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JOB­CENTER: Men­schen ohne Deutsch­kennt­nisse brauchen für ihre Anträge Sprach­mittler. Doch viel zu oft fehlen diese. Jetzt macht eine Initiative Druck

„Wir fordern Hartz IV for all!“, skan­dierten die etwa 20 Akti­vis­tInnen der Ber­liner Erwerbs­lo­sen­in­itiative Basta ver­gangene Woche im Foyer des Job­centers Tem­pelhof-Schö­neberg. Schon nach wenigen Minuten drängte sie der Sicher­heits­dienst rabiat aus dem Gebäude. Nichts wurde es mit dem Plan, den Mit­ar­bei­te­rInnen Wör­ter­bücher für Kroa­tisch, Tür­kisch, Ita­lie­nisch und Rumä­nisch auf einem Sil­ber­ta­blett zu über­reichen. „Bei unserer Beratung treffen wir immer wieder Men­schen, die von den Job­centern trotz aus­ge­füllter Anträge weg­ge­schickt werden, weil ihre Deutsch­kennt­nisse angeblich nicht aus­reichen“, erklärt Gitta Schalk von Basta der taz. Das Job­center Tem­pelhof-Schö­neberg tue sich dabei besonders hervor. Auf Schildern wird dort in eng­li­scher, deut­scher und ara­bi­scher Sprache infor­miert: „Eine Beratung/​Bearbeitung Ihres Anliegens kann nur im Beisein eines deutsch­spra­chigen Sprach­mittlers erfolgen.“ Für Schalk wider­spricht das einer Weisung der Bun­des­agentur für Arbeit (BA) vom November .2016, in der die „Inan­spruch­nahme von Dol­met­scher- und Über­set­zer­diensten“ geregelt wird. Dort wird erläutert, dass durch die EU-Frei­zü­gigkeit Men­schen ohne gute deutsche Sprach­kennt­nisse die Dienste der Bun­des­agentur für Arbeit zunehmend in Anspruch nehmen. „Für diesen Per­so­nen­kreis darf der Zugang zu den Bera­tungs- und Sozi­al­leis­tungen der BA sowie die Bean­tragung von Kin­dergeld und Kin­der­zu­schlag nicht durch Sprach­bar­rieren erschwert werden. Daher können Dol­met­scher- und Über­set­zungs­dienste im erfor­der­lichen Umfang in Anspruch genommen werden“, heißt es in der Weisung.
Dorothée Lorenz von der Pres­se­ab­teilung der Regio­nal­di­rektion Berlin-Bran­denburg der Bun­des­agentur erklärt da-
gegen auf Anfrage, dass beim Job­center Tem­pelhof-Schönberg Sprach­mitt­le­rInnen für Ara­bisch, Farsi, Pashtu, Urdu und Rus­sisch tätig seien.Doch für die Rechts­an­wältin Canan Bayran, die für die Grünen im Ber­liner Abge­ordnen-
tenhaus sitzt, haben alle Job­center Pro­bleme, Men­schen mit geringen Deutsch­kennt­nissen Sprach­mitt­le­rInnen zur
Ver­fügung zu stellen. Die Bereit­schaft, Lösungen zu finden, sei unter­schiedlich aus­ge­prägt. So würden im Job­center
Spandau Inte­gra­ti­ons­lot­sInnen alls Sprach­mitt­le­rInnen ein­ge­setzt. In Fried­richshain-Kreuzberg sammelt eine Ombuds-
stelle Beschwerden über feh­lende Sprach­mitt­le­rInnen und bemüht sich um Abhilfe. Bayram setzt für die Ein­richtung
einer Sprach­mitt­lungs­hotline ein, wie sie in Pankow ver­wendet wird. Auch Lorenz sagt, dass durch die Tele­fon­hotline Dol­met­sche­rInnen- und Über­set­zungs­dienst­leis­tungen für Men­schen mit geringen Deutsch­kennt­nissen in kür­zester Zeit ange­boten werden könnten.

TAZ.DIE TAGES­ZEITUNG, MITTWOCH, 14. JUNI 2017
PETER NOWAK


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