Klassenkampf im Stadtteil

Verdrängung hat viele Gesichter“

Auf­wertung der Stadt­teile bedeutet die Ver­drängung von Mie­te­rInnen mit geringen Ein­kommen. Diese Erkenntnis ist mitt­ler­weile auch in libe­ralen Medien ange­kommen. Doch wie gehen die Betrof­fenen damit um? Was pas­siert in einem jah­relang wenig beach­teten Stadtteil, wenn dort plötzlich in kurzer Zeit fast ein Dutzend Bau­stellen ent­stehen? Ist Auf­wertung und Ver­drängung ein Natur­gesetz, oder gibt es Ver­ant­wort­liche, die diesen Prozess vor­an­treiben? Das sind einige der Fragen, denen sich der Film „Ver­drängung hat viele Gesichter“ widmet, den das Film­kol­lektiv Schwarzer Hahn pro­du­ziert hat. Dort haben Stadt­teil­ak­ti­vis­tInnen gemeinsam mit Künst­le­rInnen mehrere Jahre an dem Film gear­beitet. Sie wollten den Auf­wer­tungs­prozess am Bei­spiel des Ber­liner Stadt­teils Treptow ver­deut­lichen. Noch Ende der 90er Jahre schien es, als wäre der Stadtteil das totale Gegenteil zum Prenz­lauer Berg. Während dort schon Ende der 90er Jahre ein Großteil der Alt-Mie­te­rInnen weg­ziehen mussten, weil sie die teuren Mieten nicht mehr bezahlen konnten, waren in Treptow die Miet­stei­ge­rungen moderat und der Wegzug gering. Doch das änderte sich, als Bau­gruppen den Stadtteil für sich ent­deckten. Es sind meist Ange­hörige der neuen gut ver­die­nenden Mit­tel­schichten, für die Treptow aus meh­reren Gründen inter­essant wurde. Der Weg zum Sze­ne­bezirk Kreuzberg ist kurz. Dort sie­delten sich im Rahmen des Media-Spree-Pro­jekts zahl­reiche Unter­nehmen an. Für die Ange­stellten wurde eine Wohnung in Treptow mit kurzen Anfahrts­zeiten zur Arbeit attraktiv. Wie der plötz­liche Run der Bau­gruppen auf die Bewohner eines Stadt­teils wirkte, der bisher von großen Ver­än­de­rungen ver­schont geblieben war, macht der Film sehr gut deutlich.

Nicht nur Mie­te­rInnen kämpfen in dem Stadtteil um das Über­leben

Der Film begleitet Men­schen, die im wahrsten Sinne des Wortes ums Über­leben kämpfen müssen. Da ist der Alt­rocker, der auf seinen Balkon sitzt und sich bange fragt, ob er sich nach der nächsten Miet­erhöhung die Wohnung noch leisten kann. Der Film zeigt, wie in Treptow in einer Stadt­teil­in­itiative Men­schen aus unter­schied­lichen kul­tu­rellen und gesell­schaft­lichen Milieus zusam­men­ar­beiten. Sie eint die Angst vor der Ver­drängung aus dem Stadtteil und der Wille, sich dagegen zu wehren.

Der Film macht auch deutlich, dass nicht nur Mie­te­rInnen davon betroffen sind. Da wird ein Trep­tower Buch­händler gezeigt, der fast rund um die Uhr im Laden steht und am Ende 5 Euro Gewinn erzielt hat. Die Men­schen, die bisher seinen Buch­laden auf­suchten, ver­schwinden aus dem Stadtteil. Die Kon­sum­wünsche des neu zuge­zo­genen Mit­tel­standes kann er nicht befrie­digen. Er arbeitet uner­müdlich und kommt kaum über die Runden. Der Film geht so auf Aspekte der Auf­wertung eines Stadt­teils ein, die oft aus­ge­blendet werden. Neben den Mie­te­rInnen mit wenig Geld sind auch Läden und Kneipen bedroht, die ein Angebot für eine Kund­schaft mit geringem Ein­kommen anbieten.

Die „guten“ VerdrängerInnen

Doch auch die Men­schen, die von der neuen Situation pro­fi­tieren, kommen in dem Film zu Wort. Mit­glieder der Bau­gruppen werden inter­viewt. Manchmal kommt es zum Dialog, oft zum Streit­ge­spräch zwi­schen den Gewinnern und Ver­lierern der Auf­wertung. Viele Bau­gruppen-Mit­glieder äußern ihr Unver­ständnis darüber, warum sie plötzlich in der Kritik stehen. Einige haben in ein Interview mit den Fil­me­ma­che­rInnen ein­ge­willigt, weil sie sich unge­recht­fertigt kri­ti­siert sahen. Sie seien doch keine Gen­tri­fi­zie­re­rInnen, sondern umwelt­be­wusste Stadt­bür­ge­rInnen. In dem Film werden die Bau­gruppen-Bewoh­ne­rInnen nicht denun­ziert. Doch es werden immer wieder die gesell­schaft­lichen Bedin­gungen infrage gestellt, die dafür sorgen, dass in einem Stadtteil Alt­mie­te­rInnen ums Über­leben kämpfen und gleich­zeitig ein neuer Mit­tel­stand seine Pri­vi­legien und seine Macht aus­spielt.

Der Film zeigt, dass Ver­drängung viele Gesichter hat, aber kein Natur­gesetz ist. So wird auch der All­tags­wi­der­stand der Mie­te­rInnen in Treptow gezeigt, der vom Besuch bei den vielen neuen Krea­tiv­büros über Stadt­teil­spa­zier­gänge über Betei­ligung an Bau­gruppen-Partys ohne Ein­ladung bis zur Besetzung reicht.

Film als kollektiver Organisator

Doch „Ver­drängung hat viele Gesichter“ doku­men­tiert nicht nur Ver­drängung und Wider­stand in dem Stadtteil Treptow. Mitt­ler­weile trägt er selber dazu bei, dass sich die Stadt­teil­be­woh­ne­rInnen orga­ni­sieren. Nach vielen Film­vor­füh­rungen gibt es oft sehr leb­hafte Dis­kus­sionen. Dort melden sich auch Mie­te­rInnen zu Wort, die hier endlich mal Gele­genheit haben, über ihre Erfah­rungen mit Luxus­mo­der­ni­sierung und Ver­drän­gungs­stra­tegien zu sprechen. Sie treffen dort auf ein auf­merk­sames Publikum, das oft ähn­liche Erfah­rungen gemacht hat und mit Rat­schlägen dazu bei­tragen kann, dass die Mie­te­rInnen Mut und Selbst­ver­trauen schöpfen. Denn sie erkennen, dass die Schuld nicht bei ihnen liegt, wenn sie sich nach einer Moder­ni­sierung die Miete nicht mehr leisten können. Und sie machen die Erfahrung, dass Ver­drängung kein Schicksal und Wider­stand dagegen möglich ist.

VER­DRÄNGUNG HAT VIELE GESICHTER

DE 2014, 94 min, Regie: Film­kol­lektiv schwarzer Hahn

Weitere Infos zum Film finden sich auf der Homepage:

ber​lin​gen​tri​fi​cation​.word​press​.com

https://​www​.direkteaktion​.org/​2​2​7​/​k​l​a​s​s​e​n​k​a​m​p​f​-​i​m​-​s​t​a​d​tteil

Peter Nowak