Umkämpfte Vergangenheit

GESCHICHTE 75 Jahre nach dem Aus­bruch des Spa­ni­schen Bür­ger­kriegs befasst sich eine Aus­stellung mit der Erin­ne­rungs­po­litik daran in Spanien und Frank­reich

Dem drei­stö­ckigen Gebäude mit der großen Veranda sieht man nicht mehr an, dass es nach dem Ende des Spa­ni­schen Bür­ger­kriegs zum Zufluchtsort wurde. Zahl­reiche Frauen und Kinder, die nach dem Sieg der Franco-Truppen über die Grenze nach Frank­reich fliehen mussten, fanden hier Unter­schlupf. Die Schweizer Huma­nistin Eli­sabeth Eidenbenz hatte in der ehe­ma­ligen Kin­der­klinik in der Nähe der fran­zö­si­schen Stadt Per­pignan die Maternité Suisse ein­ge­richtet. Das Hilfs­projekt für spa­nische Flücht­linge wird auf einer Tafel der Aus­stellung »Umkämpfte Ver­gan­genheit« vor­ge­stellt, die am ver­gan­genen Sonntag zum 75. Jah­res­tages des Beginn des Sani­schen Bür­ger­kriegs im Haus der Demo­kratie eröffnet wurde.

Die von der AG Geschichts­po­litik des Vereins »Gren­zenlos« mit Unter­stützung der Bun­des­tags­fraktion der Linken, der Anti­fa­schis­ti­schen Linken Berlin und der Gruppe Avanti – Undog­ma­tische Linke kura­tierte Expo­sition stellt auf einem Dutzend Tafeln Erin­ne­rungs­pro­jekte vor, die sich dem Kampf in dem süd­west­eu­ro­päi­schen Land widmen, der sich ab 1936 zu einer Schlacht zwi­schen dem Faschismus und seinen Geg­ne­rInnen ent­wi­ckelte. Diese war für viele Betei­ligte nach der Nie­derlage in Spanien 1939 nicht beendet: Die Zahl der spa­ni­schen Repu­bli­ka­ne­rInnen, die nach dem Sieg der Franco-Truppen erschossen und in anonymen Mas­sen­gräbern ver­scharrt wurden, geht in die Zehn­tau­sende. Wer über­lebte, musste unter wid­rigsten Bedin­gungen Zwangs­arbeit bei der Errichtung von Monu­men­tal­bauten des Franco-Regimes leisten.

In den 80er Jahren grün­deten sich an vielen dieser Orte Initia­tiven zur Erin­nerung an die Opfer. Sie waren nicht nur mit der großen Angst vor allem der älteren Bevöl­kerung kon­fron­tiert, die die Schrecken der Ver­gan­genheit ver­gessen wollte. Sie haben auch bis heute mit den ErbInnen der Franco-Ära zu kämpfen, die als kon­ser­vative Kom­mu­nal­po­li­ti­ke­rInnen die Men­schen­rechts­ver­let­zungen auf beide Seiten auf­teilen wollen. Die Aus­stellung zeigt auch, wie die Beschäf­tigung mit der Geschichte zur Her­aus­bildung einer bas­ki­schen und kata­la­ni­schen Zivil­ge­sell­schaft führte, die sich vom spa­ni­schen Staat abgrenzte.

Aus­führlich wird in der Expo­sition der Anteil vieler Kämp­fe­rInnen gegen das Franco-Régime beim Unter­grund­kampf gegen die deutsche Besatzung in Frank­reich gewürdigt. Die US-Jour­na­listin Martha Gellhorn beschrieb als Kriegs­be­richt­erstat­terin mit großen Respekt, dass spa­nische Anti­fa­schis­tInnen gemeinsam mit Unter­stüt­ze­rInnen aus anderen euro­päi­schen Ländern siebzehn fran­zö­sische Städte von den Nazi­truppen befreit hatten und dabei mehre Tausend deutsche Sol­daten gefangen nahmen. Im Kalten Krieg wurde dieser Anteil der spa­ni­schen Linken am Kampf gegen die Nazis tot­ge­schwiegen.

Mehrere Tafeln widmen sich der Geschichte des süd­fran­zö­si­schen Lager Gurs, wo Tau­sende spa­nische Repu­bli­ka­ne­rInnen und ihre Unter­stüt­ze­rInnen nach ihrer Nie­derlage inter­niert wurden. Von dort wurden zahl­reiche deutsche Anti­fa­schis­tInnen an die Gestapo und damit oft in den Tod aus­ge­liefert. 1940 wurden über 6.500 Juden aus Süd­west­deutschland nach Gurs depor­tiert, für viele eine Zwi­schen­station auf dem Weg in die deut­schen Ver­nich­tungs­lager.

»Umkämpfte Ver­gan­genheit«, bis 29. Juli, Mo.-Fr., 10 bis 17 Uhr im Haus der Demo­kratie, Greifs­walder Str. 4. Der Ein­tritt ist frei

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2011%2F07%2F22%2Fa0156&cHash=562f9a55cb

Peter Nowak


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