Links­frak­ti­ons­chefin im hes­si­schen Landtag. »Natürlich ist der Tattag auf­grund des Mas­sakers in Utøya auf­ge­laden, und dies ist für solche Täter häufig von beson­derer Relevanz. Aber ohne ent­spre­chende Fakten und Hin­weise in den Auf­zeich­nungen oder Dateien des Täters lässt sich das nicht sicher sagen«, warnte Stephan Martin, Mit­ar­beiter der LINKEN-Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Martina Renner, gegenüber »nd« vor vor­ei­ligen Spe­ku­la­tionen. Dazu gehört für Martin auch die Ein­schätzung der Ermitt­lungs­be­hörden, dass der Täter von Wäch­tersbach nicht im rechten Milieu orga­ni­siert war. »Die Infor­ma­tionen der Öffent­lichkeit sind noch viel zu dürftig, um das seriös beur­teilen zu können. Auch ist völlig vage, welche Kri­terien für die Beur­teilung einer ›Orga­ni­sierung‹ her­an­ge­zogen werden«, erklärte Martin.

In Wäch­tersbach und Umgebung scheint es eine aktive rechte Szene zu geben. Nicht nur, dass dort der Hin­der­nislauf »Strong Wiking Run« am 16. Sep­tember 2016 statt­ge­funden hat, an dem auch der Dort­munder Neonazi Sven Kahlin teil­ge­nommen hat, der nach einer lang­jäh­rigen Haft­strafe wegen der Ermordung des Punks Thomas Schultz wei­terhin eng mit der Neo­na­zi­szene ver­bunden ist. Auch der ehe­malige Landrat des Rhein-Kinzig-Kreises, Erich Pipa (SPD), ist seit Jahren Ziel rechter Dro­hungen, weil er sich im Herbst 2015 auf einer Ver­sammlung mit dem Bekenntnis »Das Boot ist noch lange nicht voll« für eine Will­kom­mens­kultur für Geflüchtete ein­setzte. Bekannt wurden die lang­jäh­rigen Dro­hungen gegen Pipa, nachdem in Kassel der CDU-Landrat Walter Lübcke wegen seiner flücht­lings­freund­lichen Haltung von einem Rechts­ex­tre­misten erschossen wurde.

»Wenn man sich in Wäch­tersbach enga­giert, muss man schon mal mit rechten Droh­briefen rechnen«, erklärt auch Stephan Siemon von der Wäch­ters­bacher Buch­handlung »Dichtung und Wahrheit« gegenüber »nd«. Er gehört zum Unter­stüt­zer­kreis für Geflüchtete im Ort und wurde selber schon zum Ziel rechter Dro­hungen. Doch davon lässt sich Siemon aber nicht abschrecken.

»Wir haben hier eine dezen­trale Unter­bringung. Die Men­schen leben unter uns«, lobt Siemon den Umgang mit den Migrant*innen in den Stadt. Auch der ange­schossene Mann aus Eritrea gehört zu der Gruppe. Am Diens­tag­abend wird auch Siemon am Ort der Tat in der Indus­trie­straße an einer Mahn­wache unter dem Motto »Kein Platz für Ras­sismus« teil­nehmen. Dazu rufen Politiker*innen, Kirchen und zivil­ge­sell­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen auf.

Peter Nowak