Ein neues Radiofeature bringt die Stimme der Antifaschistin Lore Wolf zurück

Erinnern heißt kämpfen

Lore Wolf blieb bis zu ihrem Lebensende politisch aktiv. Als Ende September 1985 der 36 jährige Antifaschist Günter Sare bei einer Protestdemonstration gegen die NPD im Frankfurter Gallusviertel von einem Wasserwerfer erfasst und getötet wurde, war es die über 85-Jährige, die noch in derselben Nacht eine Mahnwache anmeldete. Gemeinsam mit jungen Antifaschist*innen organisierte sie in den folgenden Tagen die Proteste. In einer Zeit, in der rechte Kräfte wieder erstarken, können Geschichten wie die von Lore Wolf auch heute inspirieren –

Ab Mitte der 1970er-Jahre eröffnete sich in der BRD für einige Jahre für NS-Widerstandskämpferinnen die Möglichkeit, ihre Erfahrungen einer größeren Öffentlichkeit zu vermitteln. Neben Peter Gingold, Emil Carlebach, Alfred Marchand und Willy Bleicher gehörte auch Lore Wolf zu den bekannten Rednerinnen auf Demonstrationen und Kongressen. Die Mitbegründerin der VVN hatte bereits 1973 mit dem Buch

… »Ein Leben ist viel zu wenig« ihre Geschichte von Widerstand und Verfolgung aufgeschrieben.

Tonbänder wiederentdeckt

Jüngst sorgte ein Zufallsfund dafür, dass Lore Wolf wieder bekannter wird. 1988 erstellte der Frankfurter Bildhauer Clemens Strugalla eine Büste von Wolf. Dabei entstand ein längeres Gespräch über ihr Leben. Die Tonbänder wurden nun wiederentdeckt. Der Radiojournalist Carlo Hoffmann nahm sie zur Grundlage für sein vierteiliges Radiofeature. Es beginnt mit dem Satz Hoffmanns: »Ein Bildhauer und eine Antifaschistin sitzen in einem Atelier.« Danach hört man Lore Wolf mit ihrer sanften Stimme: »Ich glaube, ich habe mein ganzes Leben lang gehungert! Der Erste Weltkrieg, Hunger. Dann die Revolution, dann die Inflation, dann die Arbeitslosigkeit, dann Amerika. Hunger. Dann die Sowjetunion. Und dann im Zuchthaus – was für ein Hunger! Dann komme ich heim, und es war immer noch Hunger.« Wir hören das Leben einer Arbeiterin, die sich mit 15 Jahren in der Gewerkschaft organisierte und zur Kommunistin wurde, weil sie die kapitalistische Ausbeutung täglich am eigenen Leib erfuhr. Lore Wolf berichtet davon, wie sie mit anderen Jugendlichen in ihrer Freizeit über Tarifverträge diskutierte, aber auch über eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung sprach und Texte von Marx, Engels und Lenin las. Das Hörstück zeichnet Wolfs Lebensweg über mehrere Kontinente nach. Sie berichtet über ihre Aufenthalte in den USA und der Sowjetunion. Im Gespräch 1988 kritisiert sie die Verbrechen Stalins deutlich. Sie spricht über Verhaftungen und Hinrichtungen, von denen auch enge Freundinnen betroffen waren. Dazu gehört ein kommunistisches Ehepaar aus Ungarn, mit dem Lore Wolf und ihr Mann nächtelang Schach gespielt hatten. Eines Tages wurde der Mann nach Moskau beordert und ohne Untersuchung erschossen. Diese offene Kritik am Stalinismus findet sich in ihrem Buch »Ein Leben ist viel zu wenig« nicht. Sehr anschaulich berichtet Wolf über ihren Widerstand gegen das NS-Regime, nachdem sie mit ihrem Mann im April 1933 aus der Sowjetunion nach Deutschland zurückgekehrt war. Sie engagierte sich
in der Roten Hilfe. Wolf schildert, wie es ihr gelang, auch linke Pfarrerinnen und Sozialdemokratinnen wie Johanna Kirchner für die gemeinsame Arbeit gegen den deutschen Faschismus zu gewinnen. Sie erzählt aber auch vom Verrat durch einen Genossen, der von der Gestapo erpresst wurde. Lore Wolf konnte als einzige ins damals noch von Deutschland unabhängige Saarland entkommen. Die Verhafteten erklärten, dass Wolf die Hauptverantwortung für die
antifaschistische Arbeit getragen habe. Nach der Nazibesetzung Frankreichs wurde auch Lore Wolf Opfer des faschistischen Terrors. Doch ihren Lebensmut verlor sie nicht. So berichtete sie, dass sich Gefängnisangestellte wunderten, als sie fast erleichtert reagierte, nachdem sie vom NSVolksgerichtshof zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden war – sie hatte mit der Todesstrafe gerechnet.
Wir erfahren in dem Feature auch von heute fast vergessenen Antifaschist*innen wie dem saarländischen Bergarbeiter und Gewerkschafter Sepp Wagner. Mit ihm hatte Wolf Ende der 1930er-Jahre an der deutschfranzösischen Grenze bei Forbach Luftballons mit antifaschistischen Flugblättern steigen lassen, die über die Grenze getragen wurden. Sie hofften, auf diese Weise der Nazipropaganda etwas entgegenzusetzen. Sepp Wagner wurde nach der Besetzung Frankreichs nach Nazideutschland deportiert und m 1. September 1943 in Plötzensee hingerichtet.


VVN Repressionen ausgesetzt

Im vierten, kürzesten Teil des Radiofeatures geht Carlo Hoffmann auf die Geschichte der VVN in der BRD ein. Er beschreibt, wie die Organisation, die nach der Zerschlagung des Faschismus zunächst großes Ansehen hatte, bald wieder politischen Repressionen ausgesetzt war. Einzelne Landesverbände wurden verboten, Büros durchsucht, sogar die Ehrung ermordeter Antifaschistinnen wurde von Behörden in Frankfurt am Main untersagt. Doch Lore Wolf blieb bis zu ihrem Lebensende politisch aktiv. Als Ende September 1985 der 36 jährige Antifaschist Günter Sare bei einer Protestdemonstration gegen die NPD im Frankfurter Gallusviertel von einem Wasserwerfer erfasst und getötet wurde, war es die über 85-Jährige, die noch in derselben Nacht eine Mahnwache anmeldete. Gemeinsam mit jungen Antifaschistinnen organisierte sie in den folgenden
Tagen die Proteste. In einer Zeit, in der rechte Kräfte wieder erstarken, können Geschichten wie die von Lore Wolf auch heute inspirieren – so wie vor 40 Jahren, als sie noch selbst als Zeitzeugin sprach. Die Wiederentdeckung der Aufnahmen ist ein Glücksfall.

Peter Nowak

Das 110-minütige Radiofeature, das
mit Unterstützung des DGB Frankfurt
am Main und der Rosa-LuxemburgStiftung realisiert wurde, wurde bei
den freien Sendern Radio Blau und
Radio Corax erstmals ausgestrahlt.
Es kann hier nachgehört werden:

radiocorax.de/lore-wolf-eineantifaschistin-erzaehlt.

Erstveröffentlichungsort: