Banker gegen Kunst

Der Akti­ons­künstler Philipp Ruch über die Schwie­rig­keiten, wenn Pres­se­sprecher ihre Äuße­rungen zurück­nehmen wollen
Philipp Ruch ist Gründer des Zen­trums für Poli­tische Schönheit, in dem Akti­ons­künstler mit poli­ti­schen Akti­visten zusam­men­ar­beiten. Gegen ihren Film »Schuld – Die Bar­barei der Pri­vatheit« über Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­tionen wollte die Deutsche Bank juris­tisch vor­gehen. Peter Nowak sprach mit dem Akti­ons­künstler, der wie alle Mit­glieder des Zen­trums bei öffent­lichen Auf­tritten an Kohle- und Ruß­spuren erkennbar ist. Denn: Sie wühlen in den ver­brannten poli­ti­schen Hoff­nungen Deutsch­lands.
nd: Was störte die Deutsche Bank an Ihrem Film?
Die Passage ihres Pres­se­spre­chers Frank Hartmann, in der er die Men­schen in Somalia für ihre Armut selber ver­ant­wortlich machte.

Der Bank­konzern zog inzwi­schen seine Ankün­digung zurück. Ist das ein Erfolg der mas­siven Inter­net­pro­teste?
Das kann man so sehen. Nach Bekannt­werden eines Ein­griffs­ver­suchs der sonst so kunst­af­finen Deut­schen Bank in die Kunst­freiheit wurde der Film zum Gesprächs­thema Nummer 1 im Internet. Nach den ersten Agen­tur­mel­dungen über den Fall hagelte es Kritik auf der Facebook-Seite der Bank. Die Deutsche Bank wird aber eher wegen des Inter­esses von drei über­re­gio­nalen Zei­tungen ein­ge­lenkt haben.

Wurde nicht vor allen wegen der dro­henden Ein­griffe in die Kunst pro­tes­tiert?
Die Kunst war nur der Anlass. Es ging von Anfang an um die unmo­ra­li­schen Geschäfte mit dem Hunger von Mil­lionen Men­schen. Bis heute hält der Pro­test­sturm an. Ich fürchte, die Bank wird sich bald erklären müssen.

Gab es Eini­gungs­ver­suche?
Wir hatten im Vorfeld Gespräche mit drei ver­schie­denen Abtei­lungen der Bank, in denen wir eine nicht­öf­fent­liche Einigung erzielen wollten. Alle drei Stellen ver­hielten sich dabei ziemlich merk­würdig. Ich habe selten erlebt, dass Men­schen, die pro­fes­sionell Öffent­lich­keits­arbeit betreiben wollen, so wenig Sen­si­bi­lität für die Bedeutung von Straf­an­zeigen gegenüber Akti­ons­künstlern besitzen. Ins­be­sondere der Pres­se­sprecher kam uns zeit­weise wie eine schlechte Kopie von Achilles vor, der nicht weiß, wann man Gefühle zulässt und wann man schweigt. Er drohte mir ernsthaft mit zwei Jahren Gefängnis. Ich weiß ja nicht, in welchen Ländern er sich so her­um­treibt. Aber in jedem Fall wäre ihm eine Welt genehm, in der Men­schen für unliebsame Werke in Haft kommen.

Wie konnten Sie den Bank­sprecher über­haupt zu einem Interview gewinnen?
Indem wir anriefen, uns als Doku­men­tar­film­re­porter zu erkennen gaben und nach einem Interview fragten. Danach hat er uns eine halbe Stunde mit dem Nutzen von Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­tionen voll-gequatscht. Dar­aufhin habe ich ihm vom Nutzen gigan­ti­scher Frei­luft­gulags vor­ge­schwärmt, die so groß sind wie Staaten. Da war dann erst mal Ruhe.

Hatten Sie Schwie­rig­keiten, Ver­treter aus Wirt­schaft und Politik für den Film vor die Kamera zu bekommen?
Nein. Die großen Akteure warten darauf. Das Thema findet keine Beachtung. Das Zentrum für Poli­tische Schönheit nimmt sich generell nur schwersten Men­schen­rechts­ver­let­zungen an. Wie kann es sein, dass Deutschland heute dritt­größter Waf­fen­händler der Welt ist? Wie kann es sein, dass in Kongo über sechs Mil­lionen Men­schen­leben ver­nichtet werden, ohne dass wir es mit­be­kommen? Diese Fragen sind allesamt »under-reported«, wie es im Eng­li­schen heißt. Sprich – sie werden weit unter ihrer Bedeutung abge­bildet.
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Interview: Peter Nowak