Breivik als Theaterstoff?

Die Lesung einer Erklärung Breiviks im Rahmen eines Kul­tur­fes­tivals führt erwar­tungs­gemäß zu einem Kunst­skandal. Dabei wird die Frage igno­riert, was an dessen Erklärung über­haupt dis­ku­tiert werden soll

Im Schatten des Roten Rat­hauses in unmit­tel­barer Nähe des Ber­liner Alex­an­der­platzes hat man den Ein­druck, am Stadtrand zu sein. Wer sich am Abend in die Klos­ter­straße verirrt, muss schon ein bestimmtes Ziel haben. Zur Zeit wird es viel­leicht häu­figer das Mono­log­fes­tival sein, das noch bis zum kom­menden Sonntag im Thea­ter­dis­counter in der Klos­ter­straße statt­findet.

Ins­gesamt 11 Künstler und Kunst­kol­lektive sind ein­ge­laden, ihre Vor­stel­lungen von dem Thema »Jen­seits von Gut und Böse« dar­zu­stellen. Das Fes­tival ist durch eine Ver­an­staltung auch bun­desweit in die Dis­kussion geraten. Am Samstag hat Milo Rau die Erklärung, die der nor­we­gische Rechts­ter­rorist Breivik bei seinem Prozess vortrug, von einer Künst­lerin ver­lesen lassen.

»Der 77fache Mörder erläutert seine Taten, bekundet seine Ver­bun­denheit zu Al Qaida, zum schwei­ze­ri­schen Mina­rett­verbot und zur deut­schen NSU und skiz­ziert seine Theorie des Unter­gangs Europas durch Ein­wan­derung und Mul­ti­kul­tu­ra­lismus. Die Aus­sagen wurden nicht im Fern­sehen über­tragen und für die Öffent­lichkeit gesperrt. Als Anders B. Breivik spricht Sascha Ö. Soydan«, wird die schon lange vorher aus­ver­kaufte Ver­an­staltung ange­kündigt.

Zu der großen Auf­merk­samkeit für das Stück kam es, nachdem sich in der letzten Woche das Natio­nal­theater Weimar kurz­fristig von der dort im Rahmen eines Kul­tur­fes­tivals geplanten Lesung der Breivik-Erklärung distan­zierte, die dar­aufhin in ein Kino verlegt werden musste.

Fertig war der Kunst­skandal – manche Medien sprachen gleich von Zensur. Nun ist das Vor­gehen der Wei­marer Thea­ter­leitung tat­sächlich merk­würdig. Schließlich wird das Pro­gramm Wochen im Voraus fer­tig­ge­stellt und sollte nicht nach einigen Schlag­zeilen in den Bou­le­vard­medien wieder umge­worfen werden.

Was soll an Breiviks Text dis­ku­tiert werden?

Aller­dings ist die Debatte eigentlich völlig über­flüssig. Weder macht sich eine Kunst­ein­richtung, die einen solchen Text ver­lesen lässt, mit dem Ver­fasser gemein, noch ist es eine Deckelung oder gar Zensur, wenn eine Kul­tur­in­sti­tution oder auch ein ein­zelner Künstler sich an einer solchen Lesung nicht betei­ligen will. Breiviks Text, der von der nor­we­gi­schen Justiz unbe­greif­li­cher­weise gesperrt wurde und daher erst recht Auf­merk­samkeit bekam, ist schon längst weltweit im Netz zu lesen.

Daher stellt sich auch die Frage, ob er im Theater noch einmal ver­lesen werden muss. Bestünde nicht gerade eine gute künst­le­rische Inter­vention darin, den Text zur Grundlage einer eigenen Arbeit zu nehmen. Zudem stellt sich die Frage, welche Debatte durch das Ver­lesen angeregt werden soll? Wird da nicht gerade in Zeiten des Internet die Rolle eines Theaters maßlos über­schätzt?

Und selbst vor den Inter­net­zeiten dürfte es sich um eine Über­schätzung handeln, wenn es um den Ein­fluss solcher Dar­bie­tungen geht. Oder wäre die Geschichte wirklich anders ver­laufen, wenn Hitlers »Mein Kampf« in den 1920er Jahren in deut­schen Thea­ter­sälen ver­lesen worden wäre? Zudem ist der Begriff Dis­kussion im Zusam­menhang mit Breiviks Text frag­würdig. Glaubt ernsthaft jemand, dort finden sich Argu­mente, die abge­wogen werden sollen?

Kann es bei seiner Lesung nicht eigentlich nur darum gehen, die Mecha­nismen und Struk­turen zu erkennen, die zwi­schen Breiviks Ideo­logie und Denk­formen bestehen, die in der bür­ger­lichen Gesell­schaft aner­kannt sind? Einen sinn­vollen Effekt hatte die Dis­kussion um Breiviks Text immerhin, das Mono­log­fes­tival hat ver­dien­ter­maßen mehr Publicity bekommen. Das hätte es aller­dings auch durch die vielen anderen dort vor­ge­stellten künst­le­ri­schen Posi­tionen ver­dient, die nicht mit Breiviks Namen ver­bunden werden können.
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Peter Nowak