
Bitterkalt ist es am Sonntagnachmittag vor der Liebigstraße 14 im Nordkiez in Friedrichshain. Die 25 Menschen, die sich vor dem Haus eingefunden haben, tragen alle dicke Handschuhe. Die ziehen sie nur aus, um zu applaudieren. Vor dem Haus spielen Musiker*innen ein Open-Air-Konzert. Doch der Anlass der Zusammenkunft ist eigentlich traurig: Vor rund 15 Jahren, am 2. Februar 2011 wurde das damals …
… besetzte Haus mit einem großen Polizeiaufgebot geräumt.
»Es gab damals einen langen Kampf um das Haus. Daran wollen wir heute erinnern«, sagt Paul Geigerzähler. Der über Berlin hinaus bekannte Musiker ist seit vielen Jahren mit zahlreichen linken Hausprojekten verbunden. Gemeinsam mit Mary Ocher hat er zum 15. Räumungsjubiläum die Initiative für die Kundgebung ergriffen. Neben den musikalischen Einlagen wurde mit kurzen Redebeiträgen in Erinnerung gerufen, wie viele Versuche der Bewohner*innen es gegeben hatte, das Haus zu retten. So initiierten sie einen runden Tisch, an dem Bewohner*innen und Eigentümer*innen zu einem Kompromiss kommen sollten.
Doch der Versuch scheiterte, weil die Eigentümer nicht erschienen. So ist auch der Versuch einer Schweizer Stiftung, das Haus zu kaufen und für die Bewohner*innen zu erhalten, ins Leere gelaufen.
Die Räumung sorgte nicht nur bei den Bewohner*innen für Wut. Paul Geigerzähler erinnert daran, dass schon in den frühen Morgenstunden des 2. Februar 2011 Menschen in der Nachbarschaft gegen die Räumung protestierten. In den nächsten Tagen breiteten sich die Proteste und Demonstrationen in ganz Berlin aus. Sogar der Bundestag beschäftigte sich auf Antrag der FDP in einer aktuellen Stunde mit den Protesten. Sie prangerte dort »Ausschreitungen« und »Krawalle« an. In diesem Duktus wurde auch in den Boulevardmedien über die Räumung berichtet.
»Doch in der Friedrichshainer Nachbarschaft kamen diese Töne nicht an«, sagt Carsten Fuchs. »Ich wohne hier in der Nähe zur Miete, und ich habe auch die Bewohner*innen der Liebigstraße 14 als Mieter*innen gesehen, die wegen Profitgier und der Gerichte, die aufseiten der Eigentümer standen, ihre Wohnungen verloren haben.« Dem damaligen Eigentümer gehörten seinerzeit in der Nachbarschaft noch weitere Häuser, darunter auch bis zum Verkauf 2014 das Hausprojekt Rigaer94, um die Ecke von der geräumten Liebigstraße 14. Der neue Eigentümer versucht seither teilweise auch am Rande der Legalität die Rigaer94 zu räumen.
Dass die Räumung der Liebigstraße 14 Erfolg hatte, lag an einem Gerichtsurteil. Die zuständige Richterin sah in einer Stahltür, die die Bewohner*innen zum Schutz vor Nazi-Angriffen eingebaut hatten, einen Räumungsgrund. Am Montag wurde darüber informiert, dass diese Richterin, die auch für zahlreiche andere Räumungsurteile gegen Mieter*innen verantwortlich war, später wegen Nebentätigkeiten für die Immobilienwirtschaft in die Schlagzeilen geriet. Geigerzähler zieht ein gemischtes Fazit: »Die Bewohner*innen haben ihr Zuhause verloren.« Neun Jahre später, im Oktober 2020, sei dann auch das queerfeministische Hausprojekt in der Liebigstraße 34 geräumt worden.
Aber der Widerstand habe auch dazu beigetragen, dass später andere linke Projekte in Berlin wie der »Schokoladen« gerettet werden konnten. Zahlreiche Initiativen hätten sich in dieser Zeit gegründet. »Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Geschichte dieser Kämpfe nicht vergessen wird«, so Geigerzähler. Peter Nowak
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197337.hausprojekt-berlin-liebig-lebt-weiter.html