Unter_​bau

Eine neue Gewerk­schaft für eine neue Hoch­schule
Interview mit Pres­se­spre­chern

Unter_​bau nennt sich eine neue Basis­ge­werk­schaft im Hoch­schul­be­reich, die sich im April an der Goethe-Uni­ver­sität Frankfurt am Main gegründet hat. Peter Nowak sprach mit den Pres­se­spre­chern Anna Yeliz Schentke und Manuel Müller.

Was sind eure kon­kreten For­de­rungen?
Unser Ziel ist eine soziale Hoch­schule in basis­de­mo­kra­ti­scher Selbst­ver­waltung: Ihre Ange­hö­rigen sollen gleich­be­rechtigt ent­scheiden und ihr Profil nicht von wirt­schaft­lichen Inter­essen bestimmt sein. Ein solches Ziel erfordert eine Gewerk­schafts­po­litik, die Tages­kampf und grund­le­gende Ver­än­derung zusam­men­denkt.

Wie wollt ihr das in der wirt­schafts­li­beral aus­ge­rich­teten Hoch­schul­land­schaft umsetzen?
Grund­sätzlich geht es darum, Ein­fluss auf Alltag und Struktur der Hoch­schule zu nehmen, sowie kon­ti­nu­ierlich Erfah­rungen aus Arbeits­kämpfen wei­ter­zu­geben. Dadurch soll eine Gegen­macht ent­stehen, mit der sich die Herr­schafts­struk­turen an der Hoch­schule auf­brechen lassen, sodass alter­native Struk­turen Raum greifen können. Arbeits­be­din­gungen werden pre­ka­ri­siert und Stellen abgebaut, Arbeiten out­ge­sourct und Beleg­schaften gespalten, der Zwang im Studium erhöht und kri­tische Inhalte ver­drängt, die soziale Selektion ver­schärft und Bildung der Ver­waltung von Human­ka­pital unter­worfen.

Aus diesen Zuständen ergeben sich für uns unter anderem fol­gende kon­krete For­de­rungen: Wie­der­ein­glie­derung von out­ge­sourcten Arbeits­plätzen, Tarif­ver­träge für alle Beschäf­tig­ten­gruppen, mehr Raum für kri­tische Stu­di­en­in­halte, die nicht nach rein öko­no­mi­schen Inter­essen aus­ge­richtet sind. Dazu gehören auch For­de­rungen nach mehr unbe­fris­teten Stellen, ins­be­sondere im Mit­telbau, und nach einer aus­rei­chenden Finan­zierung aller Fächer. Dies lässt sich nur ver­wirk­lichen, indem wir die Pro­bleme an der Wurzel packen und die Hoch­schule zu einer grund­le­genden Ver­än­derung ihrer Struktur drängen. Dies soll Antrieb und Anfangs­punkt für eine gesamt­ge­sell­schaft­liche Trans­for­mation sein.

Kann sich auch eine Putzfrau oder Mensa­be­schäf­tigte bei euch orga­ni­sieren?
Der Unter_​bau ist für alle Sta­tus­gruppen, die an der Uni­ver­sität beschäftigt sind, sowie für Stu­die­rende offen. Die Uni­ver­sität unter­scheidet sich von ihrer Struktur her stark von anderen Arbeit­gebern, sie beschäftigt die Arbeit­nehmer auf sehr unter­schied­liche Weise. Viele Bereiche, wie zum Bei­spiel der Rei­ni­gungs­sektor oder das Sicher­heits­per­sonal, werden zu weiten Teilen von externen Dienst­leistern abge­deckt. Häufig sind die Ange­stellten höchst pre­kären Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nissen aus­ge­setzt.

Stu­die­rende, Hilfs­kräfte, wis­sen­schaft­liches Per­sonal und admi­nis­trativ-tech­ni­sches Per­sonal arbeiten alle gemeinsam an der Uni­ver­sität. Es ist für alle Gruppen von Beschäf­tigten offen­sichtlich, dass nicht nur am eigenen Arbeits­platz zunehmend Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse gefördert werden. Daraus ergeben sich gemeinsame The­men­felder für den Arbeits­kampf, die bisher nicht aus­ge­schöpft wurden. Alle Sta­tus­gruppen leiden schluss­endlich unter der Öko­no­mi­sierung der Hoch­schule, die sowohl in der Mensa, als auch in Wis­sen­schaft und Lehre ihr Haupt­au­genmerk auf Effi­zienz richtet und dadurch den Bedürf­nissen der Men­schen an der Uni­ver­sität wider­spricht. Eine Trennung von aka­de­mi­schem und nicht­aka­de­mi­schem Per­sonal und die damit ein­her­ge­hende Hier­ar­chi­sierung lehnt der Unter_​bau ab.

Warum orga­ni­siert ihr euch nicht bei der GEW oder der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Ver.di?
Der Unter_​bau unter­scheidet sich von seiner Struktur her stark von anderen Gewerk­schaften, da ihm ein föde­rales Konzept zugrunde liegt. Ent­schei­dungen werden basis­de­mo­kra­tisch getroffen, mög­liche Funk­tio­närs­struk­turen werden durch dieses Konzept aus­ge­schlossen. Es ist wichtig, dass es sowohl GEW, als auch Ver.di gibt, um Arbeits­kämpfe zu führen, aller­dings ist das Selbst­ver­ständnis des Unter_​bau insofern weit­rei­chender, als dass es poli­tisch ist. Es geht über ein­fache Lohn­po­litik hinaus, zu seinem Pro­gramm gehört die Ein­mi­schung in die Gestaltung der sozialen Umwelt. Ziel ist eine Trans­for­mation der Uni­ver­sität, die nur durch ein Infra­ge­stellen der bestehenden Macht­struk­turen umsetzbar wird. Der Unter_​bau will den Ange­hö­rigen der Uni­ver­sität die Mög­lichkeit bieten, sich durch sta­tus­grup­pen­über­grei­fende Soli­da­rität aktiv und ori­en­tiert an den eigenen Inter­essen und For­de­rungen ein­zu­setzen. Sie müssen sich nicht schon bestehenden gewerk­schaft­lichen Struk­turen unter­ordnen, sondern gelangen in die Position, selber eine neue Form von Arbeits­kampf führen zu können.

Droht durch eure Initiative nicht eine Zer­split­terung gewerk­schaft­licher Akti­vi­täten?
Die Gründung des Unter_​bau sollte unter keinen Umständen als Spal­tungs­moment für die Gewerk­schafts­land­schaft betrachtet werden: Wir machen lediglich Gebrauch von dem Recht auf Gewerk­schafts­plu­ra­lismus und Koali­ti­ons­freiheit, wie es allen Arbeit­nehmern gesetzlich zusteht. Von der Analyse und der Pro­gram­matik des Unter_​bau aus­gehend, kann die Orga­ni­sierung am Arbeits­platz durch ver­schiedene Gewerk­schaften, die kol­legial und soli­da­risch mit­ein­ander arbeiten, nur begünstigt werden. Dies sollte unserer Meinung nach auch das Ver­ständnis von gewerk­schaft­licher Arbeit anderer Genos­sinnen und Genossen sein, um gemeinsam grund­le­gende Ver­än­de­rungen am Arbeits­platz zu ermög­lichen. Die Gründung des Unter_​bau sollte daraus folgend kei­nes­falls als Zer­split­terung auf­ge­fasst werden. Sie akti­viert Beschäf­tigte, die sich durch die vor­han­denen Orga­ni­sie­rungs­an­gebote nicht ange­sprochen fühlen.

http://​unterbau​.org

http://​www​.sozonline​.de/​2​0​1​6​/​0​6​/​u​n​t​e​r​_bau/

Interview: Peter Nowak