Jan Schulze-Husmann et al. (Hrsg.): Streik doch einfach mit! 138 Tage Arbeitskampf beim Bundesanzeiger Verlag, Hamburg, VSA, 168 S., 12 €.

Widerständig im Betrieb

Publikation zeigt den 138-tägigen Streik beim Bundesanzeiger aus Sicht der Beschäftigten. Dieser Tage wurde die Publikation im Buchcafé der Verdi-Bundesverwaltung in Berlin vorgestellt. Dabei ging es insbesondere um die Frage, warum Beschäftigte des Verlags überhaupt zu einem 138-tägigen Warnstreik bereit waren.

Warum soll man ein Buch über einen monatelangen Streik lesen, der letztlich ergebnislos blieb? Diese Frage beantworten der Verdi-Gewerkschaftssekretär Jan Schulze-Husmann und der langjährige Betriebsvorsitzende bei der Bundesanzeiger Verlag GmbH, Peter Trinogga, im Vorwort: …

… »Wir versuchen eine Analyse der Vorgänge und richten dabei den Fokus auf besondere Aspekte dieser Auseinandersetzung.«

Kurz vor Weihnachten 2023 antwortete die Geschäftsleitung, dass sie nicht zu Verhandlungen bereit sei. Im Februar 2024 begannen über 160 Beschäftigte mit einem Warnstreik. »Sie dachten, sie würden höchstens zwei Tage draußen sein, dann wird es zu Verhandlungen kommen«, so Trinogga. Doch es wurden insgesamt 138 Tage. Dabei gab es immer wieder Pausen. Im Januar 2025 wurde der Ausstand ohne Ergebnis unterbrochen, nachdem die Zahl der Streikenden gesunken war.

Dieser Tage wurde die Publikation im Buchcafé der Verdi-Bundesverwaltung in Berlin vorgestellt. Dabei ging es insbesondere um die Frage, warum Beschäftigte des Verlags überhaupt zu einem 138-tägigen Warnstreik bereit waren. Der Verlag Bundesanzeiger, der zum Dumont-Konzern gehört, gibt das gleichnamige Amtsblatt heraus. Er verdiente mit Bekanntmachungen von Kapitalgesellschaften sowie von Amts- und Landgerichten viel Geld. Auch die Beschäftigten konnten lange von hohen Löhnen und einer großzügigen Altersruhegeldregelung profitieren, wie Trinogga erläutert. Doch mit der elektronischen Veröffentlichung wurden die Löhne gekappt und auch die Altersruhegeldregelung massiv beschnitten. Dafür nahm die Anzahl der Leiharbeiter*innen im Betrieb zu.

Die Kölner Belegschaft wollte diese Verschlechterungen nicht hinnehmen und begann gemeinsam mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi den Kampf um einen Tarifvertrag. »Wir gingen davon aus, dass es schnell zu Verhandlungen mit dem Management kommt«, beschreibt Trinogga die Illusion, die sich die Beschäftigten machten.

Viele der Beteiligten kommen im Buch zu Wort und betonen, dass sie die Erfahrungen nicht missen wollen, die sie während des Streiks gemacht haben. Unterstützung bekamen sie von Politiker*innen von CDU, SPD, Grünen und der Linken. Den Grund dafür, dass auch dies das Management nicht beeindruckte, erfuhren die Streikenden später: »Wir hatten uns mit dem Dumont-Konzern angelegt«, sagt Trinogga. Weil dem nicht nur der Bundesanzeiger, sondern auch ein Großteil der Kölner Lokalpresse gehöre, sei dort über den längsten Streik in der Stadt auch kein Wort berichtet worden. Bundesweit schrieb vor allem die linke Presse über den Arbeitskampf, auch das »nd« wird im Buch lobend erwähnt.

Eine weitere Illusion war es der Publikation zufolge, zu stark auf den angeblich sozialpartnerschaftlichen Unternehmer zu vertrauen, wie es die SPD-Landtagsabgeordnete Lena Teschlade in einem Beitrag noch immer empfiehlt. Das Management reagierte mit Ausgrenzung und Diffamierung der Streikenden, wie Trinogga meint. Auch mit dem laut ihm rechtswidrigen Einsatz von Leiharbeiter*innen sei der Arbeitskampf geschwächt worden. »Wenn sich die Bedingungen nicht verbessern, wird der Streik wieder aufgenommen«, gibt sich Peter Trinogga überzeugt. Bei der nächsten Betriebsratswahl wird sich zeigen, ob es beim Bundesanzeiger noch eine Mehrheit gibt, die den Kampf um einen Tarifvertrag fortsetzen will. Peter Nowak