Verhaftete Recherchehelfer und selbstgemachte Verliese der Journalisten

Der Whist­leb­lower für Wiki­leaks wurde in den USA ver­haftet. In Berlin dis­ku­tierten Jour­na­listen über den Fall und die Fallen, in der Jour­na­listen sitzen, wenn es um Recherche geht
Die Inter­net­plattform Wiki­leaks machte inter­na­tional Furore, als sie ein bisher geheimes Video über einen Hub­schrau­ber­einsatz von US-Sol­daten, bei dem im Herbst 2007 im Irak auch Zivi­listen starben, ins Netz stellte. Auf dem Video ist zu sehen, wie zwei Foto­jour­na­listen von den Sol­daten getötet werden (siehe »Schieß weiter, schieß weiter, schieß weiter, keep shoot’n«). Einer, als er schon ver­wundet abtrans­por­tiert werden sollte, und sich die Sol­daten hin­terher beglück­wünschten.

Jetzt hat das Video für den 22jährigen US-Sol­daten Bradley Manning juris­tische Folgen. Er wurde fest­ge­nommen, nicht weil er an der Schie­ßerei beteiligt war, sondern weil er das Video und weitere als geheim klas­si­fi­zierte Infor­ma­tionen an Wiki­leaks wei­ter­ge­leitet haben soll. Ein ehe­ma­liger Hacker, dem er sich anver­traute, sah die nationale Sicherheit in Gefahr und infor­mierte die Behörden.

Der Fall machte einmal mehr die Gefahren deutlich, denen Men­schen auch in demo­kra­ti­schen Ländern aus­ge­setzt sind, wenn sie Miss­stände öffentlich machen. Aller­dings wurde dieser aktuelle Fall nur kurz erwähnt, bei der von der Linken Medi­en­aka­demie und dem Verein Helle Panke am Diens­tag­abend im Ber­liner Taz-Café orga­ni­sierten Dis­kus­si­ons­runde zum Thema [http://www.rosalux.de/stiftung/veranstaltungsdetail/cal/event/2010/06/08//tx_cal_phpicalendar/recherchieren-ist-eine-zier-mehr-verdient-man-ohne-ihr/view-list%7Cpage_id-20280.html« Recher­chieren ist eine Zier, mehr ver­dient man ohne ihr?«]. Unter dem Alias-Namen Daniel Schmitt saß das deutsch­spra­chige Gesicht von Wiki­leaks mit am Tisch. Die Plattform wolle eine Ergänzung zu den übrigen Medien sein, betonte er.

Sind die Neon­jour­na­listen das Problem?

Thomas Leif vom Netzwerk Recherche kon­ze­dierte ihr diese Rolle wider­willig und ging dabei hart mit jungen »Neon­jour­na­listen« ins Gericht, die lieber viele Seiten über das Wohl­fühlen in der Bade­wanne voll­schreiben, als sich gesell­schaft­lichen Pro­blemen zu widmen. Eine Publi­kum­s­teil­neh­merin mokierte sich dar­aufhin über die räso­nie­rende Alt­her­ren­runde, die den modernen Jour­na­lismus nicht ver­stehe. Leif verwies dagegen auf die von ihm initi­ierten Recher­ches­ti­pendien für junge Jour­na­listen.

Damit hätte man zu der Frage kommen können, ob die Arbeits­be­din­gungen der meisten Jour­na­listen zeit- und geld­auf­wendige Recherchen über­haupt zulassen. Sind nicht die auch in der Dis­kus­si­ons­runde als Vor­bilder für einen inves­ti­ga­tiven Jour­na­lismus erwähnten »Edel­federn« einiger großer Zei­tungen dafür das beste Bei­spiel, weil sie durch ihre beson­deren Arbeits­be­din­gungen die Zeit und das Geld haben, das der Mehrheit der weniger bekannten Kol­legen für auf­wendige Recherchen fehlt?

Christian Bom­marius von der Ber­liner Zeitung bejahte diese Frage mit seinen Verweis auf den Alltag im Zei­tungs­be­trieb, wo der Redak­ti­ons­schluss und die finan­zielle Mitteln die Grenzen setzen.

Leider musste Maria Knies­burge von der Gewerk­schafts­zeitung verdi-publik wegen einer Erkrankung ihre Teil­nahme an der Dis­kussion absagen. Sie hätte sicher einiges zu den über­wiegend pre­kären Arbeits­be­din­gungen der Medi­en­schaf­fenden, die viel­kri­ti­sierten Neon­jour­na­listen nicht aus­ge­nommen, sagen können. Viel­leicht hätte sie auch manche her­ab­las­sende Bemerkung über Jour­na­listen, die nur für ihr Honorar schreiben und der idea­lis­ti­schen Phrase vom Jour­na­lismus als Berufung statt Beruf mit Fakten gekontert. 
 http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​6​/​1​47783

Peter Nowak