Sind Arbeiterkinder an der Hochschule nicht förderungswürdig?

Rek­torat der Uni­ver­sität Münster lehnt eine soziale und recht­liche Bes­ser­stellung eines Referats ab

Vor nun mehr 12 Jahren wurde am Asta der Uni­ver­sität Münster ein Referat gegründet, das sich in Deutschland ein­malig der För­derung von Arbei­ter­kindern an der Hoch­schule widmete. Vor einigen Wochen hatte die Stu­die­ren­den­ver­tretung eine recht­liche und finan­zielle Auf­wertung zum auto­nomen Referat beschlossen. Es hätte bedeutet, dass das Referat nur mit einer Zwei­drit­tel­mehrheit im Stu­die­ren­den­par­lament wieder abge­schafft werden kann.

Doch dagegen legte das Rek­torat der Müns­te­raner Uni­ver­sität, die als Rechts­auf­sicht dem Beschluss zustimmen muss, ihr Veto ein. Nach Ansicht des Rek­torats ist nicht hin­rei­chend bestimmbar, »wer als ‚finan­ziell und kul­turell benach­tei­ligter‘ Stu­die­render anzu­sehen ist«, lautete die Begründung.

Kein Interesse an der För­derung von Arbei­ter­kindern?

Der Soziologe Andreas Kemper, der das Referat vor 12 Jahren mit­be­gründet hat und sich auch theo­re­tisch mit dem Klas­sismus beschäftigt, wie die Dis­kri­mi­nierung auf­grund der Klas­senlage genannt wird, sieht in der Ablehnung ein Des­in­teresse der Uni­leitung an den Arbei­ter­kindern. Im Gespräch mit Tele­polis nennt er dafür his­to­rische aber auch aktuelle Bei­spiele. So habe es bis in die späten 1960er Jahre hinein an der Uni-Klinik Münster Dekane gegeben, die in der Nazizeit an Zwangs­ste­ri­li­sie­rungen von Arbei­ter­kindern beteiligt waren. Der bekann­teste Fall sei der Dok­tor­vater von Mengele, Otmar von Ver­schuer, gewesen, der bereits als Frei­korps-Adjutant nach dem Ersten Welt­krieg an stand­recht­lichen Erschie­ßungen von auf­stän­di­schen Arbeitern beteiligt war.

Auch aktuell würden schon vor­handene Mög­lich­keiten zur För­derung von Arbei­ter­kindern an der Hoch­schule nicht wahr­ge­nommen. So habe die Uni Münster eine Kann-Bestimmung nicht umge­setzt, die es Kindern aus der Arbei­ter­schicht erleichtert, ein Deutschland-Sti­pendium zu erhalten, das ein­ge­führt wurde, um genau diese Stu­die­renden zu unter­stützen. Ein wei­terer Fall für eine klas­sische Blindheit der Uni­leitung führt Kemper an: »Vor zehn Jahren beauf­tragte das Rek­torat das Hoch­schuI­in­for­ma­ti­ons­system , um eine Erhebung über die Bedürf­nisse und Pro­bleme der Stu­die­renden der Uni Münster durch­zu­führen. Bei der Aus­wertung wurde aller­dings darauf ver­zichtet, die soziale Her­kunft aus­zu­werten.«

Kein Service-Referat

Kemper betont die poli­tische Dimension hinter den von Stu­die­renden durch­ge­setzten Referats. »Es ist kein Service-Referat und unter­scheidet sich damit fun­da­mental von dem Projekt Arbei­terkind, das explizit unpo­li­tisch ist und nur helfen will.« Das Müns­te­raner Referat enga­gierte sich gegen unter Anderem gegen Stu­di­en­ge­bühren und gegen Latein-Vor­aus­set­zungen. »Wir sehen unsere Aufgabe darin, Arbei­ter­kinder im Bil­dungs­be­reich zu orga­ni­sieren und zu ver­netzen. Zu dieser Ver­netzung gehört, andere Arbei­ter­kin­der­zu­sam­men­schlüsse zu unter­stützen, außerdem arbeiten wir mit ent­spre­chenden Orga­ni­sation in Wien und den Ver­ei­nigten Staaten zusammen. Nicht zuletzt geht es auch um inhalt­liche Aus­ein­an­der­set­zungen zu dem Thema. Und uns ist wichtig, dass soziale Her­kunft als Dis­kri­mi­nie­rungs­grund aner­kannt wird«, betonte Kemper.

Dieses Ziel könnte durch die ableh­nende Haltung des Rek­torats eher gefördert werden, so seine Hoffnung. Das Rek­torat musste bereits dem NRW-Bil­dungs­mi­nis­terium und der Gleich­stel­lungs­be­auf­tragten der Uni Münster erläutern, warum die Sat­zungs­än­derung abge­lehnt wurde. Zudem soll auf einer Voll­ver­sammlung der stu­die­renden Arbei­ter­kinder am 16.10. das weitere Vor­gehen besprochen werden. Derweil dis­ku­tierten aktive Stu­die­rende, ob der Trend zur Eli­te­uni­ver­sität und die zuneh­mende Spaltung der Gesell­schaft nicht die andere Medaille der Ablehnung einer För­derung von Arbei­ter­kindern an der Hoch­schule ist.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​1​0​/​1​52956
Peter Nowak


Kommentare sind geschlossen.