Anpassung der kritischen Wissenschaft?

Unsachliche Drohungen

Merkels Afri­ka­be­auf­tragter Nooke reagiert auf Kritik emp­findlich. Einer For­scherin droht er mit Job­verlust

»Anpassung der kri­ti­schen Wis­sen­schaft? Kritik der ange­passten Wis­sen­schaft!«, lautet der Titel einer Ver­an­stal­tungs­reihe am Asien-Afrika-Institut der Ham­burger Uni­ver­sität, die am ver­gan­genen Dienstag startete. Vor rund 70 Teilnehmer*innen wurde an einem sehr kon­kreten Bei­spiel auf­ge­zeigt, .…

…welche Kon­se­quenzen eine poli­tische Posi­tio­nierung für Wissenschaftler*innen haben kann. Die Ham­burger Juni­or­pro­fes­sorin Raija Kramer hatte einen Offenen Brief nam­hafter Afrikanist*innen unter­zeichnet, der die Äuße­rungen des per­sön­lichen Afrika-Beauf­tragten der Bun­des­kanz­lerin, Günter Nooke, zum Kolo­nia­lismus kri­ti­siert.

Nooke hatte in einem Interview mit der Bou­levard-Zeitung »BZ« erklärt, der Kalte Krieg Afrika habe mehr geschadet als der Kolo­nia­lismus. In dem Brief der Wissenschaftler*innen wurde auch Nookes Ent­lassung gefordert. Dar­aufhin kam es am 13. Februar im Ber­liner Minis­terium für wirt­schaft­liche Zusam­men­arbeit zu einem Treffen zwi­schen Nooke und seinen Kritiker*innen aus der Wis­sen­schaft. Nachdem die neun­köpfige Dele­gation nicht dazu bereit war, Nooke pau­schal von jedem Ras­sis­mus­vorwurf frei­zu­sprechen, übergab der Poli­tiker Raija Kramer ein Dokument, dass die Eignung der Wis­sen­schaft­lerin für den Hoch­schul­dienst infrage stellte. Nooke drohte damit, das Papier auch den Ham­burger Uni­ver­si­täts­prä­si­denten, Kramers Vor­ge­setzten, zu schicken.

Die Empörung über das Vor­gehen des frü­heren DDR-Bür­ger­rechtlers ist bei den Afrikanist*innen groß. Stu­die­rende und Hochschullehrer*innen haben sich in ver­schie­denen Erklä­rungen mit Kramer soli­da­ri­siert. An der Ver­an­staltung in Hamburg betei­ligten sich auch die Kölner Afri­ka­nistin Anne Storch und der Sprecher der Initiative Schwarze Men­schen in Deutschland, Tahir Dela. Der wis­sen­schaft­liche Mit­ar­beiter am Institut für Eth­no­logie der Uni­ver­sität Hamburg, Jan Budniok, der zu den Initiator*innen der Ver­an­stal­tungs­reihe gehört, zeigte sich im Gespräch mit dem »nd« zufrieden mit der Resonanz der Auf­takt­ver­an­staltung. Es gebe durchaus eine Sen­si­bi­li­sierung für die Gefahr, die von Nookes Dro­hungen aus­gehen. »In der letzten Zeit wurde viel über die Repression gegen kri­tische Wissenschaftler*innen in der Türkei gesprochen. Da sehen manche durchaus Par­al­lelen, wenn eine Kritik an Nooke Folgen für die Kar­riere einer kri­ti­schen Wis­sen­schaft­lerin haben soll.«

»Mit unserer Ham­burger Ver­an­stal­tungs­reihe wehren wir uns gegen Ein­schüch­te­rungs­ver­suche von­seiten der Politik und lassen Kolleg*innen zu Wort kommen, die kri­tische Posi­tionen in der Wis­sen­schaft ver­tei­digen«, erklärte Raja Kramer, die damit deutlich macht, dass sie nicht klein bei­geben will und sich wei­terhin poli­tisch posi­tio­nieren wird.

Unter­stützung bekommt die Wis­sen­schaft­lerin auch aus der Politik. So erklärte der Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der Grünen, Ottmar von Holtz, in einer Pres­se­mit­teilung: »Der Afri­ka­be­auf­tragte Günter Nooke hat ver­sucht, kri­tische Stimmen mundtot zu machen.« Der Verlauf des ver­meintlich klä­renden Gespräches und die anschlie­ßende Drohung gegenüber der Afri­ka­nistin habe gezeigt, dass es Nooke an Fin­ger­spit­zen­gefühl und Urteils­ver­mögen in kri­ti­schen Situa­tionen fehle, monierte von Holtz.

Der Grünen-Poli­tiker unter­stützt auch inhaltlich die Kritik der Wissenschaftler*innen: »Herr Nooke sagte öffentlich, dass der Kolo­nia­lismus dazu bei­getragen habe, Afrika aus archai­schen Struk­turen zu lösen. Das ist das exakte Gegenteil von der Fest­stellung der Bun­des­re­gierung, dass der Kolo­nia­lismus eine massiv schä­di­gende Wirkung auf Afrikas Ent­wicklung hatte.« Wie die Wissenschaftler*innen hält auch der Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der Grünen Nooke als Afri­ka­be­auf­tragten der Bun­des­re­gierung für eine Fehl­be­setzung.

Peter Nowak