Über viele Jahre gab es um diese Zeit fast immer Klagen über fehlenden Schnee. Auch in Berlin waren die Temperaturen selbst im Januar nicht selten in die Nähe von 10 Grad Plus gerückt. Schnee oder gar zugefrorene Binnengewässer schienen der Vergangenheit anzugehören. Bald hatte man auch eine scheinbar plausible theoretische Herleitung für den ausbleibenden Winter: die Klimaveränderung, besser gesagt, die Erderwärmung scheint der Grund zu sein. Das hört sich auf den ersten Blick auch sehr plausibel an. Wenn es wärmer sind, werden eben die Winter milder und die Sommer heißer. Doch da wird wie so oft Klima mit Wetter verwechselt. Gerade klimabewusste Menschen müssten auf diese Unterscheidung bestehen. Sonst geht es ihnen wie im Sommer 2025, der mit einigen Hitzetagen begann und dann doch regnerisch und kühl wurde. Wenn man dann wieder mal von Regenschauern aus den Parks vertrieben wurde, wurde schon mal die Frage geäußert: Wo bleibt die Erderwärmung, wenn man sie mal braucht? Nein, der kühle Sommer brachte der Umwelt- und Klimabewegung nicht den neuen Zulauf, den sich manche erhofften, nachdem den unterschiedlichen Gruppen von Fridays for Future über Extinction Rebellion bis zur Letzten Genration langsam die Luft ausgegangen war. Das ist nun mal das regelmäßige Auf und Ab von sozialen Bewegungen, das auch nicht dadurch außer Kraft gesetzt wird, wenn man seine theoretische Grundierung mit allerlei Apokalypse und Endzeiterwartung anreichert. Das ist allerdings für manche der Protagonisten tragisch, die dann tatsächlich glauben, sie wären die letzte Generation, die noch einen Planeten, auf dem es zu leben lohnt, kennengelernt haben. Dass es sich dabei um einen sehr spezifischen Blick aus der Perspektive des Mittelstands im globalen Norden handelt, hat der kritischere Teil des Klimaaktivismus schon erkannt, dass ihnen – Kipppunkte hin oder her – doch noch einige Möglichkeiten in der Gesellschaft offen stehen. Sie haben ihre Ausbildung abgeschlossen und arbeiten in verschiedenen Projekten, die wenigstens haben daher noch Zeit für Klimaaktivismus. Einige hatten sich einen Hitzesommer erhofft, damit sich das wieder ändert. Der verregnete Sommer 2025 war in diese Hinsicht, wie oben schon erläutert, völlig ungeeignet. Einige bekamen schon regelrecht Sympathie mit der Erderwärmung. Und nun erlebt zumindest der Osten Deutschland einen kalten und schneereichen Winter wie schon seit Jahren nicht mehr. Versagen des kapitalistischen Staates Nun war das kalte Wetter zumindest in Berlin keineswegs ein Wintermärchen. Vielmehr zeigte sich hier, dass ein kapitalistisch zugerichteter Staat auf einen kalten Winter gar nicht mehr eingestellt ist. Die Straßen wurden bald zu Rutschbahnen und die Notaufnahmen von Krankenhäusern und die Arztpraxen füllten sich mit Menschen, die ihre Verletzungen nach den Stürzen behandeln lassen mussten. Die Verpflichtung, dass die Eigentümer die Gehwege vor ihren Grundstücken von Schnee und Eis freihalten mussten, wurde aktuell weitgehend missachtet. Der Staat hat kein Personal, um die Verpflichtung umzusetzen oder Verstöße dagegen zu ahnden. Das ist aber nun kein Naturgesetz, sondern eine Folge der sogenannten Verschlankung der Staatsorgane, mit der alle möglichen Dienstleistungen privatisiert und Angestellte entlassen wurden. Das ist die Konsequenz einer wirtschaftsliberalen Ideologie, für die Aufgaben in staatlicher oder kommunaler Hand schon fast als Kommunismus gilt. So wurden lebenswichtige Aufgaben ausgelagert und privatisiert. Das Resultat sehen wir jetzt im Winter in Berlin und auch anderswo. An vielen Stellen ist auch auf städtischem Grund und Boden niemand da, der streut oder Eis und Schnee räumt. So wird die Stadt vor allem für Menschen mit wenig Geld, für arme und kranke Menschen, zur gesundheitsgefährdenden Rutschbahn. Viele verlassen daher kaum noch ihre Wohnungen, was zum weiteren Boom von Lieferdiensten führt, die auch im Winter trotz schlechter Bezahlung schuften müssen. Dass auch in einer kapitalistischen Stadt ein Winterdienst möglich ist, zeigte sich bis in die 1990er Jahre in Westberlin. Damals war es ein beliebter Job vor allem von Studierenden, sich um das Freihalten von Eis und Schnee auf einem bestimmten öffentlichen Straßenraum zwischen U- und S-Bahnen zu kümmern. Sie bekamen für jeden Einsatz 50 DM und eine monatliche Pauschale zwischen Oktober und April, den Monaten in denen Bodenfrost vor allem nachts in unseren Breitengraden möglich ist. Die Pauschale bekamen sie deshalb, weil sie vom Oktober bis April die Stadt nicht verlassen durften, wenn Frostgefahr bestand. Schließlich mussten sie auch den ihnen zugewiesenen Straßenabschnitt streuen, wenn Glatteisgefahr bestand. Wenn Straßenbäume wichtiger sind als gebrochene Arme und Beine Diese Regelung sorgte dafür, dass zumindest die öffentlichen Straßen auch bei Winterwetter gut passierbar waren. Im Rahmen einer wirtschaftsliberalen Politik wurden diese Maßnahmen immer mehr eingeschränkt. Es ging darum, solche Aufgaben an möglichst günstige Anbieter abzugeben. Die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verschlechterten sich und so wird Berlin bei einem Winterwetter, wie es einmal im Januar üblich war, zur Gefahrenzone für viele Menschen. Deswegen zog dann der Berliner Senat am 30. Januar Woche die Notbremse und erlaubte mittels einer Allgemeinverfügung die Verwendung von Tausalz auf den vereisten Straßen. Es ist richtig, wenn Naturschutzverbände wie der BUND darauf verweisen, dass es sich dabei um keine optimale Lösung handelt und eine zuverlässige Schneeräumung nicht ersetzen kann. Es wäre auch richtig, eine wirtschaftsliberale Politik zu benennen, die eine solche Beräumung verhindert. Unverständlich ist es hingegen, wenn der Nabu dann mit der Justiz gegen diese Allgemeinverfügung vorgeht und es als Erfolg feierte, dass das Berliner Verwaltungsgericht die Verfügung kippte, weil die gesetzliche Grundlage fehle. Die zuständige Senatorin reagierte in einer mit Phrasen gespickten Pressemitteilung: „Mit Blick auf die aktuelle und vorhergesagte Wetterlage werde ich im Rahmen der exekutiven Möglichkeiten weiterhin alle mir zu Verfügung stehenden Mittel nutzen, damit sich die Berlinerinnen und Berliner möglichst sicher fortbewegen können.“ Nicht besser ist die Pressemitteilung des Nabu, die vor allem hervorhebt, dass für eine Allgemeinverfügung zur Aufhebung des Verbots von Streusatz in ganz Berlin keine Veranlassung bestehe. Gebrochene Gliedmaßen und andere Verletzungen sind für diesen Naturschutzbund keine Ausnahmezustand. Schließlich geht es dem Nabu um Grundsätzlicheres: „Streusalz gelangt über den Boden in Pflanzen, stört deren Nährstoffhaushalt und verursacht oft zeitverzögert Schäden, etwa an Straßenbäumen. Auch Tiere leiden, beispielsweise an entzündeten Pfoten. Zudem trägt Streusalz zur Versalzung des Grundwassers bei und verursacht erhebliche Folgekosten durch Korrosionsschäden.“ Hier wird in wenigen Sätzen deutlich, wie ein bestimmtes Verständnis von Natur und Ökologie zur Menschenfeindlichkeit führt. Während die realen Verletzungen von Stürzen auf eisglatter Straße für den Nabu nicht erwähnenswert sin, wird über zeitverzögerte mögliche Schäden für Straßenbäume und Tierpfoten philosophiert. Nun können Straßenbäume schnell ersetzt werden und sind kein Naturdenkmal wie der alte Ginkgobaum im Park der Marburger Universität, der in dem sehenswerten Film Silent Friend die Hauptrolle spielt. Zudem werden in der Nabu-Erklärung mögliche Schäden an Tierpfoten höher gewichtet als reale Verletzungen an den Gliedmaßen der Menschen. Es wäre schon interessant, diese Begründungen in den Arztpraxen und Notfallaufnahmen zu verlesen, wo die Opfer des Winters in Berlin auf Behandlung warten. Mittelstandsnaturschutz gegen Interessen der Bevölkerung Die Diktion in der Nabu-Erklärung ist durchaus typisch für einen Mittelstands-Naturschutz, der mit dem Verweis auf Bäume und Tierpfoten das Leben der Menschen reglementieren will. Dahinter steckt eine Ideologie, die alles und jedes mit dem CO2-Rechner zu Leibe rücken will. Da wird dann nicht nur jede Reise, jedes Essen, jede Freizeitaktivität des Menschen daran gemessen. Auch die Tiere kommen dabei nicht immer gut weg. So veröffentlichte die Taz kürzlich einen Artikel über den CO2-Fußabdruck des Haushundes unter dem moralisierenden Titel: „Dein Hund, das Klimaschwein“. „Immer wieder nehmen sich Forscher:innen die Ökobilanz von Hunden vor, beispielsweise berücksichtigte eine Arbeit der Technischen Universität Berlin 2020 neben dem Herstellungs- und Lieferprozess des Futters auch ökologische Kosten, die etwa Urin und Kot verursachen. Berechnungsbasis war ein 15 Kilogramm schwerer Modellhund, der 13 Jahre alt wird. Ergebnis: Solch ein Hundeleben erzeugt 8,2 Tonnen Treibhausgas, so viel wie bei 13 Hin- und Rückflügen von Berlin nach Barcelona freigesetzt werden. Oder so viel wie 72.800 Autokilometer, also fast zwei Erdumrundungen.“ Ist es da nicht verständlich, wenn ein solcher paternalistischer Mittelstandsnaturschutz bei vielen Menschen auf wenig Sympathie stößt? Das Bedauerliche dabei ist, dass dann nicht nur ein Mittelstandsnaturschutz a la Nabu, Deutsche Umwelthilfe etc. nicht besonders gelitten ist. Oft wird dann auch gleich ein progressiver Klimaaktivmus mit abgewatscht. Dazu gehören beispielsweise Initiativen, die wie VW heißt Verkehrswende oder die Zukunftswerkstatt Osnabrück für eine Umstellung der Produktion von Autos oder gar Rüstungsgütern zu Bahnen und Bussen anstreben. Wie in dem im Verlag „Die Buchmacherei“ erschienenen Band „Nehmen wir das Leben selbst in die Hand“ beschrieben wird, werden hier die Beschäftigten bei VW und anderen Betrieben nicht von oben herab belehrt. Es werden auch keine Gerichtsurteile angestrebt, in denen im Namen von Stadtbäumen oder Tierpfoten in das Leben der Menschen eingegriffen wird. Vielmehr haben sich die Aktivisten zwei Jahre in der VW-Stadt Wolfsburg eingemietet und sind in Kontakt mit Bewohnern und VW-Beschäftigten gekommen. Das Buch zeigt, dass diese Bemühungen nicht erfolgreich waren. Wenn Vulkangruppen gegen Stromnetz und Züge vorgehen Natürlich werden solche Bestrebungen nicht einfacher, wenn es dann dubiose Initiativen wie die Vulkangruppen gibt, die mit Anschlägen auf das Stromnetz wie Anfang Januar in Berlin dafür sorgen, dass im kalten Winter tausende Menschen ohne Elektrizität sind. Eine solche Aktion trägt natürlich nur dazu bei, dass die Menschen den Staat als Retter sehen, denn er muss dafür sorgen, dass die Leitungen repariert werden, damit der Strom wieder fließen kann. Und das will eine Gruppe nicht bedacht haben, die sich selbst irgendwie im anarchistischen Spektrum ansiedelt? Sie müsste doch eigentlich mit ihren Aktionen das Ziel haben, die Selbsttätigkeit der Menschen jenseits des Staats zu fördern? Wie soll das aber möglich sein bei einem Angriff auf das Stromnetz? In der Vergangenheit haben Gruppen mit ähnlicher Bezeichnung auch schon Anschläge durchgeführt, die dazu führten, dass Bahnen und Züge nicht fuhren. Was ist die Folge? Die Menschen nutzten dann doch wieder ihr Auto. Und das zu einer Zeit, wo Gruppen aus der Klimabewegung den Umstieg vieler Menschen vom Auto auf den Öffentlichen Nahverkehr auch aus ökologischen Gründen propagieren. Da fragt man sich schon, welchem Ziel dann die ominösen Vulkangruppen dienen, die sich im Übrigen wie die unterschiedlichen Stellungnahmen nahelegen, selbst nicht einig sind, ob der Anschlag auf das Stromnetz überhaupt von ihnen kommt oder nicht. Ob sich das klären lässt, ist offen. Klar ist auf jeden Fall, auch die Aktionen dieser Gruppen sorgen objektiv dafür, dass es progressiver Klimaaktivismus schwerer hat, mit seinen Zielen durchzudringen. Peter Nowak
Winter in Berlin
Während die realen Verletzungen von Stürzen auf eisglatter Straße für den Nabu nicht erwähnenswert sin, wird über zeitverzögerte mögliche Schäden für Straßenbäume und Tierpfoten philosophiert. Nun können Straßenbäume schnell ersetzt werden und sind kein Naturdenkmal wie der alte Ginkgobaum im Park der Marburger Universität, der in dem sehenswerten Film Silent Friend die Hauptrolle spielt. Zudem werden in der Nabu-Erklärung mögliche Schäden an Tierpfoten höher gewichtet als reale Verletzungen an den Gliedmaßen der Menschen. Es wäre schon interessant, diese Begründungen in den Arztpraxen und Notfallaufnahmen zu verlesen, wo die Opfer des Winters in Berlin auf Behandlung warten. Das Bedauerliche dabei ist, dass dann nicht nur ein Mittelstandsnaturschutz a la Nabu, Deutsche Umwelthilfe etc. nicht besonders gelitten ist. Oft wird dann auch gleich ein progressiver Klimaaktivmus mit abgewatscht.
Über viele Jahre gab es um diese Zeit fast immer Klagen über fehlenden Schnee. Auch in Berlin waren die Temperaturen selbst im Januar nicht selten in die Nähe von 10 Grad Plus gerückt. Schnee oder gar zugefrorene Binnengewässer schienen der Vergangenheit anzugehören. Bald hatte man auch eine scheinbar plausible theoretische Herleitung für den ausbleibenden Winter: …
… die Klimaveränderung, besser gesagt, die Erderwärmung scheint der Grund zu sein. Das hört sich auf den ersten Blick auch sehr plausibel an. Wenn es wärmer sind, werden eben die Winter milder und die Sommer heißer. Doch da wird wie so oft Klima mit Wetter verwechselt. Gerade klimabewusste Menschen müssten auf diese Unterscheidung bestehen. Sonst geht es ihnen wie im Sommer 2025, der mit einigen Hitzetagen begann und dann doch regnerisch und kühl wurde. Wenn man dann wieder mal von Regenschauern aus den Parks vertrieben wurde, wurde schon mal die Frage geäußert: Wo bleibt die … Erderwärmung, wenn man sie mal braucht?
Nein, der kühle Sommer brachte der Umwelt- und Klimabewegung nicht den neuen Zulauf, den sich manche erhofften, nachdem den unterschiedlichen Gruppen von Fridays for Future über Extinction Rebellion bis zur Letzten Genration langsam die Luft ausgegangen war. Das ist nun mal das regelmäßige Auf und Ab von sozialen Bewegungen, das auch nicht dadurch außer Kraft gesetzt wird, wenn man seine theoretische Grundierung mit allerlei Apokalypse und Endzeiterwartung anreichert. Das ist allerdings für manche der Protagonisten tragisch, die dann tatsächlich glauben, sie wären die letzte Generation, die noch einen Planeten, auf dem es zu leben lohnt, kennengelernt haben.
Dass es sich dabei um einen sehr spezifischen Blick aus der Perspektive des Mittelstands im globalen Norden handelt, hat der kritischere Teil des Klimaaktivismus schon erkannt, dass ihnen – Kipppunkte hin oder her – doch noch einige Möglichkeiten in der Gesellschaft offen stehen. Sie haben ihre Ausbildung abgeschlossen und arbeiten in verschiedenen Projekten, die wenigstens haben daher noch Zeit für Klimaaktivismus. Einige hatten sich einen Hitzesommer erhofft, damit sich das wieder ändert. Der verregnete Sommer 2025 war in diese Hinsicht, wie oben schon erläutert, völlig ungeeignet. Einige bekamen schon regelrecht Sympathie mit der Erderwärmung. Und nun erlebt zumindest der Osten Deutschland einen kalten und schneereichen Winter wie schon seit Jahren nicht mehr.
Versagen des kapitalistischen Staates
Nun war das kalte Wetter zumindest in Berlin keineswegs ein Wintermärchen. Vielmehr zeigte sich hier, dass ein kapitalistisch zugerichteter Staat auf einen kalten Winter gar nicht mehr eingestellt ist. Die Straßen wurden bald zu Rutschbahnen und die Notaufnahmen von Krankenhäusern und die Arztpraxen füllten sich mit Menschen, die ihre Verletzungen nach den Stürzen behandeln lassen mussten.
Die Verpflichtung, dass die Eigentümer die Gehwege vor ihren Grundstücken von Schnee und Eis freihalten mussten, wurde aktuell weitgehend missachtet. Der Staat hat kein Personal, um die Verpflichtung umzusetzen oder Verstöße dagegen zu ahnden. Das ist aber nun kein Naturgesetz, sondern eine Folge der sogenannten Verschlankung der Staatsorgane, mit der alle möglichen Dienstleistungen privatisiert und Angestellte entlassen wurden. Das ist die Konsequenz einer wirtschaftsliberalen Ideologie, für die Aufgaben in staatlicher oder kommunaler Hand schon fast als Kommunismus gilt.
So wurden lebenswichtige Aufgaben ausgelagert und privatisiert. Das Resultat sehen wir jetzt im Winter in Berlin und auch anderswo. An vielen Stellen ist auch auf städtischem Grund und Boden niemand da, der streut oder Eis und Schnee räumt. So wird die Stadt vor allem für Menschen mit wenig Geld, für arme und kranke Menschen, zur gesundheitsgefährdenden Rutschbahn. Viele verlassen daher kaum noch ihre Wohnungen, was zum weiteren Boom von Lieferdiensten führt, die auch im Winter trotz schlechter Bezahlung schuften müssen.
Dass auch in einer kapitalistischen Stadt ein Winterdienst möglich ist, zeigte sich bis in die 1990er Jahre in Westberlin. Damals war es ein beliebter Job vor allem von Studierenden, sich um das Freihalten von Eis und Schnee auf einem bestimmten öffentlichen Straßenraum zwischen U- und S-Bahnen zu kümmern. Sie bekamen für jeden Einsatz 50 DM und eine monatliche Pauschale zwischen Oktober und April, den Monaten in denen Bodenfrost vor allem nachts in unseren Breitengraden möglich ist. Die Pauschale bekamen sie deshalb, weil sie vom Oktober bis April die Stadt nicht verlassen durften, wenn Frostgefahr bestand. Schließlich mussten sie auch den ihnen zugewiesenen Straßenabschnitt streuen, wenn Glatteisgefahr bestand.
Wenn Straßenbäume wichtiger sind als gebrochene Arme und Beine
Diese Regelung sorgte dafür, dass zumindest die öffentlichen Straßen auch bei Winterwetter gut passierbar waren. Im Rahmen einer wirtschaftsliberalen Politik wurden diese Maßnahmen immer mehr eingeschränkt. Es ging darum, solche Aufgaben an möglichst günstige Anbieter abzugeben. Die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verschlechterten sich und so wird Berlin bei einem Winterwetter, wie es einmal im Januar üblich war, zur Gefahrenzone für viele Menschen.
Deswegen zog dann der Berliner Senat am 30. Januar Woche die Notbremse und erlaubte mittels einer Allgemeinverfügung die Verwendung von Tausalz auf den vereisten Straßen. Es ist richtig, wenn Naturschutzverbände wie der BUND darauf verweisen, dass es sich dabei um keine optimale Lösung handelt und eine zuverlässige Schneeräumung nicht ersetzen kann. Es wäre auch richtig, eine wirtschaftsliberale Politik zu benennen, die eine solche Beräumung verhindert. Unverständlich ist es hingegen, wenn der Nabu dann mit der Justiz gegen diese Allgemeinverfügung vorgeht und es als Erfolg feierte, dass das Berliner Verwaltungsgericht die Verfügung kippte, weil die gesetzliche Grundlage fehle.
Die zuständige Senatorin reagierte in einer mit Phrasen gespickten Pressemitteilung: „Mit Blick auf die aktuelle und vorhergesagte Wetterlage werde ich im Rahmen der exekutiven Möglichkeiten weiterhin alle mir zu Verfügung stehenden Mittel nutzen, damit sich die Berlinerinnen und Berliner möglichst sicher fortbewegen können.“ Nicht besser ist die Pressemitteilung des Nabu, die vor allem hervorhebt, dass für eine Allgemeinverfügung zur Aufhebung des Verbots von Streusatz in ganz Berlin keine Veranlassung bestehe. Gebrochene Gliedmaßen und andere Verletzungen sind für diesen Naturschutzbund keine Ausnahmezustand. Schließlich geht es dem Nabu um Grundsätzlicheres:
„Streusalz gelangt über den Boden in Pflanzen, stört deren Nährstoffhaushalt und verursacht oft zeitverzögert Schäden, etwa an Straßenbäumen. Auch Tiere leiden, beispielsweise an entzündeten Pfoten. Zudem trägt Streusalz zur Versalzung des Grundwassers bei und verursacht erhebliche Folgekosten durch Korrosionsschäden.“
Hier wird in wenigen Sätzen deutlich, wie ein bestimmtes Verständnis von Natur und Ökologie zur Menschenfeindlichkeit führt. Während die realen Verletzungen von Stürzen auf eisglatter Straße für den Nabu nicht erwähnenswert sin, wird über zeitverzögerte mögliche Schäden für Straßenbäume und Tierpfoten philosophiert. Nun können Straßenbäume schnell ersetzt werden und sind kein Naturdenkmal wie der alte Ginkgobaum im Park der Marburger Universität, der in dem sehenswerten Film Silent Friend die Hauptrolle spielt. Zudem werden in der Nabu-Erklärung mögliche Schäden an Tierpfoten höher gewichtet als reale Verletzungen an den Gliedmaßen der Menschen. Es wäre schon interessant, diese Begründungen in den Arztpraxen und Notfallaufnahmen zu verlesen, wo die Opfer des Winters in Berlin auf Behandlung warten.
Mittelstandsnaturschutz gegen Interessen der Bevölkerung
Die Diktion in der Nabu-Erklärung ist durchaus typisch für einen Mittelstands-Naturschutz, der mit dem Verweis auf Bäume und Tierpfoten das Leben der Menschen reglementieren will. Dahinter steckt eine Ideologie, die alles und jedes mit dem CO2-Rechner zu Leibe rücken will. Da wird dann nicht nur jede Reise, jedes Essen, jede Freizeitaktivität des Menschen daran gemessen. Auch die Tiere kommen dabei nicht immer gut weg. So veröffentlichte die Taz kürzlich einen Artikel über den CO2-Fußabdruck des Haushundes unter dem moralisierenden Titel: „Dein Hund, das Klimaschwein“.
„Immer wieder nehmen sich Forscher:innen die Ökobilanz von Hunden vor, beispielsweise berücksichtigte eine Arbeit der Technischen Universität Berlin 2020 neben dem Herstellungs- und Lieferprozess des Futters auch ökologische Kosten, die etwa Urin und Kot verursachen. Berechnungsbasis war ein 15 Kilogramm schwerer Modellhund, der 13 Jahre alt wird. Ergebnis: Solch ein Hundeleben erzeugt 8,2 Tonnen Treibhausgas, so viel wie bei 13 Hin- und Rückflügen von Berlin nach Barcelona freigesetzt werden. Oder so viel wie 72.800 Autokilometer, also fast zwei Erdumrundungen.“
Ist es da nicht verständlich, wenn ein solcher paternalistischer Mittelstandsnaturschutz bei vielen Menschen auf wenig Sympathie stößt?
Das Bedauerliche dabei ist, dass dann nicht nur ein Mittelstandsnaturschutz a la Nabu, Deutsche Umwelthilfe etc. nicht besonders gelitten ist. Oft wird dann auch gleich ein progressiver Klimaaktivmus mit abgewatscht. Dazu gehören beispielsweise Initiativen, die wie VW heißt Verkehrswende oder die Zukunftswerkstatt Osnabrück für eine Umstellung der Produktion von Autos oder gar Rüstungsgütern zu Bahnen und Bussen anstreben. Wie in dem im Verlag „Die Buchmacherei“ erschienenen Band „Nehmen wir das Leben selbst in die Hand“ beschrieben wird, werden hier die Beschäftigten bei VW und anderen Betrieben nicht von oben herab belehrt. Es werden auch keine Gerichtsurteile angestrebt, in denen im Namen von Stadtbäumen oder Tierpfoten in das Leben der Menschen eingegriffen wird. Vielmehr haben sich die Aktivisten zwei Jahre in der VW-Stadt Wolfsburg eingemietet und sind in Kontakt mit Bewohnern und VW-Beschäftigten gekommen. Das Buch zeigt, dass diese Bemühungen nicht erfolgreich waren.
Wenn Vulkangruppen gegen Stromnetz und Züge vorgehen
Natürlich werden solche Bestrebungen nicht einfacher, wenn es dann dubiose Initiativen wie die Vulkangruppen gibt, die mit Anschlägen auf das Stromnetz wie Anfang Januar in Berlin dafür sorgen, dass im kalten Winter tausende Menschen ohne Elektrizität sind. Eine solche Aktion trägt natürlich nur dazu bei, dass die Menschen den Staat als Retter sehen, denn er muss dafür sorgen, dass die Leitungen repariert werden, damit der Strom wieder fließen kann.
Und das will eine Gruppe nicht bedacht haben, die sich selbst irgendwie im anarchistischen Spektrum ansiedelt? Sie müsste doch eigentlich mit ihren Aktionen das Ziel haben, die Selbsttätigkeit der Menschen jenseits des Staats zu fördern? Wie soll das aber möglich sein bei einem Angriff auf das Stromnetz? In der Vergangenheit haben Gruppen mit ähnlicher Bezeichnung auch schon Anschläge durchgeführt, die dazu führten, dass Bahnen und Züge nicht fuhren. Was ist die Folge? Die Menschen nutzten dann doch wieder ihr Auto. Und das zu einer Zeit, wo Gruppen aus der Klimabewegung den Umstieg vieler Menschen vom Auto auf den Öffentlichen Nahverkehr auch aus ökologischen Gründen propagieren. Da fragt man sich schon, welchem Ziel dann die ominösen Vulkangruppen dienen, die sich im Übrigen wie die unterschiedlichen Stellungnahmen nahelegen, selbst nicht einig sind, ob der Anschlag auf das Stromnetz überhaupt von ihnen kommt oder nicht. Ob sich das klären lässt, ist offen. Klar ist auf jeden Fall, auch die Aktionen dieser Gruppen sorgen objektiv dafür, dass es progressiver Klimaaktivismus schwerer hat, mit seinen Zielen durchzudringen. Peter Nowak