
Repressalien gegen Medienvertreterinnen kommen in Russland häufig vor. Davon sind gelegentlich auch Journalist*innen aus Deutschland betroffen. Doch in einem offenen Brief, den Ulrich Heyden an Bundespräsident Steinmeier schrieb, beklagt der in Hamburg geborene und seit Jahren in Moskau lebende Journalist keine Einschränkungen durch die russischen Behörden. Heyden moniert vielmehr, …
… dass ihm die Hamburger Sparkasse (Haspa) sein Konto gekündigt habe, über das er seit 1990 seine Geldgeschäfte tätige. »Am Telefon erklärte mir gestern ein Mitarbeiter der Sparkasse, die Kündigung habe mit den EU-Sanktionen gegen Russland zu tun. Der Mitarbeiter der Sparkasse meinte, ich würde in einem ›Hochrisiko-Land‹ leben«, heißt es in dem Brief an Steinmeier. Im Gespräch mit »nd« betonte Heyden, die Nachricht von der Kontokündigung sei ein Schock gewesen, obwohl er seelisch darauf vorbereitet gewesen sei. Doch er wolle sich dagegen wehren. »Ich habe gegen die Kontokündigung, die spätestens zum 30. April wirksam werden soll, schriftlich Widerspruch eingelegt und dabei auch auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes vom Mai 2015 verwiesen, das sachgerechte Gründe zur Bedingung für eine Kündigung macht«, sagt Heyden zu »nd«. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat ihm allerdings schon mitgeteilt, dass er trotz über 50-jähriger Gewerkschaftsmitgliedschaft nicht den Rechtsschutz in Anspruch nehmen könne, weil dieser in seinem Fall nicht greife. Heyden bereitet sich auch auf den schlimmsten Fall vor. »Sollte die Kündigung trotz des Widerspruchs durchgezogen werden, bin ich gezwungen, mir auf dem internationalen Finanzmarkt ein neues Geldinstitut zu suchen. Ich bin zuversichtlich, dass ich einen Weg finde, meine schwer verdienten Honorare von deutschen, Schweizer und österreichischen Medien auch in Zukunft zu bekommen.« Der 1954 in Hamburg geborene Heyden begann seine journalistische Arbeit in den 70er Jahren bei der Zeitung »Arbeiterkampf«, dem damaligen Organ des Kommunistischen Bundes, das mittlerweile als »AK« weiterhin monatlich erscheint. Ab 1990 schrieb Heyden für verschiedene Medien in Deutschland und der Schweiz, darunter »nd«, das Onlinemagazin Telepolis, die Wochenzeitungen »Freitag« und »WOZ«. Doch seine Hauptabnehmer seien Regionalzeitungen gewesen, betont Heyden gegenüber »nd«. Dazu gehörten die »Sächsische Zeitung«, die »Aargauer Zeitung« und der »Südkurier«. Schon nach der russischen Krim-Besetzung beendeten mehrere dieser Zeitungen die Zusammenarbeit mit Heyden. 2017 beendete er die Zusammenarbeit mit dem nd und 2022 auch die Wochenzeitung »Freitag«. Schnell stand der Vorwurf im Raum, Heyden sei zu putinfreundlich.
Dabei hat er 2009 gemeinsam mit Ute Weinmann das Buch »Opposition gegen das System Putin« herausgegeben, das damals als ein Standardwerk über Putin-Gegner*innen gelobt wurde. Heyden sieht dann auch andere Gründe in der Ablehnung seiner Texte in vielen deutschen Medien.
»Ein Thema aus Russland, das nicht direkt mit Putin oder dem Krieg in der Ukraine zu tun hat, an ein deutsches Medium zu verkaufen, ist noch schwieriger geworden. Die Offenheit der Redaktionen für Berichte über russisches Theater und Kino, russischen Alltag oder für Reportagen über das Leben in der russischen Provinz war nie groß und ist seit 2022 noch geringer geworden«, sagt Heyden. Doch für ihn kam es nie in Frage, Russland zu verlassen. Dieses Angebot sei ihm auch von einem Mitarbeiter der Haspa als eine Möglichkeit genannt worden, die Kontokündigung zu vermeiden. Doch Heyden berichtet weiterhin aus Russland unter anderem für die Tageszeitung »Junge Welt«, die Nachdenkseiten und das Overton-Magazin. Er muss nun Wege finden, an sein Honorar zu kommen. Von Seiten der Haspa gab es bis Redaktionsschluss auf die »nd«-Anfrage zu den Gründen für die Kontokündigung keine Antwort.
In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu politisch motivierten Kündigungen von Bankkonten. Am prominentesten ist dabei der Fall der Roten Hilfe, der Konten bei Sparkasse und GLS Bank gekündigt wurden. Peter Nowak