Rechter Diskurs im Wahlkampf

Während Union und FDP mit der AfD darüber streiten, wer schneller Flücht­linge abschiebt, musste in Hamburg eine Kan­di­datin der Linken zurück­treten, weil sie bei Facebook nach Filmen wie Ing­lou­rious Bas­terds gefragt hat

Die Schlag­zeile hörte sich an, als würde die Bild­zeitung eine AfD-For­derung ver­breiten. Doch dann war es der FDP-Vor­sit­zende Lindner, der sich mit der popu­lis­ti­schen Parole »Alle Flücht­linge müssen zurück«[1] in der Bou­le­vard­presse zitieren ließ.

Im Focus[2] konnte man erfahren, dass es sich um Geflüchtete aus Afgha­nistan handelt und dass Lindner schon öfter die Union in der Flücht­lings­frage von rechts kri­ti­siert hatte. Von der Linken kam gleich die Schelte, Linder überhole den AfD-Rechts­außen Gauland noch von rechts. Dafür bekam Lindner Lob und Aner­kennung von der Union und der CSU. Der CDU-Vize Stefan Har­barth freute sich, dass Linder nun das Pro­gramm der Union über­nommen habe.

Nun vergeht kaum ein Tag, an dem sich die Bild­zeitung nicht einem AfD-Sprachrohr gleich geriert. Als in der letzten Woche acht afgha­nische Migranten in einer Boing-Maschine nach Afgha­nistan abge­schoben wurden, waren Men­schen­rechtler und zivil­ge­sell­schaft­liche Orga­ni­sa­tionen wie Pro-Asyl ent­setzt, wie zu Wahl­kampf­zwecken mit dem Schicksal von Men­schen gespielt wurde.

Die Bou­le­vard­zeitung titelte[3]: »Kri­mi­nelle aus Deutschland abge­schoben – Hier kommen die Ver­brecher in Afgha­nistan an.« Vorher lautete die Schlag­zeile schon »Abschie­be­flieger voller Sex­täter«. Der rechts­po­pu­lis­tische Ein­schlag ist selbst von ein­schlä­gigen Medien kaum zu toppen. Diese fast täg­liche Pro­pa­ganda von Bild und Co ist Aus­druck eines rechten Dis­kurses im Wahl­kampf, wo Abschie­bungen von Flücht­lingen ein zen­trales Thema sind.

Es spielte auch beim soge­nannten Kanz­ler­duell eine wichtige Rolle. Hier wurden der AfD die Stich­worte geliefert. Es sieht manchmal so aus, als bestünde der Großteil des Wahl­kampfes darin, dass die AfD die Fragen stellt und alle anderen Poli­tiker ant­worten. Da ist es nicht ver­wun­derlich, dass sich die Rechts­partei in den Umfragen wieder auf ein zwei­stel­liges Ergebnis hoch­ge­ar­beitet hat.

Wenn ein AfD-Poli­tiker zum Experten linker Gewalt wird

Neben dem Kampf gegen Flücht­linge und den Islam hat die AfD den Kampf gegen die Linke zu ihrem zen­tralen Wahl­kampf­thema gemacht. Es gibt dazu mehrere Motive. Und genau in dieser Zeit bekommt sie eine Art Gra­tis­werbung vom ZDF. »Radikale Linke – die unter­schätzte Gefahr«[4] lautet der Titel einer ZDF-Sendung in der letzten Woche.

Als wis­sen­schaft­licher Experte zum Thema linke Gewalt kommt mit Karsten Dustin Hoffmann ein Bur­schen­schaftler und AfD-Poli­tiker zu Wort. Bemer­kenswert ist, dass damit ein Reporter den Rechten eine Bühne bereitet, der für Recher­che­filme über das rechte Spektrum bekannt ist[5] und sich damit einen guten Namen gemacht hat, und deshalb auch linke Akti­visten wie Bernd Langer für die Mit­arbeit an dem Beitrag[6] gewinnen konnte. Langer war vom Resultat ( »dem­ago­gi­scher Film«, »Pro­pa­gan­dafilm«, »ZDF-Feindpropaganda«[7]) über­rascht.


Frage nach »anti­deut­schen Film­emp­feh­lungen« – Linke zum Rück­tritt auf­ge­fordert

Während sich FDP, Union und AfD darum streiten, wer das Copy­right auf eine Politik hat, in der in jeden Satz einmal das Wort »Abschieben und Sex­täter« vor­kommt, musste in Hamburg die 24jährige Sarah Rambatz von ihrem Lis­ten­platz bei der Ham­burger Linken zurück­treten.

Sie hatte sich nicht am Wett­bewerb, wie schiebe ich Flücht­linge schneller ab, beteiligt, sondern über eine nicht­öf­fent­liche Face­book­seite nach »antideutsche(n) Film­emp­feh­lungen? & grund­sätzlich alles wo Deutsche sterben« erkundigt[8]. Die Nach­richt über Posting ver­breitete sich schnell in sozialen und klas­si­schen Medien[9].

Die Junge Freiheit[10] und andere rechten Medien sorgten dafür, dass Rambatz einem Shit­storm aus­ge­setzt war[11] In der eigenen Partei bekam sie nicht etwa Unter­stützung gegen diese rechten Angriffe, sondern wurde dort beschimpft, weil sie die Wahl­chancen schmälere.

In der Zeit, in der Rambatz üble Nazi­dro­hungen bekam, hatte der Ham­burger Lan­des­verband nichts Bes­seres zu tun, als ihr zu attes­tieren, sie ver­trete keine linke Position. Der Linken-Poli­tiker Fabio De Masi[12] wollte gar »das kalte Kotzen« bekommen[13], wenn eine Kol­legin nach einem Film fragt, in dem Deutsche sterben.

Linke wie De Masi oder der Ham­burger Lan­des­vor­stand der Links­partei, die nicht in der Lage sind, eine junge Kol­legin zu unter­stützen, die ange­griffen wird, weil sie indi­vi­duelle Film­wünsche geäußert hat und viel­leicht Ing­lou­rious Basterds[14] sehen wollte, erweisen sich damit als poli­tisch irrelevant und werden der Rechten bestimmt nichts ent­gegen setzen.

Peter Nowak
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[2] http://​ww​.focus​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​b​u​n​d​e​s​t​a​g​s​w​a​h​l​k​a​m​p​f​-​f​d​p​-​c​h​e​f​-​l​i​n​d​n​e​r​-​w​i​l​l​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​e​-​n​a​c​h​-​k​r​i​e​g​s​e​n​d​e​-​z​u​r​u​e​c​k​s​c​h​i​c​k​e​n​_​i​d​_​7​5​6​2​5​8​9​.html
[3] http://​www​.bild​.de/​r​e​g​i​o​n​a​l​/​d​u​e​s​s​e​l​d​o​r​f​/​a​b​s​c​h​i​e​b​u​n​g​/​k​r​i​m​i​n​e​l​l​e​-​a​f​g​h​a​n​e​n​-​a​b​g​e​s​c​h​o​b​e​n​-​5​3​1​9​1​4​1​6​.​b​i​l​d​.html
[4] https://​www​.zdf​.de/​d​o​k​u​m​e​n​t​a​t​i​o​n​/​z​d​f​i​n​f​o​-​d​o​k​u​/​r​a​d​i​k​a​l​e​-​v​o​n​-​l​i​n​k​s​-​d​i​e​-​u​n​t​e​r​s​c​h​a​e​t​z​t​e​-​g​e​f​a​h​r​-​1​0​2​.html
[5] https://​www​.jun​gewelt​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​1​8​3​3​0​.​p​o​l​i​z​e​i​-​m​a​r​s​c​h​i​e​r​t​-​a​u​f​.html
[6] http://​www​.pres​se​portal​.de/​p​m​/​7​8​4​0​/​3​6​87012
[7] https://​www​.jun​gewelt​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​1​8​3​3​0​.​p​o​l​i​z​e​i​-​m​a​r​s​c​h​i​e​r​t​-​a​u​f​.html
[8] http://​meedia​.de/​2​0​1​7​/​0​9​/​0​7​/​g​r​u​n​d​s​a​e​t​z​l​i​c​h​-​a​l​l​e​s​-​w​o​-​d​e​u​t​s​c​h​e​-​s​t​e​r​b​e​n​-​l​i​n​k​e​n​-​k​a​n​d​i​d​a​t​i​n​-​t​r​i​t​t​-​n​a​c​h​-​a​n​t​i​d​e​u​t​s​c​h​e​m​-​f​a​c​e​b​o​o​k​-​p​o​s​t​-​z​u​r​ueck/
[9] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​4​2858/
[10] https://​jun​ge​freiheit​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​2​0​1​7​/​l​i​n​k​e​n​-​p​o​l​i​t​i​k​e​r​i​n​-​w​i​l​l​-​d​e​u​t​s​c​h​e​-​s​t​e​r​b​e​n​-​sehen
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