Kommentar: Willkommenskultur reloaded?

Will­kom­mens­kultur soll nach einer Studie wieder mehr Zuspruch erhalten. Der völlig schwammige Begriff taugt wenig für prak­tische Politik

»Gesell­schaft­liche Will­kom­mens­kultur findet wieder mehr Zuspruch«, lautet das Resümee einer Studie [1] der Mer­cator-Stiftung [2]. Es ist die dritte Studie der Mer­cator-Stiftung zu dem Thema. 2014 und 2016 gab es schon eine Befragung, so dass sich nach Meinung der Wis­sen­schaftler ein Trend fest­stellen lassen kann.

So gab es 2014 noch eher Zustimmung für die Will­kom­mens­kultur. 2016, auf dem Höhe­punkt des Flücht­lings­zuzugs, sank diese rapide ab. Jetzt, so der Bie­le­felder Kon­flikt­for­scher Andreas Zick [3], seien die Men­schen wieder so offen wie vor der Krise, sogar eine klein wenig offener. Nur ist es schon pro­ble­ma­tisch, dass die Zustim­mungs­werte zur Will­kom­mens­kultur mit dem Ansteigen und Fallen der Zahlen der Migranten in Beziehung gesetzt wird. Es wäre doch dann zumindest nach der Stärke und dem Ein­fluss der migra­ti­ons­kri­ti­schen Pro­pa­ganda und ihren Wir­kungen zu fragen.

Postmoderne Begriffsschwurbelei

Auch der Begriff Will­kom­mens­kultur sollte doch mal genauer definier werden. Was ver­stehen denn die Men­schen dar­unter, die diesem Begriff positiv oder negativ gegenüber stehen? Ebenso müssten die Begriffe Vielfalt und offene Gesell­schaft, die in der Studie auch mehrmals vor­kommen, genauer defi­niert werden. Etwas kon­kreter wird es in den unteren Abschnitten.

Nach dem deut­lichen Anstieg von 5,5% (2014) auf 16,4% der Befragten, die sich 2016 dafür aus­sprachen, dass sich Neu­hin­zu­kom­mende erst einmal mit weniger zufrieden geben sollten, wird diese For­derung wieder leiser. Dennoch spricht sich 2018 immer noch knapp jeder Achte (11,7%) für Eta­blier­ten­vor­rechte aus. Gleich­zeitig fordern immer noch deutlich mehr als ein Drittel der Befragten ohne Migra­ti­ons­hin­ter­grund (38%) ein, jüngere Migranten in ihre Schranken zu weisen (2016: 41%, 2014: 26%).

Die For­derung nach einer Wie­der­be­lebung deut­scher Werte und Tra­di­tionen geht zurück. Auch die­je­nigen, die fordern, dass sich Neu­an­kömmling in der Schlange hinten anstellen sollen, werden weniger. Diese Abschwä­chung der Deutsche-Zuerst-Posi­tionen wäre auf jeden Fall ein posi­tives Ergebnis, wenn sie sich in prak­ti­schen Wahl­ver­halten und poli­ti­scher Posi­tio­nierung nie­der­schlagen würde.

Ein Detail der Stu­di­en­ergeb­nisse ist noch erwäh­nenswert. Unter Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund ist die Zustimmung zur Will­kom­mens­kultur um 10 Prozent zurück­ge­gangen. Das ist nicht ver­wun­derlich. Men­schen, die hier, mit welchen Status auch immer, erst mal bleiben können, sehen in anderen Migranten den Kon­kur­renten, den sie fürchten. So setzt sich das Kon­kur­renz­prinzip des Kapi­ta­lismus auch in dem Bereich durch.

Man könnte die Ergeb­nisse der Studie ins­gesamt so inter­pre­tieren, dass sich wieder mehr die Erfor­der­nisse der kapi­ta­lis­ti­schen Öko­nomie gegenüber völ­ki­schen Vor­stel­lungen durch­setzen. Schließlich sind die offene Gesell­schaft und die Vielfalt heute ein Erken­nungs­zeichen des modernen Kapi­ta­lismus, und auch die Will­kom­mens­kultur hat ihre öko­no­mische Grundlage im Arbeits­kräf­te­mangel in Deutschland.

Was sagt es über eine Gesellschaft, wenn der Begriff der Rettung Konjunktur hat?

Diese öko­no­mi­schen Grund­lagen werden von manchen Befür­wortern der Will­kom­mens­kultur igno­riert. Dabei wird der­maßen mora­li­siert, dass sie kaum noch rational dis­ku­tiert werden können. Als Bei­spiel soll eine Leserin der Taz zu Wort kommen, die ange­sichts toter Migranten im Mit­telmeer schreibt: »In der aktu­ellen Situation versage auch ich, ich weiß nicht mehr, was ich tun kann.« Nach wei­teren zwi­schen Selbst­an­klage und Welt­schmerz chan­gie­renden Bekennt­nissen, schreibt die Leserin, was sie eigentlich will: »retten«.

Dieser Begriff hat nicht nur bei Flücht­lings- sondern auch bei der Kli­ma­be­wegung Kon­junktur. Tau­sende Schüler insze­nieren eine kon­for­mis­tische Revolte und insze­nieren sich als Kli­ma­retter [4]. Der Kapi­ta­lismus wird immer aus­ge­blendet, wenn es ums Retten geht. Da wurden die Lebens­be­din­gungen der Men­schen schon so ver­schlechtert, dass Retten als einzige Alter­native erscheint. Dabei müsste doch für eine Welt gekämpft werden, in der es keine Retter mehr geben muss. Das Schlüs­selwort wäre dann Soli­da­rität.

Es ist kein Zufall, dass dieser Begriff in der Mer­cator-Studie nicht auf­taucht. Für eine Koope­ration mit Migranten sind Soli­da­rität und fest­ge­schriebene Regeln auf jeden Fall wich­tiger als vage Begriffe wie Will­kom­mens­kultur und Vielfalt. Sie ver­nebeln eher gesell­schaft­liche Zustände, als dass sie etwas erklären.

Viel­leicht haben jetzt einige tausend Men­schen etwas mehr Rechts­si­cherheit [5], die dafür gebürgt haben, dass Migranten legal nach Deutschland ein­reisen konnten. Sie haben unter­schrieben, dass sie für etwaige Kosten des Migranten auf­kommen, bis er als Asyl­be­werber aner­kannt ist. Doch die Ämter wollten die anfal­lenden Kosten auch danach den Bürgen auf­bürden [6]. Das hätte manche in den Ruin getrieben. Nun werden die Kosten in den meisten Fällen erlassen. Von dem Gezerre um die Bürg­schaften waren Men­schen betroffen, die Geflüch­teten den gefahr­vollen Weg beim Transfer erspart haben und damit sicher auch Leben gerettet haben. 


Peter Nowak

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Links in diesem Artikel:
[1] https://www.stiftung-mercator.de/de/publikation/factsheet-kein-rechtsruck-in-den-einstellungen-zur-gesellschaftlichen-vielfalt-in-deutschland/
[2] http://www.stiftung-mercator.de/de/presse/nachricht/keine-abschottung-vor-der-integration-sondern-befuerwortung-der-kulturellen-oeffnung-in-deutschland/
[3] https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=112507
[4] https://fridaysforfuture.de/
[5] https://www.tagesschau.de/inland/buergschaften-fluechtlinge-101.html
[6] http://www.taz.de/Fluechtlings-Buergen-zur-Kasse-gebeten/!5563865