Vielleicht war das MDR-Sommerinterview mit Höcke im August aufschlussreicher, nur hat es kaum jemanden interessiert

Wem nützt das abgebrochene Höcke-Interview?

Nun muss man sich aber auch kri­tisch fragen, ob das ZDF nicht selbst dem zutiefst bür­gerlich-libe­ralen Nar­rativ ver­fangen ist, wenn sie für Höckes rechtes Voka­bular nur auf Hitlers »Mein Kampf« zurück­greift. Tat­sächlich finden sich solche Ver­satz­stücke in vielen Ver­laut­ba­rungen von bisher völlig aner­kannten Künstlern, Poli­tikern und Wis­sen­schaftlern

War es eine mediale Nie­derlage für Höcke oder gewinnt die AfD immer? Diese Fragen werden dis­ku­tiert, nachdem Björn Höcke ein Interview mit dem ZDF nach mehr als 10 Minuten abge­brochen hatte, das anschließend vom Sender gegen seinen Willen ver­breitet wurde. Nun ist klar, dass die­je­nigen, die.…

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Diskussion über rechte Geländegewinne

Eine Ver­an­staltung in Berlin vergaß aller­dings, dass Rechten auch immer wieder Räume genommen wurden

In den 1990er Jahren machte der Begriff »national befreite Zone« die Runde. Es ging um Orte, die Men­schen, die nicht ins Weltbild der extrem rechten Bewohner passten, mög­lichst meiden sollen. Das Dorf Jamel in Meck­lenburg-Vor­pommern ist heute eine solche »national befreite Zone«.

Eine völ­kische Dorf­ge­mein­schaft [1] prägt den Ort auch mit ihren Sym­bolen. »Dorf­ge­mein­schaft Jamel – sozial ‑national ‑frei« steht dort an einer Wand. Die national befreite Zone könnte sich jetzt noch ver­größern. Die Gemeinde hat ein wei­teres Grund­stück an rechte Inves­toren ver­kauft. Dann fehlen dem jähr­lichen Anti-Rechts-Fes­tival [2] in Jamel die Park­plätze.

Es wird von einem Ehepaar orga­ni­siert, das in den Ort gekommen ist, um ihn nicht ganz den Rechten zu über­lassen. Für ihre Courage hat es mehrere Preise bekommen. Dass die Rechten und nicht ihre Gegner noch immer Unter­stützung von der Gemeinde bekommen, wenn dahinter sol­vente Inves­toren stehen, hat bun­desweit bisher kaum Resonanz gefunden.

Über den rechten Gelän­de­gewinn in Meck­lenburg-Vor­pommern infor­mierte die Jour­na­listin und wohl beste Ken­nerin der rechten Szene, Andrea Röpke [3], am Samstag auf der gut besuchten, vom Phi­lo­sophen Armen Avan­essian [4] mode­rierten Ver­an­staltung »Rechte Räume« [5] in der Ber­liner Volks­bühne.

National befreite Zonen wie Jamel waren dabei aber nur ein Thema. Es ging vor allem um ideo­lo­gische Gelän­de­ge­winne auch auf Gebieten, wo es gemeinhin nicht ver­mutet wird.

Rechte Erfolge bei der Stadt­re­kon­struktion

Der Archi­tek­tur­pro­fessor Stephan Trüby [6] berichtete darüber, dass die his­to­rische Stadt­re­kon­struktion ein Thema für extrem Rechte ist. So ging die Initiative sowohl für die Rekon­struktion der his­to­ri­schen Innen­stadt von Frankfurt/​Main [7] als auch den Wie­der­aufbau der Pots­damer Gar­ni­sons­kirche von extrem Rechten [8] aus.

Trüby betont aller­dings, dass die spä­teren Akteure nicht aus diesem Spektrum kommen. Deutlich wird hier, dass die Sehn­sucht nach einer heilen deut­schen Ver­gan­genheit unter Aus­blendung der NS-Zeit weite Teile des Bür­gertums teilen. Die von Trüby vor­ge­tra­genen Thesen erinnern an Debatten einer Linken, die sich in den 1990er Jahren kri­tisch zur Gestaltung der Neuen Wache in Berlin [9] mit genau den gleichen Argu­menten äußerte, die Trüby nun gegen die his­to­rische Stadt­re­kon­struktion vor­bringt.

Er bezog sich aller­dings nicht auf diese Debatte vor mehr als 25 Jahren. So blieb unklar, ob er davon beein­flusst war. Seine zen­trale These, dass es keine rechte Archi­tektur, aber sehr wohl rechte Kon­zepte für eine natio­na­lis­tische Stadt­ent­wicklung gibt, doku­men­tiert Trüby an zahl­reichen Bei­spielen aus dem In- und Ausland.

Der Flügel am Kyff­häuser-Denkmal

Rechte Poli­tiker, nicht nur der AfD, fordern wieder ver­stärkt, deutsche Denk­mäler statt Mahnorte auf­zu­stellen. Auch das zeichnete sich bereits vor mehr als 25 Jahren ab und wurde auch im Zusam­menhang mit der Kritik an der Gestaltung der Neuen Wache the­ma­ti­siert.

Diese Sym­bol­po­litik zeigte Trüby an einem Treffen des völ­ki­schen AfD-Flügels, der sich demons­trativ vor dem Kyff­häu­ser­denkmal ablichten lässt, einer der his­to­risch wir­kungs­mäch­tigsten völ­ki­schen Mythenorte in Deutschland.

Gefähr­licher aber dürfen jene von Trüby gezeigten rechten Orte seins, in denen bei­spiels­weise die faschis­tische ita­lie­nische Orga­ni­sation Casa Pound (https://​de​-de​.facebook​.com/​c​a​s​a​p​o​u​n​d​i​t​alia/ [10] eine hippe rechte Post­mo­derne [11] zele­briert. Dort werden Men­schen ange­sprochen, die für den muf­figen Kyff­häuser-Kult wohl kaum zu begeistern sind.

Auch die rechte Initiative Kul­turraum Land [12] die in den Dörfern »patrio­tische Zentren« auf­bauen will, könnte Zulauf bekommen. Zu Beginn der Ver­an­staltung wurde von Armen Avan­essian ange­kündigt, auch die Gegen­stra­tegien sollten nicht zu kurz kommen.

Doch da blieb nach knapp zwei Stunden neben den Jamelner Anti­rechts-Fes­tival nur die bekannte und kon­trovers dis­ku­tierte Aktion des Zen­trums für poli­tische Schönheit [13] übrig, in unmit­tel­barer Nach­bar­schaft von Höcke in Born­hagen ein Holo­caust-Denkmal in Minia­tur­format [14] nach­zu­bauen.

Die bekann­teste Per­sön­lichkeit des Zen­trums, Philipp Rucht, erläu­terte noch einmal die Aktion, ohne auf die Kritik ein­zu­gehen, dass damit auch eine Bana­li­sierung des Holo­causts betrieben werde. Sehr anschaulich wurde das Agieren einer rechten Bür­gerwehr gezeigt, die die Höcke-Kri­tiker sofort aus dem Dorf treiben wollten.

Auch auf Namens­spielchen, wo aus Björn »Bernd Höcke« wird [15], ging Rucht ein. Er verwies auf eine weitere Kul­tur­aktion, in der Höcke mit dem Pseudonym Landolf Ladig [16] ver­bunden wird.

Nach Sprach­ver­gleichen [17] des Müns­te­raner Sozi­al­wis­sen­schaftlers Andreas Kemper [18] soll Höcke für NPD-nahe Publi­ka­tionen Artikel ver­fasst haben, bevor er in der AfD aktiv wurde.

Höckes Dementi wurde selbst von Teilen der AfD nicht geglaubt. Im Aus­schluss­antrag der AfD unter Frauke Petry wurde auf die Arbeit von Kemper ver­wiesen. Auch der Leiter des Thü­ringer Ver­fas­sungs­schutzes Kramer zitierte aus Artikel von Kemper zu Höcke in der liber­tären Wochen­zeitung Gras­wur­zel­re­vo­lution [19] und löste damit einen rechten Shit­storm [20] aus.

Kramer hatte zunächst Kemper nicht als Quelle ange­geben, sich für das Ver­säumnis ent­schuldigt. Auch Rucht vergaß bei seinem Vortrag in der Volks­bühne, die Quelle für seine Ladig-Höcke-Satire zu benennen. Aller­dings sind im Internet Kempers Texte ver­linkt.

Keine Erwähnung von linken Räumen

Egal, wie man zu den Aktionen des Zen­trums für poli­tische Schönheit steht, als Gegen­stra­tegien zur Aus­breitung rechter Räume können sie nicht gelten. Dieser Punkt blieb am Samstag aus­ge­spart, obwohl Armen Avan­essian aus­drücklich darauf hin­ge­wiesen hat, dass der Punkt nicht zu kurz kommen solle.

Dabei hätte man doch Bei­spiele aus Berlin nehmen können, wie Rechte ihre Räume auch wieder ver­loren haben. Das in den frü­heren 1990er Jahren von Neo­nazis besetzte Haus in der Lich­ten­berger Weit­ling­s­traße [21] wäre da ebenso zu nennen wie eine Straße in Ober­schö­ne­weide, wo zivil­ge­sell­schaft­liche Gruppen die Eta­blierung einer natio­nalen Zone [22] ein­dämmten [23].

Peter Nowak
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[1] https://​www​.facebook​.com/​e​v​e​n​t​s​/​7​5​3​7​2​6​9​7​8​1​70928
[2] https://​www​.forstrock​.de/
[3] https://​www​.christoph​-links​-verlag​.de/​i​n​d​e​x​.​c​f​m​?​v​i​e​w​=​6​&​a​u​t​o​r​e​n​_​i​d=289
[4] https://​www​.brandeins​.de/​m​a​g​a​z​i​n​e​/​b​r​a​n​d​-​e​i​n​s​-​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​s​m​a​g​a​z​i​n​/​2​0​1​8​/​g​e​d​u​l​d​/​a​r​m​e​n​-​a​v​a​n​e​s​s​i​a​n​-​i​n​t​e​r​v​i​e​w​-​w​i​r​-​h​a​b​e​n​-​k​e​i​n​e​n​-​p​o​s​i​t​i​v​e​n​-​z​u​k​u​n​f​t​s​b​e​g​r​i​f​f​-mehr
[5] https://​www​.volks​buehne​.berlin/​d​e​/​p​r​o​g​r​a​m​m​/​5​9​0​1​/​r​e​c​h​t​e​-​r​aeume
[6] https://​www​.ar​.tum​.de/​a​k​t​u​e​l​l​/​n​e​w​s​-​s​i​n​g​l​e​v​i​e​w​/​a​r​t​i​c​l​e​/​p​r​o​f​-​s​t​e​p​h​a​n​-​t​r​u​e​b​y​-​w​e​c​h​s​e​l​t​-​z​u​r​-​u​n​i​v​e​r​s​i​t​a​e​t​-​s​t​u​t​t​gart/
[7] http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​f​e​u​i​l​l​e​t​o​n​/​n​e​u​e​-​f​r​a​n​k​f​u​r​t​e​r​-​a​l​t​s​t​a​d​t​-​d​u​r​c​h​-​r​e​c​h​t​s​r​a​d​i​k​a​l​e​n​-​i​n​i​t​i​i​e​r​t​-​1​5​5​3​1​1​3​3​.html
[8] https://​www​.bla​etter​.de/​a​r​c​h​i​v​/​j​a​h​r​g​a​e​n​g​e​/​2​0​1​8​/​j​a​n​u​a​r​/​s​e​h​n​s​u​c​h​t​s​o​r​t​-​d​e​r​-​n​e​u​e​n​-​r​e​c​h​t​e​n​-​d​i​e​-​p​o​t​s​d​a​m​e​r​-​g​a​r​n​i​s​o​n​k​irche
[9] https://theculturetrip.com/europe/germany/articles/k‑the-kollwitz-and-berlin-s-neue-wache/
[10] CasaPoundhttps://de-de.facebook.com/casapounditalia/
[11] https://​www​.anti​fa​in​fo​blatt​.de/​t​a​g​s​/​c​a​s​a​-​pound
[12] https://​ein​prozent​.de/​b​l​o​g​/​g​e​g​e​n​k​u​l​t​u​r​/​k​u​l​t​u​r​r​a​u​m​-​l​a​n​d​-​f​l​e​i​s​s​i​g​e​-​h​e​l​f​e​r​-​g​e​s​u​c​h​t​/2364
[13] https://​www​.poli​ti​cal​beauty​.de/
[14] https://​www​.poli​ti​cal​beauty​.de/​m​a​h​n​m​a​l​.html
[15] https://​www​.koelner​-abend​blatt​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​p​o​l​i​t​i​k​/​w​a​r​u​m​-​b​e​r​n​d​-​h​o​e​c​k​e​-​a​f​d​-​v​o​n​-​m​a​n​c​h​e​n​-​m​e​d​i​e​n​-​b​j​o​e​r​n​-​g​e​n​a​n​n​t​-​w​i​r​d​-​2​2​8​5​8​1​8​6​.html
[16] https://​www​.poli​ti​cal​beauty​.de/​l​a​n​dolf/
[17] https://​andre​askemper​.org/​2​0​1​6​/​0​1​/​0​9​/​l​a​n​d​o​l​f​-​l​a​d​i​g​-​n​s​-​v​e​r​h​e​r​r​l​i​cher/
[18] https://​andre​askemper​.org
[19] https://​www​.gras​wurzel​.net/gwr/
[20] https://​www​.gras​wurzel​.net/​g​w​r​/​2​0​1​8​/​1​0​/​l​i​n​k​s​e​x​t​r​e​m​e​s​-​s​c​h​m​i​e​r​b​latt/
[21] http://​tele​graph​.cc/​b​e​r​l​i​n​e​r​-​h​a​u​s​b​e​s​e​t​z​e​r​i​n​n​e​n​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​-​d​a​s​-​n​e​o​-​n​a​z​i​-​h​a​u​s​-​w​e​i​t​l​i​n​g​s​t​r​a​s​s​e​-​1​2​2​-​i​n​-​b​e​r​l​i​n​-​l​i​c​h​t​e​n​berg/
[22] https://​www​.antifa​-berlin​.info/​s​i​t​e​s​/​d​e​f​a​u​l​t​/​f​i​l​e​s​/​d​a​t​e​i​e​n​/​a​r​t​i​k​e​l​/​S​c​h​o​e​n​e​w​e​i​d​e.pdf
[23] http://​www​.taz​.de/​!​5​2​9​1945/

Was soll die Linke nach Chemnitz machen?

Wie die Angst vor der Rechten eine Merkel-Linke schafft. Eine Dis­kussion in Berlin zeigte viel Rat­lo­sigkeit, aber auch ein paar Ansätze

Die Bun­des­re­gierung hat die Causa Maaßen vor­der­gründig gelöst, doch der Streit geht unmit­telbar weiter. Die SPD-Vor­sit­zende Nahles soll den jetzt getrof­fenen Vor­schlag vor einigen Tagen noch abge­lehnt haben, was Innen­mi­nister See­hofer behauptet und Nahles bestreitet. Doch auch die außer­par­la­men­ta­rische Linke ringt noch um eine Position.

Am ver­gan­genen Samstag dis­ku­tierten Flücht­lings­ak­ti­visten und Anti­fa­schisten aus Chemnitz über die Frage der Soli­da­rität [1]. Ein­ge­laden hatte die Monats­zeit­schrift ak (analyse und kritik) [2], die vor mehr als vier Jahr­zehnten gegründet wurde und die Ver­än­derung der außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewe­gungen seitdem kri­tisch begleitet.

Da hätte man sich doch eine gesell­schaft­liche Ein­ordnung gewünscht. Schließlich können sich viele ak-Autoren an die Zeiten Anfang der 1990er Jahre erinnern, als Flücht­lings­un­ter­künfte wie in Rostock-Lich­ten­hagen, Hoyers­werda oder Mannheim-Schönau von Neo­nazis ange­griffen und in Brand gesetzt wurden, während »besorgte Bürger« dane­ben­standen und applau­dierten.

Die Angst vor der Rechten und die Merkel-Linke

Diese his­to­ri­schen Remi­nis­zenzen sind schon deshalb wichtig, um vor einer Stimmung zu warnen, die »nach Chemnitz« fast den Sieg des Faschismus an die Wand malt. Das ist nicht nur his­to­risch falsch und lähmt die Gegen­kräfte. So wird mit der Gefahr eines dro­henden Faschismus der real exis­tie­rende Kapi­ta­lismus beinahe schon als letzte Ver­tei­di­gungs­linie dar­ge­stellt.

Das ist der Grund für die wach­sende Mer­kel­linke, die es von SPD über Grüne bis zur Links­partei und gele­gentlich in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken gibt. Selbst so schlaue Ana­ly­tiker wie Rainer Trampert [3] sind davon nicht frei. Das Paradoxe dabei ist, dass das Erstarken der Merkel-Linke mit dazu führt, dass sich die Rechte als einzige Alter­native zum Status Quo auf­spielen kann.

So wird aus Angst vor der Rechten genau diese ver­stärkt. Eine weitere Para­doxie wurde auch auf der Ber­liner Ver­an­staltung nicht erwähnt, weil sie wenig bekannt ist. Die CDU/CSU unter Kohl hat einen großen Anteil daran, dass Sachsen zur rechten Ord­nungs­zelle wurde. Ab Ende Oktober 1989 wurde die natio­na­lis­tische Welle mit Deutsch­land­fahnen und ent­spre­chenden Mate­rialien aus dem Westen massiv ange­heizt.

Es ging zu diesem Zeit­punkt schon nicht mehr um die schon geschlagene SED, sondern um die linke DDR-Oppo­sition [4] die zu dem Zeit­punkt noch für eine eigen­ständige DDR agierte [5]. Im Kampf dagegen bedienten sich die Uni­ons­par­teien auch der Rechts­partei DSU, die durchaus als ein AfD-Vor­läufer gelten kann. Seit Herbst 1989 war Sachsen eine rechte Ord­nungs­zelle.

»Ich würde mein Bett nie an ein Fenster zur Straße stellen«

Wie sich auf das All­tags­leben für links­al­ter­native Chem­nitzer aus­wirkte, berich­teten mehrere Aktive des Bünd­nisses Chemnitz Nazifrei [6]. So erzählten Bewohner von linken Chem­nitzer Wohn­pro­jekten, dass sie darauf achten, ihr Bett nicht an ein Fenster zur Stra­ßen­seite auf­zu­stellen. Schließlich müsse immer damit gerechnet werden, dass es rechte Angriffe gebe.

Ein anderer Chem­nitzer Linker sprach davon, dass es sich wie Urlaub anfühlt, wenn er mal nur die Stadt ver­lässt. Er muss nicht immer darauf achten, ob ihm Rechte auf der Straße ent­ge­gen­kommen. Die jungen Chem­nitzer betonen, dass diese Vor­sichts­maß­nahmen bei ihnen seit Jahren Alltag gewesen seien.

Nur hatte lange eben niemand so genau hin­ge­guckt. Mitt­ler­weile guckt man auch wieder weg, obwohl erst vor wenigen Tagen wieder mehrere Tausend Men­schen an einer Demons­tration der rechten Partei Pro Chemnitz teil­ge­nommen haben, wie die Chem­nit­zerin Ida Campe [7] infor­miert, die aus­führlich über die rechte Szene in dieser Stadt berichtet, wenn die meisten aus­wär­tigen Medi­en­ver­treter schon wieder abge­reist sind.

Bild-Zeitung und AfD einig gegen »gras­wur­zel­re­vo­lution«

Manche haben sie sich schon wieder auf die Linke ein­ge­schossen, bei­spiels­weise auf die Monats­zeitung gras­wur­zel­re­vo­lution [8], die sich als gewaltfrei-libertär ver­steht. Das hindert die Bild-Zeitung [9] aber nicht, gegen das »Anar­chis­ten­blatt« zu hetzen.

Die Kam­pagne hatte die AfD-Thü­ringen [10] begonnen, die sich darüber echauf­fierte, dass der liberale Ver­fas­sungs­schutz­prä­sident von Thü­ringen aus einem ana­ly­ti­schen Artikel [11] des Sozi­al­wis­sen­schaftlers Andreas Kemper [12] über den AfD-Rechts­außen Björn Höcke in der gras­wur­zel­re­vo­lution zitierte.

Dass ein VS-Prä­sident aus einer linken Zeitung zitiert, geht gar nicht, da sind sich Bild und AfD einig. Pikant für die Rechts­partei: Der alte AfD-Bun­des­vor­stand hatte mit Mate­rialien von Andreas Kemper seinen mitt­ler­weile geschei­terten Aus­schluss­antrag gegen Höcke begründet. Im Umgang mit der gras­wur­zel­re­vo­lution wird der bür­ger­liche Nor­malfall deutlich, da sind sich Ultra­rechte und Kon­ser­vative einig im Kampf gegen links. Das wollen manche Mer­kel­linke nicht wahr­haben.

Kampf für eine soli­da­rische »Stadt für alle« ist der beste Kampf gegen rechts

Bei der ak-Dis­kussion war diese Merkel-Linke nicht ver­treten. Da hätte man sich mehr eigen­ständige linke Posi­tionen gewünscht. Doch da gab es eher Rat­lo­sigkeit und Vor­schläge, die weniger durch eine Analyse als durch End­zeit­stimmung geprägt sind. Da kamen Vor­schläge für eine anti­fa­schis­tische Bela­gerung von Städten mit rechten Akti­vi­täten. Ernster zu nehmen ist der Appell der Chem­nitzer Linken, doch in ihre Stadt zu kommen.

»Da gibt es günstig Woh­nungen und Häuser«, wollte einer von hohen Mieten geplagten Ber­linern einen Umzug schmackhaft machen. Es ist aber nur sehr unwahr­scheinlich, dass er damit viel Erfolg hat. Wün­schenswert wäre ein solcher Zuzug durchaus, wenn es um die Stärkung von All­tags­kämpfen und soli­da­ri­schen Netz­werken für alle in der Stadt lebende Men­schen ging.

Das könnten soli­da­rische Beglei­tungen zum Job­center ebenso sein, wie Unter­stützung bei Miet­pro­blemen und Arbeits­kämpfen. Wichtig ist, dass es dabei um die Koope­ration von Men­schen unter­schied­licher Her­kunft geht. So könnte man ein soli­da­ri­sches Klima in der Stadt erzeugen, das der AfD und ihrem Umfeld den Wind aus den Segeln nimmt.

Sie pro­fi­tieren davon, dass Men­schen Angst vor Migranten, vor Kri­mi­na­lität etc. haben. Sie ver­lieren da, wo Men­schen ihre Rechte als Mieter, Erwerbslose, Lohn­ab­hängige wahr­nehmen. Daher wäre ein Beitrag zum Kampf gegen Rechts nicht eine »Bela­gerung der Stadt«, sondern soli­da­rische Aktionen an Job­centern, gemeinsam mit Betrof­fenen, woher auch immer sie kommen, oder bei Unter­nehmen, die den Beschäf­tigten zu wenig Lohn zahlen.

Peter Nowak

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[7] https://​twitter​.com/​i​d​a​c​a​m​p​e​?​l​a​ng=de
[8] https://​www​.gras​wurzel​.net/​4​3​1​/​h​o​e​c​k​e.php
[9] https://​www​.bild​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​i​n​l​a​n​d​/​p​o​l​i​t​i​k​-​i​n​l​a​n​d​/​v​e​r​f​a​s​s​u​n​g​s​s​c​h​u​t​z​-​c​h​e​f​-​w​e​h​r​t​-​s​i​c​h​-​g​e​g​e​n​-​a​f​d​-​v​o​r​w​u​e​r​f​e​-​5​7​4​1​3​2​8​0​.​b​i​l​d​.html
[10] https://​afd​-thue​ringen​.de/​2​0​1​8​/​0​9​/​h​e​n​k​e​-​a​n​s​c​h​l​a​g​-​a​u​f​-​d​i​e​-​v​e​r​f​a​s​s​u​n​g​-​d​u​r​c​h​-​v​e​r​f​a​s​s​u​n​g​s​s​c​h​u​t​z​p​r​a​e​s​i​d​e​n​t​-​k​ramer
[11] https://​www​.gras​wurzel​.net/​4​3​1​/​h​o​e​c​k​e.php
[12] https://​andre​askemper​.org/​t​a​g​/​b​j​o​r​n​-​h​ocke/

Kapitulation vor Antifeminismus?

Der Heinrich-Böll-Stiftung hat ihr Online-Lexikon »Agent*In« vom Netz genommen. Ein Kom­mentar

Ein kri­ti­sches Lexikon zum Antifeminismus[1] wollte die grü­nennahe Heinrich-Böll- Stiftung[2] zur Ver­fügung stellen. Doch wer die Seite anklickt, erfährt nur, dass das Projekt zurzeit ruht. Dafür gibt es auf der Homepage der Heinrich-Böll-Stiftung eine Erklärung[3], die eine Kapi­tu­lation vor einer wochen­langen rechten Kam­pagne dar­stellt.

Dort heißt es:

In Abstimmung mit der Redaktion des Pro­jekts hat der Vor­stand der Heinrich-Böll-Stiftung das Online-Lexikon »Agent*In« vom Netz genommen. Die öffentlich und intern geübte Kritik am Format der »Agent*In« hat uns deutlich gemacht, dass dieser Weg nicht geeignet ist, die gesell­schafts­po­li­tische Aus­ein­an­der­setzung zu Anti­fe­mi­nismus zu führen. Wir bedauern sehr, dass durch die gewählte Form manche an anti­de­mo­kra­tische Methoden erinnert werden und ent­schul­digen uns bei den­je­nigen, die sich mög­li­cher­weise per­sönlich ver­letzt fühlen.

Stel­lung­nahme der Heinrich-Böll- Stiftung[4]
Offensive gegen Anti­fe­mi­nismus

Hier wird sich bei denen ent­schuldigt, die als bekannte Per­sonen des Anti­fe­mi­nismus auf dem Wiki auf­ge­führt waren. Mitte Juli wurde er frei­ge­schaltet und zeit­gleich wurde eine Bro­schüre unter dem Titel »Gender raus«[5] publi­ziert. In einer Pressemitteilung[6], in der die Bro­schüre und das Wiki beworben wurden, heißt es:

Angriffe gegen Femi­nismus, Gleich­stel­lungs­po­litik, sexuelle Selbst­be­stimmung, gleich­ge­schlecht­liche Lebens­weisen und Geschlech­ter­for­schung haben stark zuge­nommen. Die gemeinsam vom Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung her­aus­ge­gebene Bro­schüre »Gender raus!« Zwölf Rich­tig­stel­lungen zu Anti­fe­mi­nismus und Gender-Kritik bietet ver­ständ­liche Argu­mente und Anre­gungen, wie anti­fe­mi­nis­tische Behaup­tungen und Parolen ent­larvt und rich­tig­ge­stellt werden können. Das Online-Lexikon Agent*In (Infor­mation on Anti-Gender-Net­works) infor­miert tie­fer­gehend zu den Grup­pie­rungen und Akteur*innen, die hinter diesen Angriffen und Parolen stecken. Die Agent*In ist als soge­nanntes Wiki ein gemein­sames Projekt des Gunda-Werner-Instituts in Zusam­men­arbeit mit einer Gruppe von femi­nis­ti­schen Autor*innen. Lexikon und Bro­schüre ergänzen sich gegen­seitig.

Pres­se­mit­teilung
Von ganz rechts bis in die liberale Mitte

Die Heinrich-Böll-Stiftung ist mit ihren Rückzug des Wikis den betei­ligten Wis­sen­schaftlern in den Rücken gefallen und hat einen Kniefall vor den anti­fe­mi­nis­ti­schen Netz­werken gemacht, die Unter­stützung von ganz rechts bis weit in die liberale Mitte bekommen haben. Denn viele derer, die im berech­tigten Kampf gegen den Isla­mismus immer wieder die Frau­en­rechte hoch­halten, wollen nichts davon hören, wenn es um Femi­nismus im eigenen Land geht.

So war die Frei­schaltung des Wiki auch begleitet von einer Kam­pagne, an der sich die rechte Wochen­zeitung Junge Freiheit ebenso beteiligt hat wie die rechts­po­pu­lis­tische Web­seite Pi-News. Aber auch der liberale Tages­spiegel hat das Wiki – in einer Glosse – als »Ver­fas­sungs­schutz­be­richt der Genderszene«[7] betitelt. Besonders empört den Tages­spiegel-Kom­men­tator, dass auch ihr lang­jäh­riger Mit­ar­beiter Harald Mar­ten­stein auf dem Wiki auf­ge­führt war.

Dabei muss der doch stolz darauf gewesen sein. Schließlich hat er in der letzten Zeit keine Zeit und Mühe gescheut, um sich als erklärter Anti­fe­minist zu gerieren. Seine neue rechte Tonlage pflegt Mar­ten­stein nicht nur in dem Kampf gegen den Feminismus[8]. Auch gegen Migranten und über­haupt gegen alles, was als links gilt, hat er sich immer wieder posi­tio­niert. Es ist natürlich sein Recht, sich als Anti­fe­minist dar­zu­stellen. Das gilt auch für all die anderen Per­sonen, die auf dem Gender-Wiki auf­ge­führt wurden. Aber warum die Auf­regung, wenn all die Per­sonen dann auch namentlich genannt werden?

Sie lassen doch sonst keine Talk-Show, keinen Kom­men­tar­platz und kein Mikrophon aus, um ihre Thesen oft im Gestus des Tabu­bre­chers öffentlich zu machen. Sie werden also mit­nichten durch das Wiki in die Öffent­lichkeit gezerrt. Im Gegenteil suchen sie die Öffent­lichkeit.

Heinrich-Böll-Stiftung-Bünd­nis­partner gegen rechts?

Wenn nun die Heinrich-Böll-Stiftung vor der rechten Kam­pagne in die Knie geht, ist das vor allem dem Wahl­kampf zu schulden. Die Grünen sind längst in der Mitte ange­kommen und viele füh­rende Poli­tiker lieb­äugeln mit einen Bündnis mit der Union nach der Bun­des­tagswahl. Nun sind aber einige der im Wiki auf­ge­führten Per­sonen Mit­glieder dieser Partei oder stehen ihr nahe.

Da passt es den Wahl­stra­tegen gar nicht, sich in der Gen­der­front so deutlich zu posi­tio­nieren. Mag die Böll-Stiftung auch formal von der Partei unab­hängig sein, so wird die Partei natürlich für die Akti­vi­täten der par­tei­nahen Stiftung mit in die Ver­ant­wortung genommen. So nimmt man nun in Kauf, dass durch den Kniefall vor der anti­fe­mi­nis­ti­schen Kam­pagne femi­nis­tische und gen­der­sen­sible Kreise ver­prellt werden.

Schließlich bringen die nicht die nötigen Wäh­ler­stimmen. Für kri­tische Wis­sen­schaft­le­rinnen und Wis­sen­schaftler stellt sich aber jetzt noch einmal mehr die Frage, was die Heinrich-Böll-Stiftung als Bünd­nis­partner gegen reak­tionäre Politik über­haupt taugt.

Sie mag schöne Erklä­rungen abgeben, doch wenn es ernst wird, und auch die libe­ralen Medien Kritik anmelden, knickt die Stiftung ein. Das zeigt sich an der Causa »Agent*In« besonders deutlich. Publi­zisten wie Andreas Kemper[9] infor­mieren auch ohne Unter­stützung grü­nen­naher Stif­tungen seit Jahren über die anti­fe­mi­nis­tische Szene. Kemper hat die Kam­pagne gegen das Wiki treffend kommentiert[10]:

Die Antifeminist*innen fühlen sich getroffen, nicht nur eine auf­ge­regte Streit­macht von bislang ca. dreißig kon­ser­va­tiven Blogs und Foren kri­ti­sierten das Wiki, sondern auch Jour­na­listen.

Andreas Kemper[11]
Die Frei­schaltung des Wiki war von Anfang an von hef­tiger Kritik bis weit in die libe­ralen Medien begleitet.

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Peter Nowak
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[1] http://​www​.gwi​-boell​.de/​d​e​/​2​0​1​7​/​0​7​/​1​7​/​n​e​u​-​a​g​e​n​t​i​n​-​e​i​n​-​k​r​i​t​i​s​c​h​e​s​-​o​n​l​i​n​e​-​l​e​x​i​k​o​n​-​z​u​-​a​n​t​i​-​f​e​m​i​n​ismus
[2] https://​www​.boell​.de/de)
[3] https://​www​.boell​.de/​d​e​/​2​0​1​7​/​0​8​/​0​7​/​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​d​e​s​-​v​o​r​s​t​a​n​d​s​-​d​e​r​-​h​e​i​n​r​i​c​h​-​b​o​e​l​l​-​s​t​i​f​t​u​n​g​-​z​u​m​-​o​n​l​i​n​e​-​l​e​x​i​k​o​n​-​a​g​entin
[4] https://​www​.boell​.de/​d​e​/​2​0​1​7​/​0​8​/​0​7​/​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​d​e​s​-​v​o​r​s​t​a​n​d​s​-​d​e​r​-​h​e​i​n​r​i​c​h​-​b​o​e​l​l​-​s​t​i​f​t​u​n​g​-​z​u​m​-​o​n​l​i​n​e​-​l​e​x​i​k​o​n​-​a​g​entin
[5] http://​www​.gwi​-boell​.de/​d​e​/​2​0​1​7​/​0​7​/​0​4​/​g​e​n​d​e​r​-​r​a​u​s​-​1​2​-​r​i​c​h​t​i​g​s​t​e​l​l​u​n​g​e​n​-​z​u​-​a​n​t​i​f​e​m​i​n​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​g​e​n​d​e​r​-​k​ritik
[6] https://www.boell.de/de/2017/07/17/%20gender-raus-und-agentin-erschienen
[7] http://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​f​e​m​i​n​i​s​m​u​s​-​e​i​n​e​-​a​r​t​-​v​e​r​f​a​s​s​u​n​g​s​s​c​h​u​t​z​b​e​r​i​c​h​t​-​d​e​r​-​g​e​n​d​e​r​-​s​z​e​n​e​/​2​0​1​0​1​4​3​0​.html
[8] http://​ueber​medien​.de/​1​2​1​6​3​/​h​a​r​a​l​d​-​m​a​r​t​e​n​s​t​e​i​n​-​m​a​c​h​t​-​l​u​e​g​e​n​p​r​e​s​s​e​-​v​o​r​w​u​e​r​f​e​-​s​a​l​o​n​f​aehig
[9] https://​andre​askemper​.org
[10] https://​andre​askemper​.org/​2​0​1​7​/​0​7​/​2​5​/​z​u​r​-​a​g​e​n​t​i​n​-​1​-​e​i​n​-​o​n​l​i​n​e​-​l​e​x​i​k​o​n​-​i​s​t​-​e​i​n​-​o​n​l​i​n​e​-​l​e​xikon
[11] https://​andre​askemper​.org

Uni ohne Arbeiterkinder?

Andreas Kemper ver­tritt stu­die­rende »Arbei­ter­kinder« an der Uni Münster

nd: Sie gehören zu den Initia­toren des deutsch­landweit bislang ein­ma­ligen Referats »Arbei­ter­kinder« an der Uni­ver­sität Münster. Der AStA der Uni wollte das Referat nach rund zehn Jahren Existenz jetzt rechtlich und sozial absi­chern. Ein ent­spre­chender Beschluss des Stu­den­ten­par­la­ments wurde von der Uni­leitung aber gekippt. Wie erklären Sie sich diese Ablehnung?

Dass sich das Rek­torat kaum Gedanken über die stu­die­renden Arbei­ter­kinder macht hat his­to­rische Gründe. So gab es bis in die späten 1960er Jahre hinein an der Uni-Klinik Münster Dekane, die in der Nazizeit an Zwangs­ste­ri­li­sie­rungen von Arbei­ter­kindern beteiligt waren. Der bekann­teste Fall ist der Dok­tor­vater von Mengele, Otmar von Ver­schuer, der bereits als Frei­korps-Adjutant nach dem Ersten Welt­krieg an stand­recht­lichen Erschie­ßungen von auf­stän­di­schen Arbeitern beteiligt war.

Gibt es auch aktuelle Bei­spiele für die Ignoranz gegenüber Arbei­ter­kindern?

A.K.: Ja. Die Uni Münster setzt eine Kann-Bestimmung nicht um, die es Kindern aus der Arbei­ter­schicht erleichtert, ein Deutschland-Sti­pendium zu erhalten, dass ein­ge­führt wurde, um genau diese Stu­die­renden zu unter­stützen. Ein anderer Fall: Vor zehn Jahren beauf­tragte das Rek­torat das HIS, um eine Erhebung über die Bedürf­nisse und Pro­bleme der Stu­die­renden der Uni Münster durch­zu­führen. Bei der Aus­wertung wurde aller­dings darauf ver­zichtet, die soziale Her­kunft aus­zu­werten.

Welche Schwer­punkte hat das Referat Arbei­ter­kinder in seiner Arbeit?

A.K.: Das Referat für finan­ziell und kul­turell benach­tei­ligte Stu­die­rende (Fikus), so die offi­zielle Bezeichnung, soll die Situation von Arbei­ter­kindern im Bil­dungs­system und explizit an Hoch­schulen ver­bessern. Dies wird in erster Linie als bil­dungs­po­li­ti­scher Auftrag ver­standen. Es findet zwar auch Beratung und direkte Unter­stützung statt, aber in erster Linie geht es darum, die Ursachen von Bil­dungs­bar­rieren zu ermitteln und zu bekämpfen. Daher haben wir in den letzten zehn Jahren über ein­hundert Ver­an­stal­tungen mit Bil­dungs­for­schern und fünf Tagungen mit­or­ga­ni­siert.

Also nicht nur Service sondern auch Politik?

A.K. : Das Referat ist kein Service-Referat. Darin unter­scheidet es sich fun­da­mental von Arbei​terkind​.de, die explizit unpo­li­tisch sind und nur helfen wollen. Zur Arbeit der Fikus-Refe­rates gehörte die Zusam­men­arbeit mit Leuten, die gegen das Biblio­theken-Sterben vor­gingen, vor allem ging es darum, Stadt­teil­bi­blio­theken in res­sour­cen­armen Stadt­teilen zu retten. Wir waren enga­giert gegen Stu­di­en­ge­bühren und gegen Latein-Vor­aus­set­zungen. Und wir sehen unsere Aufgabe darin, Arbei­ter­kinder im Bil­dungs­be­reich zu orga­ni­sieren und zu ver­netzen. Zu dieser Ver­netzung gehört, andere Arbei­ter­kin­der­zu­sam­men­schlüsse zu unter­stützen, außerdem arbeiten wir mit ent­spre­chenden Orga­ni­sation in Wien und den Ver­ei­nigten Staaten zusammen. Nicht zuletzt geht es auch um inhalt­liche Aus­ein­an­der­set­zungen zu dem Thema. Und uns ist wichtig, dass soziale Her­kunft als Dis­kri­mi­nie­rungs­grund aner­kannt wird.

Wie soll es nach der Ablehnung wei­ter­gehen?
A.K. Am 16.10. wird auf einer Voll­ver­sammlung der stu­die­renden Arbei­ter­kinder das weitere Vor­gehen beschlossen. Das Rek­torat musste zudem bereits dem NRW-Bil­dungs­mi­nis­terium und der Gleich­stel­lungs­be­auf­tragten erläutern, warum die Sat­zungs­än­derung abge­lehnt wurde.
https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​8​0​1​0​0​0​.​u​n​i​-​o​h​n​e​-​a​r​b​e​i​t​e​r​k​i​n​d​e​r.htm

Interview: Peter Nowak

Sind Arbeiterkinder an der Hochschule nicht förderungswürdig?

Rek­torat der Uni­ver­sität Münster lehnt eine soziale und recht­liche Bes­ser­stellung eines Referats ab

Vor nun mehr 12 Jahren wurde am Asta der Uni­ver­sität Münster ein Referat gegründet, das sich in Deutschland ein­malig der För­derung von Arbei­ter­kindern an der Hoch­schule widmete. Vor einigen Wochen hatte die Stu­die­ren­den­ver­tretung eine recht­liche und finan­zielle Auf­wertung zum auto­nomen Referat beschlossen. Es hätte bedeutet, dass das Referat nur mit einer Zwei­drit­tel­mehrheit im Stu­die­ren­den­par­lament wieder abge­schafft werden kann.

Doch dagegen legte das Rek­torat der Müns­te­raner Uni­ver­sität, die als Rechts­auf­sicht dem Beschluss zustimmen muss, ihr Veto ein. Nach Ansicht des Rek­torats ist nicht hin­rei­chend bestimmbar, »wer als ‚finan­ziell und kul­turell benach­tei­ligter‘ Stu­die­render anzu­sehen ist«, lautete die Begründung.

Kein Interesse an der För­derung von Arbei­ter­kindern?

Der Soziologe Andreas Kemper, der das Referat vor 12 Jahren mit­be­gründet hat und sich auch theo­re­tisch mit dem Klas­sismus beschäftigt, wie die Dis­kri­mi­nierung auf­grund der Klas­senlage genannt wird, sieht in der Ablehnung ein Des­in­teresse der Uni­leitung an den Arbei­ter­kindern. Im Gespräch mit Tele­polis nennt er dafür his­to­rische aber auch aktuelle Bei­spiele. So habe es bis in die späten 1960er Jahre hinein an der Uni-Klinik Münster Dekane gegeben, die in der Nazizeit an Zwangs­ste­ri­li­sie­rungen von Arbei­ter­kindern beteiligt waren. Der bekann­teste Fall sei der Dok­tor­vater von Mengele, Otmar von Ver­schuer, gewesen, der bereits als Frei­korps-Adjutant nach dem Ersten Welt­krieg an stand­recht­lichen Erschie­ßungen von auf­stän­di­schen Arbeitern beteiligt war.

Auch aktuell würden schon vor­handene Mög­lich­keiten zur För­derung von Arbei­ter­kindern an der Hoch­schule nicht wahr­ge­nommen. So habe die Uni Münster eine Kann-Bestimmung nicht umge­setzt, die es Kindern aus der Arbei­ter­schicht erleichtert, ein Deutschland-Sti­pendium zu erhalten, das ein­ge­führt wurde, um genau diese Stu­die­renden zu unter­stützen. Ein wei­terer Fall für eine klas­sische Blindheit der Uni­leitung führt Kemper an: »Vor zehn Jahren beauf­tragte das Rek­torat das Hoch­schuI­in­for­ma­ti­ons­system , um eine Erhebung über die Bedürf­nisse und Pro­bleme der Stu­die­renden der Uni Münster durch­zu­führen. Bei der Aus­wertung wurde aller­dings darauf ver­zichtet, die soziale Her­kunft aus­zu­werten.«

Kein Service-Referat

Kemper betont die poli­tische Dimension hinter den von Stu­die­renden durch­ge­setzten Referats. »Es ist kein Service-Referat und unter­scheidet sich damit fun­da­mental von dem Projekt Arbei­terkind, das explizit unpo­li­tisch ist und nur helfen will.« Das Müns­te­raner Referat enga­gierte sich gegen unter Anderem gegen Stu­di­en­ge­bühren und gegen Latein-Vor­aus­set­zungen. »Wir sehen unsere Aufgabe darin, Arbei­ter­kinder im Bil­dungs­be­reich zu orga­ni­sieren und zu ver­netzen. Zu dieser Ver­netzung gehört, andere Arbei­ter­kin­der­zu­sam­men­schlüsse zu unter­stützen, außerdem arbeiten wir mit ent­spre­chenden Orga­ni­sation in Wien und den Ver­ei­nigten Staaten zusammen. Nicht zuletzt geht es auch um inhalt­liche Aus­ein­an­der­set­zungen zu dem Thema. Und uns ist wichtig, dass soziale Her­kunft als Dis­kri­mi­nie­rungs­grund aner­kannt wird«, betonte Kemper.

Dieses Ziel könnte durch die ableh­nende Haltung des Rek­torats eher gefördert werden, so seine Hoffnung. Das Rek­torat musste bereits dem NRW-Bil­dungs­mi­nis­terium und der Gleich­stel­lungs­be­auf­tragten der Uni Münster erläutern, warum die Sat­zungs­än­derung abge­lehnt wurde. Zudem soll auf einer Voll­ver­sammlung der stu­die­renden Arbei­ter­kinder am 16.10. das weitere Vor­gehen besprochen werden. Derweil dis­ku­tierten aktive Stu­die­rende, ob der Trend zur Eli­te­uni­ver­sität und die zuneh­mende Spaltung der Gesell­schaft nicht die andere Medaille der Ablehnung einer För­derung von Arbei­ter­kindern an der Hoch­schule ist.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​1​0​/​1​52956
Peter Nowak

Klassismus

Konzept zur Gesell­schafts­ver­än­derung oder zur Mit­tel­stands­för­derung?


Im deutsch­spra­chigen Raum ist der Begriff Klas­sismus relativ unbe­kannt. Im US-ame­ri­ka­ni­schen Kontext wird er analog zu Ras­sismus und Sexismus als eine Dis­kri­mi­nie­rungs- und Unter­drü­ckungsform bezeichnet und spielt sowohl in der Wis­sen­schaft als auch in der Bil­dungs­arbeit eine Rolle. Mit ihrem im Unrast-Verlag erschie­nenen Band liefern Heike Weinbach und Andreas Kemper eine gute Ein­führung in das Konzept und schaffen so die Vor­aus­setzung, sich mit dessen Stärken und Schwächen aus­ein­an­der­setzen zu können. Sie gehen kurz auf die eng mit der anti­ras­sis­ti­schen und femi­nis­ti­schen Bewegung ver­bundene Geschichte des Klas­sismus-Kon­zepts ein und stellen bei uns weit­gehend unbe­kannte poli­tische Zusam­men­hänge vor, die dieses Konzept ver­treten haben. Dazu gehört die sozia­lis­tische Les­ben­gruppe »The Furies«, die in der ersten Hälfte der sieb­ziger Jahre ihre gesell­schaft­liche Position als Töchter aus der Arbei­te­rIn­nen­klasse the­ma­ti­sierten. Dabei kri­ti­sierten sie auch die Umgangs­weise der sozialen Bewe­gungen mit dem Thema Klasse. »Sie sei ent­weder durch und durch roman­ti­sierend und führe zu der soge­nannten Abwärts­mo­bi­lität der Mit­tel­schicht-Jugend oder finde in aka­de­mi­schen mar­xis­ti­schen Debatten statt.« (S. 34) Mit der Metapher
der Abwärts­mo­bi­lität kri­ti­sieren die Furies, dass sich Stu­die­rende aus dem Mit­tel­stand selber mar­gi­na­li­sieren, was sie als Töchter der Arbei­te­rIn­nen­klasse mit Unver­ständnis kom­men­tierten. Aber auch die Debatten in der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung wurden von den Furies kri­ti­siert: »Klasse bedeutet weit mehr als die mar­xis­tische Defi­nition von Bezie­hungen im Spiegel der Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse. Klasse schließt dein Ver­halten und deine fun­da­men­talen Über­zeu­gungen mit ein; was du von dir und anderen erwarten darfst, deine Idee von der Zukunft, wie du Pro­bleme ver­stehst und löst; wie du denkst, fühlst und han­delst« (S. 36). Sie reflek­tierten auch ihre Rolle als Aka­de­mi­ke­rinnen mit pro­le­ta­ri­scher Her­kunft. »Ja, wir haben College-Abschlüsse;
nein, wir arbeiten nicht in Fabriken, wie unsere Eltern es taten, und wir lernten von der Ver­ge­wal­tigung unserer Eltern, gerade deshalb wollen wir die Revo­lution machen« (S. 37).

Von der Gesell­schafts­ver­än­derung zur Kar­rie­re­för­derung
Die Furies werden in dem Buch als eine Gruppe von Frauen aus der Arbei­te­rIn­nen­klasse vor­ge­stellt, die eine ganz ein­deutig anti­ka­pi­ta­lis­tische Ziel­setzung ver­folgten. Eine andere in dem Buch vor­ge­stellte Gruppe, die Working-Class-Aka­de­mi­ke­rinnen (WCA), haben mit den Furies die Her­kunft gemeinsam. Doch zwi­schen ihren poli­ti­schen Inten­tionen klaffen Welten. Den in den 90er-Jahren gegrün­deten WCA ging es nicht um die gesell­schaft­liche Umwälzung, sondern um die gegen­seitige Unter­stützung bei der Job­suche im Wis­sen­schafts­ap­parat. »Die WCA-Akti­vis­tinnen tau­schen sich inhaltlich über ihre Erfah­rungen aus, führen Selbst­ver­ständ­nis­dis­kus­sionen, unter­stützen sich in For­schungs­pro­jekten« (S. 46). Dieser Wandel von der Gesell­schafts­ver­än­derung zur Kar­rie­re­för­derung ist einer­seits dem Abflauen gesell­schafts­kri­ti­scher Theorie und Praxis geschuldet. Er ist ande­rer­seits bereits in den beiden durchaus nicht iden­ti­schen Bedeu­tungen des Klas­sis­mus­be­griffs angelegt, den die AutorInnen in der Ein­leitung vor­stellen. Zum einen bedeute er den »Aus­schluss von mate­ri­ellen Res­sourcen und Par­ti­zi­pation, zum anderen die Ver­wei­gerung von Respekt und Aner­kennung gegenüber Men­schen mit ihren Rechten, Lebens­weisen und Vor­stel­lungen (S.7). Aller­dings stellen die AutorInnen zu wenig die Dif­fe­renzen und unter­schied­lichen poli­ti­schen Impli­ka­tionen dar, die sich aus den beiden Erklä­rungs­ver­suchen ergeben. Wer unter Klas­sismus den Aus­schluss von mate­ri­ellen Res­sourcen und Par­ti­zi­pation ver­steht, strebt, wie die Furies, eine Änderung dieser Ver­hält­nisse an. Wer unter Klas­sismus hin­gegen die Ver­wei­gerung von Respekt und Aner­kennung gegenüber Men­schen mit ihren Rechten, Lebens­weisen und Vor­stel­lungen ver­steht, muss nichts dagegen haben, dass Men­schen arm und bei­spiels­weise gezwungen sind, Fla­schen zu sammeln. Nur sollten das bitte auch alle respek­tieren. Aus einem Problem der ungleichen Ver­teilung von Res­sourcen und Macht in einer Gesell­schaft wird die Sorge, dass auch die­je­nigen, die wenig oder keine Res­sourcen haben, respek­tiert werden sollen. Klemper/​Weinbach ver­suchen an ver­schie­denen Stellen im Buch, zwi­schen den beiden unter­schied­lichen Klas­sismus-Defi­ni­tionen zu ver­mitteln. »Klas­sismus ver­bindet im Grund­ver­ständnis die alten Kri­tik­formen der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung am mate­ri­ellen und poli­ti­schen Aus­schluss mit der Kritik an der Nicht­an­er­kennung und der Her­ab­setzung von Kul­turen und Leben der Arbei­te­rInnen, Arbeits­losen und Armen« (S.17 ). Als Bei­spiel dafür wird ein län­geres Zitat aus einem Handbuch für gewalt­freie Aktion auf­ge­führt: »Klas­sismus wird ebenso auf­recht­erhalten durch ein Glau­bens­system, in dem Men­schen auf­grund ihrer Kin­derzahl, ihres Jobs, ihres Bil­dungs­ni­veaus hier­ar­chi­siert werden. Klas­sismus sagt, dass Men­schen aus einer höheren Schicht klüger sind und sich besser arti­ku­lieren können als Men­schen aus der Arbei­ter­klasse und arme
Men­schen. Es ist eine Art und Weise, Men­schen klein zu halten – damit ist gemeint, dass Men­schen aus der höheren Klasse und reiche Men­schen defi­nieren, was ›normal‹ oder ›akzep­tiert‹ ist. Viele von uns haben diese Stan­dards als die Norm akzep­tiert, und viele von uns haben den Mythos geschluckt, dass die meisten im Land zur Mit­tel­klasse gehören« (S. 16f.).

Inter­essant wäre, diese Defi­nition auch auf sich links und eman­zi­pa­to­risch ver­ste­hende Zusam­men­hänge anzu­wenden. Schließlich geht es sowohl bei Kon­flikten in selbst­ver­wal­teten Zentren und Häusern als auch in links­po­li­ti­schen Zusam­men­hängen oft um die Frage, ob eher uni­ver­sitär und mit­tel­stands­ori­en­tierte Men­schen die poli­ti­schen Spiel­regeln bestimmen und damit Men­schen aus der Arbei­ter­klasse oder Erwerbslose domi­nieren und unter Umständen auch aus­zu­grenzen. Wie komplex diese Aus­ein­an­der­setzung sein kann, zeigt sich daran, wenn bei einem Kon­flikt um anti­se­xis­tische Praxen in einem selbst­ver­wal­teten Zentrum junge Erwerbslose Frauen- und Les­ben­zu­sam­men­hängen vor­werfen, sie ver­suchten Normen und Ver­hal­tens­weisen des aka­de­mi­schen Mit­tel­stands ein­zu­führen. Ähn­liche Kon­flikte gibt es in der Aus­ein­an­der­setzung mit Schwulen und jungen Migran­tInnen. Diese Bei­spiele machen deutlich, dass ein Konzept zu kurz greift, das sich den Respekt und die Aner­kennung der unter­schied­lichen Kul­turen auf die Fahnen schreibt, ohne zu berück­sich­tigen, dass sich diese gegen­seitig aus­schließen können. Wenn im Klas­sis­mus­konzept bei­spiels­weise Respekt vor den Kul­turen der Armen, Erwerbs­losen und Arbei­te­rInnen ver­langt wird, ist zu
fragen, wie damit umzu­gehen ist, wenn diese Kul­turen ihrer­seits aus­schließend gegen Men­schen anderer Länder oder sexu­eller Ori­en­tierung sind. Diese Fra­ge­stellung ver­weist schon darauf, dass Kul­turen nichts Sta­ti­sches und Unver­än­der­liches, sondern selbst Gegen­stand von poli­ti­scher und gesell­schaft­licher Posi­tio­nierung sind. So hat sich immer wieder gezeigt, dass in Arbeits­kämpfen und Streiks, zumindest zeit­weilig, natio­na­lis­tische und ras­sis­tische Ein­stel­lungen gegenüber Kol­le­gInnen zugunsten eines gemein­samen Han­delns zurück­ge­drängt werden können. Mit der bloßen For­derung nach Respekt vor Kul­turen besteht auch
die Gefahr, dass deren kon­ser­vative, rück­wärts­ge­wandte Ele­mente kon­ser­viert werden. Die AutorInnen ver­weisen darauf, dass in der Lite­ratur auch Vor­ur­teile von Arbei­te­rInnen gegenüber Reichen als Klas­sismus bezeichnet werden. Könnte es viel­leicht einmal so weit kommen, dass strei­kende Arbei­te­rInnen, die sich über Aus­beutung und Lohn­drü­ckerei beschweren, des Klas­sismus geziehen werden, weil sie der ›Kultur‹ der Reichen und Besit­zenden nicht den gebüh­renden Respekt zollen? Diese Frage mag sich pole­misch
anhören, doch wenn es nur noch um Iden­ti­täten und Respekt vor den unter­schied­lichen Kul­turen geht, ist eine solche Ent­wicklung nicht aus­ge­schlossen. Wenn aber das Klas­sis­mus­konzept mit einer gesell­schaftlich klaren Posi­tio­nierung ver­bunden ist, kann es auch für heutige Orga­ni­sie­rungs­pro­zesse am Arbeits­platz, im Job­center oder wo auch immer hilf­reich sein, insofern es den Blick auf in der mar­xis­ti­schen Tra­dition ver­breitete Ver­kür­zungen eines öko­no­mis­ti­schen Klas­sen­be­griffs lenkt, die nicht einfach durch die Addition einer Portion Respekt oder gar die Sub­sti­tution von öko­no­mi­schen durch mora­lische Kate­gorien zu beheben sind. Die Ein­führung in die Theorie und Praxis des Klas­sismus könnte in diesem Sinne eine gute Dis­kus­si­ons­grundlage dafür sein, wie der Klas­sen­be­griff nicht-öko­no­mis­tisch zu rekon­stru­ieren und zu refor­mu­lieren wäre.

Peter Nowak
Andreas Kemper / Heike Weinbach: »Klas­sismus. Eine Ein­führung«, Unrast Verlag, Münster 2009,
ISBN 978–3‑89771–4670, 185 Seiten, 13 Euro

erschienen im express, Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit, 5/11
express im Netz unter: www​.express​-afp​.info, www​.labournet​.de/​e​x​press