Bank, die Kunst und der Hunger


Face­book­pro­teste in Deutschland zwangen die Deutsche Bank zum Ein­lenken

Der Pres­se­sprecher der Deut­schen Bank hätte viel­leicht einmal googeln sollen, bevor er Inter­views gibt. Dann hätte erfahren, dass das Zentrum für poli­tische Schönheit keine kon­ven­tio­nellen Inter­views macht, in denen die Gesprächs­partner sich selber pro­du­zieren können. Bei dem Zentrum handelt sich nämlich um eine Schnitt­stelle zwi­schen Akti­ons­kunst und Poli­tak­ti­vismus. Spä­testens mit ihrer ver­suchten Ver­stei­gerung der Bun­des­kanz­lerin wurde es zu einem Medi­en­thema (s.a.: Rechts­staat gegen Schönheit?).

Jetzt haben die Akti­ons­künstler die Öffent­lichkeit zumindest im Internet wieder auf ihrer Seite. Haben Sie doch die Deutsche Bank zum Ein­lenken gezwungen. Sie wollte juris­tisch gegen einen 15minütigen Film­beitrag mit dem Titel Schuld – Die Bar­barei der Pri­vatheit vor­gehen. In dem stre­cken­weise sehr mora­li­schen Film ist auch ein Gespräch mit dem Pres­se­sprecher der Deut­schen Bank zu hören. Stein des Anstoßes war ein Aus­schnitt von knapp 90 Sekunden des Gesprächs, in dem dieser den Afri­kanern die Schuld an ihrer Armut gibt. Die Jus­ti­ziare der Deut­schen Bank for­derten zunächst die Ent­fernung des nicht­au­to­ri­sierten Gesprächs. Nachdem sich die Akti­ons­künstler wei­gerten und der Fall immer größere Wellen in der Öffent­lichkeit schlug, ver­zichtete die Deutsche Bank auf die ange­kün­digten juris­ti­schen Schritte. Tele­polis sprach mit dem Gründer des Zen­trums für poli­tische Schönheit Philipp Ruch über die Gründe.

Ist der Ver­zicht der Deut­schen Bank auf die Klage ein Erfolg der Inter­net­pro­teste?

Philipp Ruch: Das kann man so sehen. Nach Bekannt­werden eines Ein­griffs­ver­suchs der sonst so kunst­af­finen Deut­schen Bank in die Kunst­freiheit wurde der Film zum Gesprächs­thema Nummer 1 im Internet. Nach den ersten Agen­tur­mel­dungen über den Fall hagelte es Kritik auf der Facebook-Seite der Bank. Die Deutsche Bank wird aber eher wegen des Inter­esses von drei über­re­gio­nalen Zei­tungen ein­ge­lenkt haben. Sie dachte wohl, damit wäre die Sache aus der Welt.

Wurde nicht vor allen wegen der dro­henden Ein­griffe in die Kunst pro­tes­tiert?

Philipp Ruch: Die Kunst war nur der Anlass. Es ging von Anfang an um die unmo­ra­li­schen Geschäfte mit dem Hunger von Mil­lionen Men­schen. Bis heute hält der Pro­test­sturm an. Ich fürchte, die Bank wird sich bald erklären müssen.

Hätten Sie das Interview nicht auto­ri­sieren müssen?

Philipp Ruch: Ich bin kein Jurist. Es ist aber schon ver­wun­derlich, dass die Bank, die das Leben und die Rechte hun­dert­tau­sender Men­schen qua­li­tativ dra­ma­tisch ver­schlechtert, sich bei uns über die Ver­letzung von Gesetzen beschweren will.

Gab es Eini­gungs­ver­suche im Vorfeld?

Philipp Ruch: Wir hatten im Vorfeld Gespräche mit drei ver­schie­denen Abtei­lungen der Bank, in denen wir eine nicht­öf­fent­liche Einigung erzielen wollten. Alle drei Stellen ver­hielten sich dabei ziemlich merk­würdig. Ich habe selten erlebt, dass Men­schen, die pro­fes­sionell Öffent­lich­keits­arbeit betreiben wollen, so wenig Sen­si­bi­lität für die Bedeutung von Straf­an­zeigen seitens der Deut­schen Bank gegenüber Akti­ons­künstlern besitzen. Ins­be­sondere der Pres­se­sprecher kam uns zeit­weise wie eine schlechte Kopie von Achilles vor, der nicht weiß, wann man Gefühle zulässt und wann man schweigt. Er drohte mir ernsthaft mit zwei Jahren Gefängnis. Ich weiß ja nicht, in welchen Ländern er sich so her­um­treibt. Aber in jedem Fall wäre ihm eine Welt genehm, in der Men­schen für unliebsame Werke in Haft kommen.

Wie konnten Sie den Bank­sprecher über­haupt zu einem Interview gewinnen?

Philipp Ruch: Indem wir anriefen, uns als Doku­men­tar­film­re­porter zu erkennen gaben und nach einem Interview fragten. Danach hat er uns eine halbe Stunde mit dem Nutzen von Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­tionen voll­ge­quatscht. Dar­aufhin habe ich ihm vom Nutzen gigan­ti­scher Frei­luft­gulags vor­ge­schwärmt, die so groß sind wie Staaten. Da war dann erst mal Ruhe.

Hatten Sie Schwie­rig­keiten, Ver­treter aus Wirt­schaft und Politik vor die Kamera zu bekommen?

Philipp Ruch: Nein. Die großen Akteure warten darauf. Das Thema findet keine Beachtung. Das Zentrum für Poli­tische Schönheit nimmt sich generell nur schwersten Men­schen­rechts­ver­let­zungen an. Die sind allesamt »under-reported«, wie es im Eng­li­schen heißt. Wie kann es sein, dass Deutschland heute dritt­größter Waf­fen­händler der Welt ist? Wie kann es sein, dass im Kongo über sechs Mil­lionen Men­schen­leben ver­nichtet werden, ohne dass wir es mit­be­kommen?
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Peter Nowak


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