Emanzipatorischer Klassenkampf

Die Kli­schees von Arbieter_​innenbewegung und Bio­na­den­bour­geoisie. Iden­ti­täten, 68 und die Ver­klärung der real exis­tie­renden Unter­schicht

Oft trifft die Kritik an der libe­ralen tages­zeitung ins grün­schwarze. Doch wenn der Kul­tur­re­dakteur des „Neuen Deutsch­lands“ Christian Baron der taz „grup­pen­be­zogene Men­schen­feind­lichkeit“ vor­wirft,……weil sie in einem Kino­wer­bespot einen Unter­schichts­typen als einen häss­lichen Deut­schen dar­ge­stellt hat, der BILD liest und genau so denkt, irrt er. Baron sieht hier die Unter­schicht dif­fa­miert und dämo­ni­siert. Als Anhänger des Klas­sis­mus­kon­zeptes fordert er Respekt für die Unter­schicht und ihre Macken, die dann oft genug auch Sexismus, Ras­sismus und dumpfes Res­sen­timent gegen alles Unbe­kannte und die Gewohnheit Stö­rende bedeutet. Man braucht nur manchmal in bestimmte Eck­kneipen zu gehen und wird zugeben, dass es sich dabei eben nicht nur um Kli­schees einer Bio­na­den­bour­geoisie handelt. Nur hat die über­haupt keinen Grund, sich über die Unter­schicht lustig zu machen. Wer über die Dummheit in diesen Kreisen etwas erfahren will, muss nur mal in die taz das Interview mit dem Schau­spieler Franz Rogowski lesen, der von sich selber sagt, dass seine poli­tische Mün­digkeit beim nächsten Späti endet und ihn poli­tische und gesell­schaft­liche Fragen nicht inter­es­sieren. Eine Kritik an dem taz-Spot bräuchte daher nicht die real exis­tie­rende Unter­schicht unter Denk­mal­schutz stellen, sondern müsste deutlich machen, dass der von der taz kre­ierte auf­ge­klärte, müll­tren­nende Citoyen auch nur ein Kli­schee ist. Der Typus Franz und Franzi Rogowski dürfte dort ebenso in der Mehrheit sein wie die Enkel des Ekel Alfreds in der Unter­schicht. Ein solcher Befund hat nichts damit zu tun, die Arbeiter_​innenklasse und ihre Kämpfe als längst ana­chro­nis­tisch gewor­denes Projekt auf den Müll­haufen der Geschichte zu kehren. Hier muss also mit zwei Miss­ver­ständ­nissen auf­ge­räumt werden.


Klas­sen­kampf heißt nicht, der Unter­klasse auf die Schultern zu klopfen

Klas­sen­kampf heißt nicht, der Unter­schicht auf die Schultern zu klopfen und um sie eine besondere Schutzzone zu bauen, die womöglich noch mit staat­lichen Gesetzen aus­ge­polstert ist. Ein eman­zi­pa­to­ri­scher Klas­sen­kampf würde vielmehr der Unter­schicht die Mittel an die Hand geben und in die Köpfe beamen, dass sie ihren Status sprengt. Es geht eben nicht darum, die Existenz als Unter­schicht oder der Arbeiter_​innenklasse zu ver­ewigen, sondern auf einen gesell­schaft­lichen Zustand hin­zu­ar­beiten, in dem es keine Klassen, also auch keine Arbeiter_​innenklasse mehr gibt. Bis es soweit ist, sollte jeder Kampf um mehr Lohn und um Arbeits­zeit­ver­kürzung bedin­gungslos unter­stützt werden. Schließlich ist jeder Cent mehr Lohn und jede Minute weniger Arbeit ein Gewinn und muss dem Kapitel abge­rungen werden. Und ein selbst­or­ga­ni­sierter Kampf um solche For­de­rungen ist auch ein Aus­druck von eigener Stärke und Selbst­er­mäch­tigung. Nun kommt dann häufig in Teilen der post­mo­dernen Linken der Vorwurf, ein solcher Klas­sen­kampf würde die Kämpfe von Migrant_​innen und Frauen klein­reden und negieren. Genau das wird der his­to­ri­schen Arbeiter_​innenbewegung vor­ge­worfen, die angeblich immer weiß und männlich war. Ein solches Zerrbild zeichnen auch die Poli­tik­wis­sen­schaftler Mario Neumann und Sandro Mez­zadra in ihrer im Laika-Verlag erschienen Flug­schrift „Jen­seits von Interesse & Iden­tität“. Ihr Fehler ist, dass sie die Funk­tio­närs­or­ga­ni­sa­tionen SPD und die DGB-Gewerk­schaften mit der Arbeiter_​innenklasse gleich­setzen. Dabei waren diese Orga­ni­sa­tionen das Produkt einer Politik von Zuckerbrot und Peitsche, von Repression gegen kämp­fe­rische Teile der Klasse aber auch von der Natio­na­li­sierung der Arbeiter_​innenklasse, ein Prozess, der in Deutschland mit dem Ersten Welt­krieg weit­gehend abge­schlossen war. Aber auch danach gab es eine andere Arbeiter_​innenklasse, die sich nie auf eine Nation beschränkt hat, die mul­ti­na­tional war, die sich keine Sorgen um die Profite der Bosse gemacht hat. Sie war in syn­di­ka­lis­ti­schen, anar­chis­ti­schen und in der ersten Hälfte Wei­marer Republik auch in kom­mu­nis­ti­schen Orga­ni­sa­tionen ver­treten. Sie ori­en­tierte sich nicht national, Arbeiter_​innen aus aller Welt waren in ihr ver­treten.

Das Res­sen­timent von den alten weißen Männern
Ent­gegen dem post­mo­dernen Zerrbild war diese kämp­fe­rische Arbeiter_​innenklasse also keine Ange­le­genheit weißer Männer, wie heute gerne und ohne Beweise behauptet wird. Über­haupt ist das Feindbild vom alten weißen alten Mann zu hin­ter­fragen. Sowohl in der kom­mu­nis­ti­schen als auch in der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Arbeiter_​innenbewegung standen die roten oder rot­schwarzen Groß­eltern auch für ein Bild von gesell­schaft­lichen Kämpfen. „Die Enkel fechten es besser aus“, lautete eine Parole. Dahinter steckte die Vor­stellung von einer Gesell­schaft, in der die Erfah­rungen von Kämpfen, ihre Erfolge aber auch ihre Nie­der­lagen nicht nur als Erfah­rungen von ein­zelnen Indi­viduen, sondern von gesell­schaft­lichen Kol­lek­tiven wei­ter­ge­geben werden. Für eine post­mo­derne Linke, in der der „alte weiße Mann“ mög­lichst schnell ent­sorgt werden soll, exis­tiert diese geschicht­liche Erfahrung nicht mehr.

Her mit dem ganzen Leben
In solchen gemein­samen Kampf­erfah­rungen wird das Fun­dament einer Koope­ration jen­seits von ima­gi­närer Nation und Rasse gelegt, die sich von den mora­li­schen Appellen des gut­si­tu­ierten Mit­tel­standes unter­scheidet. Dieser in kon­kreten Kampf­pro­zessen ent­standene Anti­ras­sismus geht von der alten Devise der Arbeiter_​innenbewegung aus, die in der Inter­na­tionale so aus­ge­drückt wird. „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“. Diese Kampf­pro­zesse drücken sich auch in dem Lied „Brot und Rosen“ aus, das strei­kende Tex­til­ar­bei­te­rinnen vor mehr als 100 Jahre gesungen in den USA haben. „Wenn wir zusammen gehen, kommt mit uns ein bes­serer Tag. Die Frauen, die sich wehren, wehren aller Men­schen Plag. Zu Ende sei. Dass kleine Leute schuften für die Großen. Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen! Brot und Rosen“ Wo immer in den letzten Jahr­zehnten Men­schen für ihre Rechte auf die Straße gegangen sind, wurden diese Lieder wieder gesungen, manche haben sie umge­textet. Aber die Grundlage blieb erhalten. Es geht um den gemein­samen Kampf der Unter­drückten und Aus­ge­beu­teten, ohne zu ver­schweigen, dass es unter­schied­liche Unter­drü­ckungs­formen gibt und Patri­archat, Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus nicht auto­ma­tisch ver­schwinden, wenn die kapi­ta­lis­tische Aus­beutung Geschichte geworden ist. Doch alle Aus­beu­tungs- und Unter­drü­ckungs­formen müssen im gemein­samen Kampf über­wunden werden. Wie weit ent­fernt sind solche Spuren einer trans­na­tio­nalen Soli­da­rität von der post­mo­dernen Iden­ti­täts­po­litik, wo es statt um Aus­beutung und Unter­drü­ckung um Reprä­sentanz und Pri­vi­legien geht?

Welche 1968er sind gemeint?
Es war durchaus nicht erst die 68er-Bewegung, die die Themen Anti­ras­sismus und Kampf um die Rechte der Frauen auf die Tages­ordnung setzten, wie Neumann und Mez­zadra in ihrer Flug­schrift pos­tu­lieren, in der sie eine Reha­bi­li­tierung der 1968er Bewegung ver­suchen. Sie haben recht, wenn sie in dieser sehr viel­fäl­tigen Bewegung und ihren Aus­läufern auch eine prak­tische und theo­re­tische Kritik an den Erstar­rungen und Fehlern der damals real exis­tie­renden Arbei­ter­be­we­gungen sta­li­nis­ti­scher oder sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Prägung erkennen. Aller­dings betei­ligen sich Neumann und Mez­zadra ihrer­seits an einer Mytho­lo­gi­sierung der 68er-Bewegung, wenn sie nicht erwähnen, dass in Italien die ent­schei­denden Wei­chen­stel­lungen für eine linke Arbei­ter­be­wegung schon Anfang und Mitte der 1960er Jahre von Dissident_​innen der erstarrten Kom­mu­nis­ti­schen Partei erfolgt sind. Um 1968 ver­schmolzen diese Inter­ven­tionen mit diversen anderen Bewe­gungen, dazu gehörten femi­nis­tische Inter­ven­tionen ebenso wie kul­tur­re­vo­lu­tionäre Neue­rungen.
Diese hatten von Anfang an einen Dop­pel­cha­rakter. Ein Flügel wollte eine globale linke Offensive befördern, der andere Flügel der 68er-Bewegung, der sich schließlich durch­setzte, bedeutete das Wet­ter­leuchten eines neuen nach­for­dis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­re­gimes des Kapi­ta­lismus, das später ver­kürzt Neo­li­be­ra­lismus genannt wurde. Daher ver­bietet sich ein unkri­ti­scher Bezug auf die 68er- Bewegung. Fruchtbar für eine linke Theorie und Praxis wäre eine Kom­bi­nation von dis­si­denter linker Geschichte der Arbeiter_​innenbewegung mit dem Teil des Auf­bruches der glo­balen 68er Bewegung, die den Kapi­ta­lismus nicht moder­ni­sieren und grün anstreichen, sondern auf­heben wollten.

Peter Nowak

Band 17: Jen­seits von Interesse & Iden­tität, Laika-Verlag, Hamburg 2017, 70 Seiten, ISBN 978–3-944233–89-5, 9,90 Euro

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
Dieser Artikel erschien zuerst in der gras­wur­zel­re­vo­lution Nr. 428 vom April 2018.